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Gut für Tier und Mensch: Landwirt nimmt „Tierwohl-Stall“ im Kreis Gießen in Betrieb

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Von: Ursula Sommerlad

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Investition ins Tierwohl: Der neue Schweinestall auf dem Hof von Ingo und Jasmin Schmalz in Hungen bietet den Tieren viel Platz und ist rundum offen. © Ursula Sommerlad

Landwirt Ingo Schmalz aus Hungen (Gießen) hat in diesem Sommer seinen neuen Tierwohl-Stall in Betrieb genommen. Nicht nur die Schweine profitieren von mehr Luft und Licht.

Hungen – Links vom Hof picken freilaufende Hühner, rechts vom Hof grunzen glückliche Schweine: Dieses Wunschbild schwebte Ingo Schmalz schon länger vor. Nun ist es Wirklichkeit geworden. Der Landwirt aus Hungen und seine Frau Jasmin haben ihren Tierwohl-Stall in Betrieb genommen; im Juni sind die ersten Ferkel in den 60 Meter langen Bau eingezogen, der komplett offen ist und den Tieren viel Bewegungsfreiheit bietet. »Man sagt Tierwohl-Stall. Es ist aber auch ein Menschwohl-Stall«, sagt Schmalz und lächelt. »Mir macht die Arbeit so noch mehr Spaß.«

Ingo und Jasmin Schmalz haben ihren Hof breit aufgestellt und verfolgen ein konsequent regionales Konzept. Ihre Produkte vermarkten sie vor Ort. Fleisch und Wurst der Schmalz’schen Schweine bekommt man ausschließlich im hofeigenen Tiergartenlädchen oder bei den Limes-Metzgern in Hungen. Bei diesem Alleinstellungsmerkmal soll es auch bleiben. »Unsere Schweine könnte ich nicht an den Schlachthof verkaufen«, sagt Schmalz. Seine Art zu wirtschaften setze voraus, dass die Kunden einen höheren Preis zu zahlen bereit sind.

Tierwohl-Stall im Kreis Gießen: Viel Platz für die Schweine

Auch im alten Stall haben die Schweine der Familie Schmalz schon auf Stroh gelebt. Aber dort war es dunkler und enger. Die Buchten in ihrer neuen Behausung sind 13 Meter lang, der Mistbereich vorne ist sommers wie winters offen und nur durch eine 70 Zentimeter hohe Betonbrüstung und ein paar Metallstäbe von der Außenwelt getrennt. Liegebereich und Trittstufe, die sich weiter hinten befinden, bieten dank absenkbarer Decke, Rollos und Kunststofflammellen bei Bedarf Schutz vor kalter Witterung.

Vor allem die ganz jungen Tiere, die im Alter von zweieinhalb Monaten und mit 30 Kilo Gewicht neu in den Tierwohl-Stall eingezogen sind, wissen die großzügigen Buchten offensichtlich zu schätzen. Bei ihnen ist ordentlich Betrieb, sie flitzen auf und ab und balgen sich. »Sie müssen die Rangordnung noch auskämpfen«, weiß Schmalz. Die älteren Schweine lassen es ruhiger angehen, viele liegen, eng aneinander geschmiegt, in Gruppen zusammen.

Schweine müssen sich noch an ihren neuen Tierwohl-Stall im Kreis Gießen gewöhnen

Zum Bedauern des Landwirts tun sich die Schweine mit den Spielregeln im neuen Stall bislang ein bisschen schwer. »Sie haben noch nicht ganz kapiert, wo ihr Klo ist«, sagt der 44-Jährige ironisch. Eigentlich sollen sich die Tiere nur vorne im Mistbereich erleichtern, wo man die Bescherung ganz einfach mit dem Radlader zusammenschieben kann.

Dass manche Tiere ihr Geschäft auch weiter hinten im Liegebereich erledigen, beschert dem Landwirt zusätzliche Arbeit. Momentan muss er hier jeden Tag saubermachen, und zwar in Handarbeit. »Das war so nicht geplant.« Dennoch: Eine Arbeitserleichterung sei der Stall, der Platz für maximal 400 Tiere bietet, auf jeden Fall.

Nicht zuletzt sollen auch die Kunden profitieren. »Weniger Stress = besseres Fleisch«: So lautet, kurz gefasst, die Formel. Allerdings: Wenn im Oktober erstmals Fleisch von Schweinen aus dem Tierwohl-Stall in den Verkauf kommt, wird sich die höhere Qualität auch in höheren Preisen niederschlagen. Auf die Reaktionen ist Ingo Schmalz gespannt. »Wir sind hier auf dem Land. Wir können nicht Gießener Preise aufrufen.«

EU-Förderung mit Auflagen im Tierwohl-Stall im Kreis Gießen

»Man darf es nicht ausreizen«, weiß auch seine Frau, die den Hofladen führt. Rein wirtschaftlich betrachtet müsste der Kilopreis fürs Fleisch um zwei Euro steigen. »Aber ob die Kunden da mitgehen?« Jasmin Schmalz will die Leute nicht bevormunden. »Aber ich freue mich, wenn ich sie zum Nachdenken bringe.« Deswegen sind Besucher auf dem Hof willkommen. Und deshalb steht der neue Tierwohl-Stall dort, wo er jetzt steht. »Wir wollten, dass man ihn von der Landstraße aus sieht«, sagt Bauherr Schmalz.

Die Kosten pro Stallplatz beziffert er auf 1200 Euro. Er hat EU-Fördermittel bekommen, musste im Gegenzug aber auch Auflagen erfüllen. Zum Beispiel Spielmöglichkeiten für die Schweine. Zusätzlich zum Stroh und den Ketten mit Beißklötzen, die es schon im alten Stall gab, wurden Rohre mit Luzerne-Briketts und Heuraufen installiert. »Aber dafür interessieren sich die Tiere nicht«, hat Schmalz festgestellt. Die Forderungen aus der Politik sind für Schmalz, wie für viele Landwirte, ein ständiges Ärgernis. »Mit der Natur zu arbeiten ist ja schon schwierig genug«, findet er.

Eigene Ferkelzucht im Tierwohl-Stall im Kreis Gießen als Idee für die Zukunft

Eine seiner größten Sorgen ist, dass es wegen immer strengerer Auflagen irgendwann keine Ferkel mehr aus Hessen geben könnte. Momentan bezieht er die Tiere von Betrieben in Bellersheim und Südhessen. Aber was, wenn es die nicht mehr gäbe? Deshalb hat er schon daran gedacht, die Sauenhaltung selbst in die Hand zu nehmen. Das ginge aber nur, wenn eines seiner drei Kinder auf dem Hof mit einsteigen würde. Momentan fällt dieses Projekt noch in die Kategorie langfristiger Überlegungen. Schmalz’ Älteste ist gerade mal 13.

Konkret sind dafür die Pläne für die Umnutzung des alten Schweinstalls. Aktuell leben dort noch 80 Tiere in der Endmast. In zwei Monaten werden sie alle geschlachtet sein. Danach soll auch das Tiergartenlädchen, das bislang in einem elf Quadratmeter großen Raum untergebracht ist, mehr Platz bekommen.

Ob die Schmalz’schen Schweine in Zukunft ein entsprechendes Tierwohl-Logo bekommen, hängt davon ab, wie die Debatte um das Tierwohl-Logo weiter geht.

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