Ein Absperrband wurde an einem Tatort vor einem Polizeiauto angebracht.
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Der Angeklagte Olaf C. in einem Mord-Fall im Kreis Gießen will selbst Opfer des Mitangeklagten sein. (Symbolbild)

Prozessbericht

„Mord ohne Leiche“ – Lehrer aus dem Kreis Gießen auf der Anklagebank

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Am vierten Prozesstag um einen »Mord ohne Leiche« im Kreis Gießen erzählt einer der Angeklagten von Prostitution und Glücksspiel.

Hungen – Olaf C. hat intensive Prozesstage am Gießener Landgericht hinter sich. Der 44 Jahre alte Studienrat, der gemeinsam mit einem zweiten Angeklagten im November 2016 einen Freund entführt und in einer Hofreite bei Hungen ermordet haben soll, hatte Ende April ausführlich seine Sicht der Ereignisse geschildert. Gestern setzte das Gericht unter Vorsitz von Richterin Regine Enders-Kunze die Befragung des Mathematik- und Physiklehrers aus dem Raum Hanau fort. Auch Staatsanwaltschaft und Rechtsanwalt Alexander Hauer als Vertreter der Nebenklage hatten zahlreiche Fragen.

„Mord ohne Leiche“

Der Prozess-Auftakt im „Mord ohne Leiche“-Fall sorgte Ende April für ein großes Medienecho. Die beiden Angeklagten sollen 2016 einen Bekannten aus Hanau ermordet und anschließend die Leiche zerstückelt haben. Von den Leichen-Teilen fehlt bis heute jede Spur. (seg)

Olaf C. bestreitet eine Mittäterschaft. Nach seiner Darstellung ist auch er ein Opfer des zweiten Angeklagten Robert S. Sein einstiger Kommilitone habe ihn in den Mord an Daniel M. mit hineingezogen und anschließend so unter Druck gesetzt, dass er sich erst dreieinhalb Jahre später gegenüber der Polizei offenbarte.

„Mord ohne Leiche“ im Kreis Gießen: Glücksspiel und Prostitution

Das Bild, das sich nach nunmehr vier Prozesstagen von Olaf C. abzeichnet, ist das eines Mannes, der seinen Beruf als Lehrer gut und gerne ausübt. Wenn er von Experimenten mit seinen »Kiddies« im Physikunterricht erzählt, lebt er auf, kommt ins Erzählen und wirkt ganz bei der Sache. Sein Privatleben nimmt sich weniger bürgerlich aus. Jenseits der Schule interessiert sich der allein lebende 44-Jährige fürs Glücksspiel. Er besucht regelmäßig den Bahama-Club in Maintal und ist dort eigenen Aussagen zufolge »Stammfreier« einer Prostituierten aus Rumänien, der er in einer Problemlage auch Geld leiht. Als die Frau es nicht zurückzahlt, erstattet er Anzeige und lässt sie durch einen Privatdetektiv ausforschen.

Staatsanwalt Thomas Hauburger fragte intensiver nach. Ob eine Kreditaufstockung über 19 000 Euro mit seinen Besuchen bei Prostituierten zusammenhänge? Klare Aussage des Angeklagten: »Die Prostituierten hätte ich mir auch ohne Kredit leisten können.«

„Mord ohne Leiche“ im Kreis Gießen: Die Angeklagten sind ehemalige Kommilitonen

Zahlreiche Fragen von Gericht und Staatsanwaltschaft drehten sich zudem um das Verhältnis der beiden Angeklagten. »Ich hatte den Eindruck, dass er ein komischer Typ war, aber nicht wirklich gefährlich«, sagt Olaf C. über seinen einstigen Kommilitonen. Er glaubt, dass der bereits im Jahr 2013 versucht hatte, ihn zu entführen und ihm bei einem Mc-Donalds-Besuch etwas in den Becher geschüttet habe. Dass er den Kontakt damals unkommentiert fortgeführt habe, verwunderte sowohl Gericht als auch Anklagevertretung. »Ich würde ja schon mal fragen: Was machst du da?«, bemerkte Hauburger. Olaf C. hat von dem Vorfall zwar zeitnah ein Gedächtnisprotokoll erstellt und später einem Freund einen Brief gegeben für den Fall, dass ihm etwas zustoßen sollte. Zum Bruch mit dem merkwürdigen Kumpel kam es allerdings nicht. Verteidigerin Dr. Iris Passek kündigte dazu eine schriftliche Erklärung an.

„Mord ohne Leiche“ im Kreis Gießen: Blutverschmierte Handschuhe

Erneut zur Sprache kam die Kleidung, die C. am Tag der Tat getragen haben soll. Fotos davon will C. im Mai 2020 von Robert S. erhalten haben. Ein neuerlicher Versuch, ihn unter Druck zu setzen, wie er sagt. Auf den Bildern zu sehen sind unter anderem blutverschmierte Handschuhe. Olaf C. hat bei seiner Haftvorführung geäußert, dass sie ihm gehören oder dass er das zumindest annehme. In einer von seinem Verteidiger Lars Kirch verlesenen schriftlichen Erklärung relativierte er nun diese Aussage. Er könne sich nicht mehr erinnern, wie die Handschuhe, die er am Tattag trug, aussahen. Er sei beim Anblick der Fotos lediglich davon ausgegangen, dass es sich um jene Handschuhe handele.

Der zweite Angeklagte Robert S. hat sich in dem Prozess bislang nicht geäußert. Seine für gestern vorgesehene Einlassung musste verschoben werden – aufgrund technischer Probleme, wie die Vorsitzende Richterin erläuterte. Videos, die zur Vorbereitung nötig gewesen wären, hätten in der JVA nicht abgespielt werden können.

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