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Das Sirenennetz ist im Landkreis Gießen in den meisten Kommunen noch bis in die kleinsten Ortschaften hinein - hier auf dem Dorfgemeinschaftshaus in Rabertshausen - intakt.

Flutkatastrophe

Kreis Gießen: Zwei Kommunen haben ihre Sirenen abgeschafft – aus Kostengründen

  • VonPatrick Dehnhardt
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Nach der Flutkatastrophe mit über hundert Toten werden Rufe lauter, wieder ein flächendeckendes System aus Sirenen aufzubauen. Wie ist die Lage im Landkreis Gießen?

Landkreis Gießen – Was hat Rabertshausen, was Langgöns und Linden nicht haben? Eine Sirene zur Bevölkerungswarnung. Im kleinsten Hungener Stadtteil steht sie auf dem Dach des Dorfgemeinschaftshauses. Am angrenzenden Feuerwehrhaus gibt es sogar noch einen Melder, mit dem sie im Notfall per Hand ausgelöst werden kann - jedenfalls um Feueralarm zu geben. Dies ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr.

Sirenen im Kreis Gießen: 30.000 Euro pro Anlage

Über Jahre hinweg galten die Sirenen als Auslaufmodell. Mit Ende des Kalten Kriegs fiel die Aufgabe des Zivilschutzes weg. Nach der Wiedervereinigung wurde das Sirenennetz in Deutschland 1993 deutlich ausgedünnt - von einstmals 80.000 verschwand die Hälfte. Vielerorts wurde über den Erhalt aufgrund der Wartungs- und Austauschkosten diskutiert.

So auch in Langgöns. Dort fiel 2017 die Entscheidung gegen die Sirenen. Damals hieß es in der Diskussion des Haupt- und Finanzausschusses, dass das Netz für eine funktionierende Bevölkerungswarnung zu lückenhaft sei. Elf zusätzliche Sirenen hätten laut Gemeindebrandinspektor im Gemeindegebiet aufgestellt werden müssen. Die Kosten wurden mit 30.000 Euro pro neuer Anlage angegeben. Außer den Freien Wählern sprachen sich damals alle anderen Parteien gegen den Erhalt aus.

Sirenen im Kreis Gießen: Fehlschlag des Bundeswarntag

Zudem erwartete man, dass sie mit Einführung des Digitalfunks für die Rettungskräfte ihre Funktion verlieren würden: »Die Sirenen würden ab diesem Zeitpunkt nicht mehr benötigt, sie würden nur noch kosten«, gibt der Bericht dieser Zeitung vom 19. Januar 2017 die damalige Stimmung wieder.

Als im vergangenen September der Bundeswarntag fehlschlug, wurde dies vielerseits belächelt. Nach den jüngsten Unwettern mit zahlreichen Toten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wurde jedoch Kritik laut, die Bevölkerung sei nicht oder zu spät gewarnt worden - auch aufgrund fehlender Sirenen.

Sirenen im Kreis Gießen: Viele Kommunen habe sie noch

Was bedeuten die Signale?

Das wichtigste Sirenensignal für die Bevölkerung ist ein einminütiger auf- und abschwellender Heulton. Dieser warnt die Bevölkerung vor einer Gefahr. Ertönt dieses Signal, soll man sofort geschlossene Räume aufsuchen, Türen und Fenster schließen und auf Rundfunk- und Lautsprecherhinweise achten. Die Warnung gilt solange, bis sie mit einem einminütigen Dauerton aufgehoben wird.

Die Feuerwehr wird hingegen mit einem zweimal unterbrochenen Heulton alarmiert. Er ist für die Bevölkerung zunächst unbedeutend. Jedoch kann man die Anfahrt der Einsatzkräfte mit Privatautos zum Feuerwehrhaus erleichtern, indem man spielende Kinder von der Straße holt und nicht genau in diesem Moment selbst mit dem Auto oder Fahrrad losfährt - also die Straßen für einen Moment freihält.

Im Landkreis Gießen wäre dies zumindest kein Problem. Fast alle Kommunen verfügen über entsprechende Warnanlagen. »Je nach Größe des Ortes und nach Sirenenform gibt es pro Ortsteil auch mehrere Sirenen«, sagt Dirk Wingender, Pressesprecher des Landkreises. In vielen Kommunen wird zudem weiterhin die Freiwillige Feuerwehr nicht nur über Funkmeldeempfänger oder SMS, sondern auch über Sirene alarmiert. Dies würde auch passieren, falls das Funknetz ausfällt. Jedoch müssten die Kommunen dafür Sorge tragen, dass die jeweilige Sirene technisch so ausgestattet ist, dass sie auch den Bevölkerungswarnton erzeugen kann, sagt Wingender

Auch in Linden und Langgöns könnte die Bevölkerung im Ernstfall schnell gewarnt werden: In Langgöns etwa hat die Feuerwehr Pläne, welche Wege sie für Lautsprecherdurchsagen durch die Orte fahren soll, sagt Bürgermeister Marius Reusch. Bislang seien diese jedoch noch nie gebraucht worden. Zum Bundeswarntag stand die Feuerwehr bereit - erhielt jedoch keinen Einsatzauftrag. In Linden gibt es indes Pläne, die Sirenen wieder aufzustellen. In Langgöns will man darüber sprechen, sagt Reusch.

Sirenen im Kreis Gießen: Landrätin würde Katastrophenfall ausrufen

Die Sirenen sind zudem nur eine Ergänzung zu weiteren Warnsystemen, verdeutlicht Wingender. So sind die Apps »Katwarn« und »NINA« kostenlos für das Smartphone verfügbar. Sie ermöglichen es, Warnungen zum jeweiligen Aufenthaltsort zu bekommen. »Dies ist eine wichtige Ergänzung zur Sirenen- bzw. Lautsprecherwarnung - auch deshalb, weil über die Apps sofort Informationen zur Gefahrenlage, Verhaltenshinweise und weiteren Informationsquellen vermittelt werden können.«

Im Landkreis Gießen würde die Landrätin den Katastrophenfall im Einvernehmen mit dem hessischen Innenministerium feststellen - und damit die Alarmketten in Bewegung setzen. Die Sirenen werden dann unabhängig von der zentralen Leitstelle in Gießen ausgelöst. Dies könnten im Bedarfsfall auch das Land oder der Bund.

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