Das ehemalige Nonnenröther Gefrierhaus. Vandalen haben eine Scheibe eingeschlagen; das Loch wurde mit einem Brett provisorisch verschlossen. 			FOTO: PAD
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Das ehemalige Nonnenröther Gefrierhaus. Vandalen haben eine Scheibe eingeschlagen; das Loch wurde mit einem Brett provisorisch verschlossen. FOTO: PAD

Vom Ende der Eiszeit

  • vonPatrick Dehnhardt
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Rund 52 Jahre brummte in Nonnenroth die Kältemaschine des Gefrierhauses. Als immer mehr Bürger eine eigene Gefriertruhe besaßen, hatte das Gemeinschaftsprojekt ausgedient. 2014 wurde abgetaut, das Gefrierhaus zum »Lost Place«.

In den 1960er Jahren gab es noch nicht in jedem Haus einen Kühlschrank oder gar eine Tiefkühltruhe. Gerade auf den Dörfern, in denen zu fast jedem Haushalt noch eine kleine Landwirtschaft und ein Gemüsegarten gehörten, fielen viele verderbliche Lebensmittel an - nicht zuletzt, wenn Schlachttag war.

Das was auch in Nonnenroth so. 1961 saßen die Männer nach der Singstunde im Gasthaus »Zum Löwen« zusammen. Dabei kam die Idee auf, gemeinsam ein Gefrierhaus zu bauen. Solche Anlagen gab es schon in anderen Orten. Nun sollte dieser Fortschritt auch in Nonnenroth Einzug halten. Als die Männer bei ihren Frauen zu Hause fragten, was sie von einem Gefrierhaus hielten, wurde deutlich, dass dies keine Schnapsidee war.

Am 24. November 1961 fand die Gründungsversammlung der Gefriergemeinschaft statt, bei der Karl Bock zum ersten Vorsitzenden gewählt wurde. So steht es im handgeschriebenen Protokollbuch. Der neue Verein hatte allerdings ein Problem: Noch war kein geeignetes Grundstück gefunden. Die Pläne, es im Dorfkern in der Brunnenstraße zu bauen, zerschlugen sich.

56 heiß begehrte Gefrierfächer

Im Juni 1962 wurde schließlich ein Bauantrag für ein Gebäude auf dem Areal »In den Straßengärten« - heute »In den Gärten 44« - gestellt. Gleichzeitig wurden in Lindau/Bodensee beim Hersteller Escher Wyss die Gefrierfächer samt Kältemaschine bestellt.

Neben 56 abschließbaren Gefrierfächern - auf zwei Seiten in drei Reihen angeordnet - wurde ein fünf Kubikmeter fassender Kühlraum gebaut. Er sollte bei den damals noch häufig vorkommenden Hausschlachtungen zum Einsatz kommen. 20 500 Mark kostete allein die Kühltechnik.

Bereits im Herbst ging die Anlage in Betrieb, wie die ersten Stromrechnungen belegen. Wer welches Fach erhielt, entschied das Los. Pro Monat mussten die Mitglieder der Gefriergemeinschaft 20 Mark für ihr Fach plus Stromgeld zahlen, größere Reparaturen wurden umgelegt.

Zunächst wurde das Gefriergut in einem der beiden Schnellfroster tiefgefroren, bevor es ins eigene Gefrierfach gelegt wurde. Bei Bedarf wurde es dann wieder geholt.

Die türkisen Türen aus »immerglänzendem Kunststoff« haben sich in das Gedächtnis der Nonnenröther Kinder gebrannt, die zum Abholen des Gefrierguts von der Mutter oder der Oma ins Gefrierhaus geschickt wurden. Doch auch die Frauen selbst gingen gerne zum Gefrierhaus - es war ein beliebter Treffpunkt, um sich kurz zu unterhalten.

Gebäude an Stadt übergeben

2004 wurde eine neue Kältemaschine angeschafft. Doch schon damals zeichnete sich ab, dass das Interesse an der Gefriergemeinschaft sank. Immer mehr Nonnenröther hatten eine Tiefkühltruhe oder einen Gefrierschank zu Hause - die Geräte waren deutlich billiger als noch in den 1960er Jahren. Waren die Fächer einst heißt begehrt und wurden in den Familien weitervererbt, gab es nun Leerstände.

Vor rund acht Jahren standen wieder Investitionen an. Unter anderem hätte das Kältemittel erneuert werden müssen. Aufgrund der hohen Investitionskosten und steigender Strompreise bei sinkendem Interesse beschlossen die Mitglieder, einen Schlussstrich unter die Gefriergemeinschaft zu ziehen. Der Kompressor wurde abgeschaltet.

2014 wurde die Gefrieranlage demontiert und umweltgerecht entsorgt. Da das Gefrierhäuschen auf einem Grundstück stand, das mit der Eingemeindung Nonnenroths an die Stadt Hungen übergegangen war, wurde das Gebäude ebenfalls an die Stadt übergeben. Am 28. März 2014 wurden die Schlüssel überreicht.

Zunächst war unklar, was aus dem Gebäude werden sollte. Zwischenzeitlich gab es Pläne für eine Nutzung als Jugendzentrum. Diese scheiterten aber daran, dass die Wasserleitung zum Gefrierhaus kaputt ist und es keinen Abwasseranschluss gibt. Mittlerweile wird das Gebäude als Lagerraum von den Ortsvereinen genutzt.

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