Tatort Untertorstraße in Hungen: An dieser Stelle wurde der 35-jährige Gernot W. im Oktober 1997 erschossen. 	FOTO: PAD
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Tatort Untertorstraße in Hungen: An dieser Stelle wurde der 35-jährige Gernot W. im Oktober 1997 erschossen. FOTO: PAD

Mordfall in Hungen

Eine Hinrichtung auf offener Straße

Am 7. Oktober 1997 geschieht in der Untertorstraße in Hungen ein unfassbares Kapitalverbrechen: Der 35-jährige Gernot W. wird durch einen gezielten Schuss in den Kopf getötet.

Der tödliche Schuss fällt mitten in der Nacht. Ein Lastwagenfahrer entdeckt das Opfer gegen 1.30 Uhr in der Untertorstraße in Hungen, einem Teil der Ortsdurchfahrt. Der Notarzt kann nur noch den Tod von Gernot W. feststellen. Bei der Obduktion finden die Rechtsmediziner ein Projektil im Kopf des 35-jährigen Mannes. Doch das ist nicht alles. Die Ermittler gehen davon aus, dass das Opfer zuvor schwer misshandelt worden ist. Die Staatsanwaltschaft spricht von einer regelrechten Hinrichtung.

Gernot W. ist in Hungen kein Unbekannter. Er ist nicht nur in der Stadt geboren und aufgewachsen, sondern er hat auch dort gearbeitet. Von Freunden und Bekannten wird der 35-Jährige meist nur bei seinem Spitznamen »Schoppe« gerufen. Zuletzt ist er im Team des zu diesem Zeitpunkt neuen Stadthallenwirtes tätig.

Kopfgeld als Motiv?

Die Frage, die alle beschäftigt: Warum musste Gernot. W. auf solch brutale Weise sterben? Was sind die Hintergründe dieser schrecklichen Tat? Ein Motiv könnte ein Kopfgeld gewesen sein, das auf »Schoppe« ausgesetzt war.

Die Rekonstruktion der Geschehnisse ergeben folgenden Tathergang: Das Opfer hat sich mit einem Bekannten, einem Geschäftsmann aus Hungen, am Abend vor der Tat in einer Gaststätte an der Ecke Untertorsraße/Niddaer Straße getroffen. Hier hat W. einige Jahre zuvor gearbeitet. Zu den beiden gesellen sich im Laufe des Abends drei weitere Männer und eine Frau. Mit diesen Personen soll Gernot W. bereits seit einiger Zeit zerstritten gewesen sein.

Tatverdächtiger aus Lich

Als Gernot W. und sein Bekannter das Lokal verlassen, folgen ihnen zwei der Männer. Der Geschäftsmann wird mit vorgehaltener Waffe gezwungen zu verschwinden, was er auch tut. Kurz darauf hört er die Schüsse. Die vier Verdächtigen verlassen den Tatort in zwei Fahrzeugen. Beide werden kurze Zeit später in Büdingen sichergestellt. Ein 30-jähriger Mann aus dem Raum Lich und die aus dem Wetteraukreis stammende 27-jährige Frau werden zuerst festgenommen, es folgt die Festnahme eines 21- und eines 29-Jährigen. Die Tatwaffe finden die Beamten des Kommissariats für Kapitalverberechen in einem Teich bei Schotten-Eichelsachsen.

Aufklärung soll der Prozess bringen, der im Januar 1999 unter großen Sicherheitsvorkehrungen in Gießen beginnt. Hauptangeklagter ist Markus Sch., der sich wegen Mordes verantworten muss. Mit auf der Anklagebank sitzen seine Ehefrau, sein Schwager und ein weiterer Mann.

Schwierige Verhältnisse

Der aus Lich stammende Markus Sch. ist kein unbeschriebenes Blatt. Er ist in der Vergangenenheit schon mehrmals wegen gewalttätiger Übergriffe polizeilich auffällig geworden. Als die Akten von den Vorstrafen geholt werden müssen, werden zwei Gerichtsdiener benötigt, um sie zu tragen. Immer wieder ist der Mann mit dem Gesetz in Konflikt geraten, immer gravierender sind die von ihm begangenen Delikte. Unter anderem soll er versucht haben, sich einer Festnahme durch Pfeilschüsse mit einem Sportbogen auf Polizeibeamte aus Grünberg zu widersetzen. In einem anderen Fall ist er mit einem Beil auf Beamte losgegangen.

Auch als die übrigen Angeklagten ihre Lebensläufe schildern, wird deutlich: Alle stammen aus schwierigen Familienverhältnissen, haben weder einen Schulabschluss noch eine Berufsausbildung.

Opfer zeitweise abgetaucht

Der wohl wichtigste Zeuge im Prozess ist der Hungener Geschäftsmann, der die letzten Stunden vor dem Mord gemeinsam mit Gernot W. in der Gaststätte verbracht hat. Laut dessen Aussagen muss das Opfer geahnt haben, dass es an diesem Abend Streit geben könnte. Er bestätigt, dass auf seinen Bekannten ein Kopfgeld ausgesetzt gewesen sein soll. Deshalb habe W. auch lange Zeit nicht in Hungen gelebt. Zeitweise soll er sich sogar auf Mallorca und in Berlin aufgehalten haben. Auch sein Aussehen soll er geändert haben.

Am Abend der Tat soll Gernot W. dann telefonisch einen Freund zur Hilfe in das Lokal herbeigerufen haben, ein Mitglied der Motorrad-Gang »Ghostriders«. Auch dieser Mann sagt im Prozess aus. Er gibt an, an jenem Abend mit seiner »Kutte« bekleidet gewesen zu sein. Gemeint ist die Motorradkluft, die ihn als Mitglied der Gang zu erkennen gibt. »Jeder weiß dann, wenn er sich mit mir anlegt, legt er sich mit allen Ghostriders an.« Der Mann unterhält sich kurz mit Gernot W., und als die Situation deeskaliert scheint, verlässt er das Lokal wieder.

Frau fährt ein Fluchtauto

Etwa später verlassen auch der Hungener Geschäftsmann und »Schoppe« die Gaststätte. Etwa hundert Meter weit seien sie gegangen, als sich die Täter von hinten schnellen Schritts näherten. »Ich erkannte, dass einer der drei Männer einen Baseballschläger in der Hand hielt. Markus Sch. hatte eine Pistole in der Hand«, berichtet der Zeuge. Der Angeklagte habe ihm zugerufen: »Du verschwindest oder du bist tot!« Daraufhin sei er sofort weggerannt. Wenige Sekunden später habe er den Schuss gehört. Die Angeklagte, die Ehefrau von Markus Sch., sei mit einem Wagen im Schritttempo an ihm vorbeigefahren.

Der Zeuge geht nach eigenen Angaben zurück zum Opfer, das blutüberströmt auf dem Asphalt lieg. Er ruft Hilfe aus der Gaststätte. Als er schließlich zum Tatort zurückkehrt, haben auch Lkw-Fahrer den Sterbenden bereits entdeckt. Von der eigentlichen Tat hat der Zeuge nichts gesehen. Er kann also nicht sagen, wer geschlagen und wer geschossen hat.

Ob tatsächlich ein Kopfgeld in Höhe von 5000 D-Mark auf den Getöteten ausgesetzt war, kann im Laufe des Prozessen nicht eindeutig bewiesen werden. Wohl aber die Tatsache, dass sich der Hauptangeklagte Markus Sch. bei dem Motorradclub »Gremium« durch die Tat ein höheres Ansehen verschaffen wollte. Denn eine der Banden hatte ihm die Aufnahme verweigert. Durch die Tat wollte er sich die für eine Mitgliedschaft nötige »Reputation« verschaffen. Das räumt er über seinen Pflichtverteidiger vor Gericht ein. Gernot W. war - aus welchen Gründen auch immer - zwischen die Fronten zweier rivalisierender Motorradclubs geraten. Markus Sch. hingegen sei in die Auseinandersetzung zwischen den Rockerbanden gar nicht involviert gewesen.

Lebenslang für Markus Sch.

Alle Angeklagten räumen die ihnen jeweils zur Last gelegten Vorwürfe ein. Die Schwurgerichtskammer I am Gießener Landgericht verurteilt den 30-jährigen Markus Sch. aus Lich im Januar 1999 zu lebenslanger Freiheitsstrafe wegen Mordes. Er nimmt das Urteil ohne Regung zur Kenntnis, verzieht im gesamten Prozessverlauf keine Mine. Kein Wort des Bedauerns, keine Entschuldigung. Einer der Komplizen, Stefan O., wird für die gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung zu einer Haftstrafe von drei Jahren und zwei Monaten verurteilt. Mittäter Markus B. und die Ehefrau von Markus Sch., die den Fluchtwagen gefahren hatte, kommen mit Bewährungsstrafen davon.

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