pad_mueller_120521_4c
+
Brigitte Müller ist erleichtert, dass sie in ihr Haus zurück kann. Vor einem Jahr (kleines Foto) zerstörte ein Feuer viele Räume.

Ein Jahr warten auf Zahlungen

  • vonPatrick Dehnhardt
    schließen

Am 22. April 2020 brannte das Haus des Ehepaars Müller in Villingen. Nun können sie endlich in die eigenen Wände zurück. Die Kosten für die Reparatur mussten sie großteils vorstrecken - denn die Versicherung hält sich mit Zahlungen zurück.

Brigitte Müller tritt mit einem Umzugskarton in das weiß gestrichene Wohnzimmer. Nach über einem Jahr können sie und ihr Mann Walter in ihr altes Haus zurück. Vieles ist anders als zu dem Zeitpunkt, als sie diesen Raum das letzte Mal entspannt betrat. Noch immer wirkt alles ein wenig fremd und ungewohnt. Zudem wird der Streit mit der Sparkassen-Versicherung wohl vor Gericht gehen.

Es war am 21. April 2020. Nach mehreren Schicksalsschlägen - von Krankheit und Unfällen bis hin zum Tod von Walter Müllers Mutter - dachte das Ehepaar, es würde endlich bergauf gehen. Sie öffneten eine Flasche Sekt, stießen im Wohnzimmer darauf an. 24 Stunden später lag der Raum in Schutt und Asche.

Noch immer ist unklar, warum der Brand im Bereich des Gartenhauses ausbrach. Am 22. April 2020 wehte ein starker Wind. Er sorgte dafür, dass sich die Flammen rasend schnell ausbreiteten, auf den Dachstuhl des Wohnhauses übergriffen. Rauch und Feuer richteten einen enormen Schaden an, machten das Gebäude unbewohnbar. Walter Müllers Bibliothek, die Fotosammlung seiner Mutter, Brigitte Müllers Tagebücher - persönliche Schätze sind unwiderbringlich zerstört. Zu diesem Zeitpunkt beruhigte die Müllers lediglich, dass niemand bei dem Feuer verletzt wurde.

Doch es kommt für sie noch schlimmer: Die Versicherung stellt sich quer, will nur einen Teil des Schadens übernehmen. Ein von der Versicherung beauftragter Gutachter habe »eindeutig« festgestellt, dass Walter Müller den Brand fahrlässig verursacht habe. Gleichzeitig weigerte sich die Sparkassen-Versicherung über Monate hinweg, dieses Gutachten ihrem Anwalt vorzulegen, berichten die Müllers.

Nun könnte man in solch einem Streitfall auf die unabhängige Expertise der Brandermittler der Polizei zurückgreifen. Doch die gibt es nicht: Wie die Pressestelle der Polizei bestätigte, beschränkten sich die Ermittlungen auf die der Polizeibeamten am 22. April vor Ort. »Anschließend wurde ein Gutachter in Absprache mit der Staatsanwaltschaft Gießen beauftragt. Brandermittler suchten die Brandstelle nicht auf.«

Trotz mehrerer Hunderttausend Euro Schaden wurde der Fall nicht von den Experten der Kriminalpolizei untersucht. Dies verwundert umso mehr, da die Staatsanwaltschaft später ein Verfahren wegen fahrlässiger Brandstiftung einleitete.

»Eine Prüfung, ob Brandermittler die Brandstelle aufsuchen, hängt nicht an der Schadenssumme, sondern an einer Prüfung im Einzelfall«, teilt die Pressestelle mit. Warum in diesem Fall auf den Einsatz der Brandermittler der Kripo verzichtet wurde, bleibt rätselhaft. »Da gehört ein offizieller Brandermittler bei solch einem hohen Schaden her«, sagt Brigitte Müller und schüttelt den Kopf. Das Verfahren wurde später von der Staatsanwaltschaft eingestellt.

Erst zum Jahreswechsel kann Brigitte Müller einen Blick in das Gutachten werfen. »Darin gibt es keine Aussage, dass es fahrlässige Brandstiftung war«, sagt sie. Doch die Versicherung bleibt weiterhin bei ihrer Einschätzung von Dezember. Der Fall geht nun wohl vor Gericht.

Über Monate hinweg blieb das Zuhause der Müllers eine Brandruine. Eine Nachbarin hatte ihnen sofort am Brandtag eine Mietwohnung angeboten. Damals dachte das Ehepaar, dass es sich nur um wenige Wochen handeln würde. Beide sind enorm dankbar dafür, dass sie bis jetzt dort unterkommen konnten.

Brigitte Müller ist noch heute von der Hilfsbereitschaft von Nachbarn, Villingern und Freunden gerührt. »Ohne hätten wir das nicht durchgestanden«, sagt sie.

Die Situation ist für beide enorm belastend. Das Ehepaar begibt sich in psychologische Behandlung, Walter Müller erkrankt. »Du sitzt da, es kommen Rechnungen - aber von der Versicherung kein Geld. Die wissen wohl nicht, was es für die Menschen bedeutet.« Selbst die unstrittigen Versicherungsleistungen hält die Versicherung zurück. »Die wollen uns am langen Arm verhungern lassen.«

Die Sparkassen-Versicherung teilte dazu auf Anfrage dieser Zeitung mit: »Das liegt an der Ausgestaltung des Gebäudevertrags. Nach den Bedingungen wird beim Gebäudeschaden zunächst nur der Zeitwert ausgezahlt. Der darüber hinausgehende Neuwertanteil wird erst auf Nachweis der unveränderten Wiederherstellung des Gebäudes in gleicher Art und Güte entschädigt.« Dieser Nachweis werde derzeit geprüft, sodass man erwarte, »diesen Teil des Schadens kurzfristig final abschließen zu können«. Zeitgleich zur Antwort auf die Presseanfrage traf bei den Müllers übrigens ein Schreiben der Versicherung über eine weitere Zahlung ein.

Um das Haus endlich wieder bewohnbar zu machen, gingen die Müllers in Vorleistung - und ihre sämtlichen Ersparnisse und Rücklagen fürs Alter drauf. Die Familie leistete finanzielle Unterstützung, die Handwerker gute Arbeit. »Jetzt ist es zumindest eine bewohnbare Baustelle«, sagt Brigitte Müller, während sie die ersten Umzugskartons auspackt. Aufgeben kommt für sie nicht infrage: »Wir lassen uns von der Versicherung nicht unterkriegen.«

_100812_4c_1

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare