Notwendig oder nur "nice to have"? Die Anschaffung einer gebrauchten Drehleiter für die Hungener Feuerwehr finden nicht alle gut. FOTO: PM
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Notwendig oder nur "nice to have"? Die Anschaffung einer gebrauchten Drehleiter für die Hungener Feuerwehr finden nicht alle gut. FOTO: PM

Drehleiter

Eigene Drehleiter für Hungen: Geldverschwendung oder mehr Sicherheit?

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Mit der Anschaffung einer gebrauchten Drehleiter leistet sich Hungen ein Extra, das über das kreisweite Fahrzeugkonzept für die Feuerwehren hinaus geht. Die Investition ist umstritten.

Am 2. Oktober um 17.14 Uhr meldet HR3 für die A 5 drei Kilometer stockenden Verkehr vor dem Nordwestkreuz. Grund: ein defektes Feuerwehrfahrzeug auf dem Beschleunigungsstreifen. Es handelt sich um die Drehleiter, die künftig den Brandschutz in Hungen sicherer machen soll. Auf der Fahrt zu seinem neuen Einsatzort ist das gebrauchte Gerät liegen geblieben. Ein sicherheitsbedingter Stopp nach einem kleinen Defekt und kein Maschinenschaden, wie Bürgermeister Rainer Wengorsch versichert. Also keine große Sache. Aber Wasser auf den Mühlen jener Kritiker, die den Kauf einer gebrauchten Drehleiter von vornherein für überflüssig gehalten haben.

Schon im Spätsommer hatte in Hungen ein anonymes Schreiben die Runde gemacht, dessen mit Interna offensichtlich vertrauter Verfasser "Geldverschwendung" anprangerte. Öffentlich hat sich mittlerweile die Wählerinitiative "Pro Hungen" gegen die Investition positioniert.

Rückblende: In den Jahren 2011 und 2012 haben die Leiter aller Feuerwehren gemeinsam mit der Brandschutzaufsicht ein neues Fahrzeugkonzept für den Landkreis Gießen entwickelt. Es regelt, dass Spezialfahrzeuge nur noch an festgelegten Standorten vorgehalten werden. Alle 18 Kommunen haben das Konzept befürwortet und finanzieren es anteilig mit. Sechs Drehleiter-Standorte wurden damals für den Landkreis vereinbart. Hungen gehört nicht dazu. Hier sollen die Drehleitern aus Lich oder Grünberg zum Einsatz kommen. Beide erfüllen die für die Menschenrettung vorgesehene Frist von 20 Minuten, die zwischen Alarmierung und Eintreffen am Einsatzort maximal vergehen dürfen.

In früheren Jahren waren die Hungener nicht auf die Unterstützung ihrer Nachbarn angewiesen. Bis März 2019 war nämlich ihre alte Drehleiter in Betrieb. Als sie durch die technische Prüfung fiel, sannen die Brandschützer auf Abhilfe. Sie boten der Stadt finanzielle Unterstützung beim Kauf eines gebrauchten Fahrzeugs an. Gesagt, getan. Als die Stadt nun für 65 000 Euro eine Drehleiter erwarb, die der Berufsfeuerwehr Bern 20 Jahre lang als Ersatz gedient hatte, beteiligte sich die Feuerwehr Hungen mit 15 000 Euro.

Zuvor hatte die mit Vertretern aus Feuerwehr und Stadtpolitik besetzte Brandschutzkommission die Investition befürwortet, die notwendigen Gelder wurden im Haushalt 2020 bereit gestellt; aus dem Stadtparlament kam dazu kein Widerspruch. "Gegen die Verbesserung von Brandschutz und Menschenrettung kann man keine Einwände haben", sagt Bürgermeister Rainer Wengorsch.

Kritiker meldeten sich erst zu Wort, als sich der Kauf der gebrauchten Leiter in Hungen herum sprach. Sie sehen einen Fall von Geldverschwendung und warnen vor Folgekosten. Zudem wird die Zuverlässigkeit des 20 Jahre alten Fahrzeugs in Frage gestellt.

Auch der Landkreis hält die interkommunale Vereinbarung für ausreichend. "Das Fahrzeugkonzept erfüllt alle rechtlichen Voraussetzungen", schreibt Louisa Wehlitz von der Pressestelle in einer Stellungnahme. Sie verweist auf erhebliche finanzielle Entlastungen und eine gerechtere Verteilung der Kosten auf die 18 Kommunen. Weiterer Vorteil: Die ehrenamtlichen Einsatzkräfte in den Feuerwehren würden entlastet. Durch die Verteilung der Spezialfahrzeuge auf festgelegte Standorte könnten die Maschinisten für die einzelnen Geräte viel intensiver ausgebildet werden. "Das führt zu einer höheren Sicherheit der Einsatzkräfte und des Einsatzerfolgs", heißt es in der Stellungnahme des Landkreises.

Bürgermeister Wengorsch verteidigt den Hungener Sonderweg. "Gesetzliche Mindestanforderungen sind das eine. Das objektive und subjektive Sicherheitsbedürfnis das andere", sagt er mit Verweis auf die gestiegene Brandlast zum Beispiel durch schwer zu löschende Dämmstoffe der Photovoltaikanlagen. Wichtig ist dem Bürgermeister auch die Motivation der Wehrleute. Ein besonderes Gerät wie die Drehleiter mache die ehrenamtliche Tätigkeit attraktiver. Es könne also helfen, die Zahl der Einsatzkräfte zu stabilisieren und neue Mitglieder zu gewinnen.

Auf die Frage, ob das gebrauchte Fahrzeug denn zuverlässig sei, antwortet Wengorsch mit einem Wort: "Ja." Die Drehleiter sei DIN-konform, drei kleinere, vom Prüfdienst beanstandete Mängel seien behoben worden, die Betriebserlaubnis sei eingetroffen, nun könne die Zulassung beantragt werden. "Spätestens zum 1. Januar 2021 wird die Drehleiter in Dienst gestellt", kündigte der Bürgermeister an.

Die Unterhaltskosten fürchtet er nicht. Sie beliefen sich auf 1500 Euro jährlich, Versicherung, Diesel und Inspektion inklusive. Die große Revision stehe erst in zehn Jahren wieder an. "An anderer Stelle werden für den Brandschutz ganz andere Summen ausgegeben", bemerkt Wengorsch mit Verweis auf die millionenschwere Kostensteigerung für das Gefahrenabwehrzentrum, das Stadt und Kreis gerade in Gießen bauen. Angesichts solcher Summen findet er die Kritik an der Hungener Drehleiter "kleinkariert."

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