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In dem beschaulichen Hungener Stadtteil Nonnenroth erstickt Maria F. 1975 ihren Ehemann.

Reihe „Mord verjährt nicht“

Tötungsdelikt im beschaulichen Nonnenroth: Frau erstickt 1975 Ehemann im Doppelbett

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Es ist kein perfekter Mord. Eine Kleinigkeit hat Maria F. aus Nonnenroth übersehen. Bei der Untersuchung des Leichnams ihres Ehemannes entdecken die Ermittler Papierreste im Mund.

Die Kripo findet den 37 Jahre alten Karl F. tot in seinem Bett. Er ist erstickt. Die Möglichkeit, dass er eines natürlichen Todes starb, ist schnell vom Tisch. Bald wird klar: Es ist das tragische Ende eines Ehestreits, der immer wieder zwischen dem Opfer und seiner gleichaltrigen Frau Maria entflammt. An einem Tag im Oktober 1975 eskalieren die Spannungen, es kommt mutmaßlich zu einer Schlägerei der Eltern eines elfjährigen Sohnes. Der Mann wird dabei im Gesicht verletzt - durch Faustschläge seiner Frau.

Kripo, Nachbarn und Notarzt erfahren von Maria F. zunächst nicht, was sich nach Mitternacht im Schlafzimmer abgespielt hat. Die Kripo findet lediglich ein kleines Stück Papier in der Mundhöhle des Toten. Das hat die Täterin wohl übersehen. In einem Karton mit Spielzeug, der im Flur steht, entdecken die Ermittler schließlich weitere Papierknäuel.

Tötungsdelikt im Kreis Gießen: Anklage auf heimtückischer Mord

Im März 1977 muss sich die mittlerweile 38-jährige Maria F. vor Gericht verantworten. Ihr wird heimtückischer Mord an ihrem Ehemann zur Last gelegt. Sie habe ihn im Zustand verminderter Schuldfähigkeit in rasendem Zorn mehrmals ins Gesicht geschlagen, dem wegen Trunkenheit total Hilflosen Papierschnipsel in den Mund gestopft und ihn zum Schluss mit dem Paradekissen erstickt, so der Vorwurf in der Anklageschrift.

»Ich weiß bis heute nicht, wie ich dazu kam«, sagt die Angeklagte vor Gericht, als sie die Geschehnisse im ehelichen Schlafzimmer in der Nacht des 26. Oktober 1975 schildert. Vorausgegangen sei jedenfalls ein Abend, an dem beide Ehepartner reichlich Bier und Schnaps konsumiert hatten. Zur Tatzeit wird der Angeklagten ein Blutalkoholwert von 2,9 Promille attestiert, bei ihrem toten Ehemann werden 3,1 Promille festgestellt.

Reihe „Mord verjährt nicht“

In unserer Artikelreihe „Mord verjährt nicht“ stellen wir regelmäßig außergewöhnliche Kriminalfälle vor, die sich in den vergangenen Jahrzehnten im Landkreis Gießen ereignet haben. Ein Teil der Reihe widmet sich beispielsweise dem rätselhaften Fall einer erwürgten Frau aus dem Jahr 1950, der bis heute ungeklärt ist.

Tötungsdelikt im Kreis Gießen: Papierknäuel in den Mund gestopft

Zwischen Mitternacht und zwei Uhr nachts seien sie, alles andere als nüchtern, schlafen gegangen. Im Bett habe ihr Mann wieder zu schimpfen und zu streiten angefangen. Deshalb will Maria F. nach ihrer Darstellung lieber im Wohnzimmer übernachten. Als sie an Karl, der im Bett gegessen habe, vorbei will, habe er seine Frau am Arm gefasst und sie daran hindern wollen. »Du bleibst jetzt hier«, habe er gesagt. Was dann im Einzelnen geschehen ist, daran kann oder will die Angeklagte sich vor Gericht nicht mehr erinnern können. Jedenfalls habe sie ihrem Mann einen Schubs gegeben, so dass er nach hinten auf das Kopfkissen gefallen sei. Dann habe sie aus einer Illustrierten, die auf dem Nachttisch lag, einige Seite rausgerissen, zusammengeknüllt und sie ihrem bereits schlafenden Mann in den halboffenen Mund gesteckt. Anschließend greift sie zum Paradekissen von ihrem eigenen Bett und legt es auf sein Gesicht.

Geschlagen hat sie ihn nicht, beteuert sie. Erst am nächsten Morgen, gegen 6 Uhr, stellt sie fest, dass ihr Mann tot ist. Sie selbst hat im Wohnzimmer übernachtet.

Tötungsdelikt im Kreis Gießen: Mittags „voll“ im Keller gelegen

Zwar gibt Maria F. vor Gericht vor, sich nicht an die Gefühle und die Griffe zu Papier und Kissen in der Tatnacht erinnern zu können, dem Haftrichter schildert sie im Vorfeld jedoch sehr detailliert, was passiert ist. Sie gesteht: die Mengen an Bier und Rum, die sie den Tag über bis in die Nacht getrunken habe, müssen wohl ausgeartet sein.

Doch was sind die Hintergründe dieser verhängnisvollen Tat? Was ist das Motiv der damals 37-Jährigen? Der zunehmende Alkoholkonsum des Mannes scheint eine wichtige Rolle in dem Fall zu spielen. Denn im Lauf der Zeit trinkt Karl immer mehr und will das gemeinsame Haus nicht bauen, auf dem seine Frau besteht. Nur widerwillig unterstützt er sie beim Bau, »Wenn ich mir etwas festgesetzt habe, dann klappt das auch«, bekräftigt sie ihren Willen zum Bau der eigenen vier Wände. Ihren Mann Karl beschreibt sie als »meine Hälfte, die nicht selbstständig wurde«.

Tötungsdelikt im Kreis Gießen: Fünf Jahre Gefängnis

Der Hausbau habe ihn total überfordert, täglich habe man gestritten, und oft habe ihr Mann schon gegen Mittag »total voll« im Keller gelegen. Später soll Karl nach Aussagen seiner Frau sogar Stimmen gehört haben, die aus dem Keller und vom Speicher kamen. Während des Baus haben sich die Eheleute mit den künftigen Nachbarn angefreundet. Als das Haus steht, kommt man öfter zu feucht-fröhlichen Feiern zusammen. Auch am Tag vor der Tat soll reichlich Alkohol geflossen sein. Dass das Paar häufig zur Flasche griff, bestätigen die Nachbarn.

Nach nur zwei Verhandlungstagen scheinen die Umstände für das Gericht geklärt. Maria F. wird wegen Totschlags an ihrem Ehemann bei verminderter Schuldfähigkeit zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Eine heimtückische Mörderin ist sie somit nicht.

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