»Dieses Ding, das hat Strahlkraft«

  • Ursula Sommerlad
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Hungen (us). Es gab Führungen vor Ort, viele Gespräche, einen Schlagabtausch in der Presse. Jetzt hat die Debatte um den Wildnisfonds auch die Stadtverordnetenversammlung erreicht. Weil das Thema zunächst noch in den Ausschüssen erörtert werden soll, fiel am Donnerstag keine Entscheidung. Aber die Diskussion hat begonnen. Vor allem Frank Bernshausen von den Grünen und FW-Sprecher Holger Frutig legten sich mächtig ins Zeug.

Es geht um einen Antrag der Grünen, die sich den Laubacher Grafen zum Vorbild genommen haben. Der hat rund 220 Hektar seines Forsts dem Förderprojekt »Wildnisfonds« der Bundesregierung zur Verfügung gestellt. Die Grünen wollen, dass Hungen seinem Beispiel noch in diesem Jahr folgt. Je nach Größe der zur Verfügung gestellten Flächen und der Ausgestaltung der Schutzmaßnahmen könnte die Stadt bis zu fünf Millionen Euro bekommen.

Die Freien Wähler halten es für wichtig, die Bürger in die Entscheidung einzubeziehen. Sie fordern eine Informationsveranstaltung und eine Bürgerbefragung.

Holger Frutig wies darauf hin, dass Hungen mit 84 Prozent Laubwald hessenweit einen Spitzenplatz einnehme. Schon jetzt sei der Stadtwald auf eine naturnahe Bewirtschaftung mit vielfältigen Nutzungsformen ausgerichtet. Keineswegs habe man sich in der Vergangenheit auf ökonomische Aspekte konzentriert und zum Beispiel ein lukratives Pachtangebot von privater Seite abgelehnt. Vor einer Entscheidung über den Wildnisfonds benötige man weitere Informationen und Daten. Zum Beispiel seien aktuell die Auswirkungen auf den Haushalt unbekannt. »Wir wollen ein umfängliches Bild erhalten«, forderte Frutig.

Frank Bernshausen beurteilt die Situation im Stadtwald völlig anders, nämlich als ökologisches und ökonomisches Desaster. In den vergangenen 25 Jahren sei der Holzeinschlag um 20 Prozent zurück gegangen. »Der Hungener Wald hat unter dem Klimawandel gelitten, aber mehr noch unter der Beförsterung.« Die Beteiligung am Wildnisfonds weise einen Weg aus dieser Sackgasse. »Dieses Ding, das hat Strahlkraft«, meint Bernshausen. Die rund 200 Hektar aus Hungen, die etwa 17 Prozent des ganzen Stadtwaldes ausmachen, seien ein fehlendes Puzzleteil. Sie liegen zwischen den Wildnisfonds-Flächen des gräflichen Forstes und den 800 Hektar Buchenwald, die das Land Hessen als »Kernfläche Naturschutz« aus der forstlichen Nutzung entlassen hat. Zusammen würde das nach dem Nationalpark Kellerwald größte Waldnaturschutzgebiet Hessens entstehen. Man stelle nicht nur Lebensräume seltener Tiere unter Schutz und sichere den Buchenwald als langfristigen CO2-Speicher, sondern gewinne auch ein Gebiet mit hohem Potenzial für Regionalentwicklung, Naherholung und Tourismus.

Christoph Fellner von Feldegg, der Fraktionsvorsitzende der SPD, begrüßte den Antrag der Grünen. »Im Prinzip«, wie er sagte. Vor einer Entscheidung seien aber noch viele Details zu klären. Pro Hungen-Sprecher Fabian Kraft mahnte zur Eile: Die Mittel aus dem Wildnisfonds stünden gesichert nur 2021 zur Verfügung.

Dass die Verwaltung bis zur nächsten Stadtverordnetenversammlung Gutachten zum Wert des Waldes und auch zu den Ökopunkten vorlegen soll, rief Bürgermeister Rainer Wengorsch auf den Plan. »Wissen die Herren, was das für ein Aufwand ist?« Namentlich von Kraft und Bernshausen musste er sich den Vorwurf anhören, dass die Sache längst in Ruhe hätte diskutiert werden könne. Der Vorschlag für den Wildnisfonds liege nämlich seit 2020 auf dem Tisch. Die Stadtwaldkommission habe sich für eine Prüfung ausgesprochen. Der Magistrat aber habe den Antrag abgelehnt. Deswegen sei es damals nicht zu einer öffentlichen Debatte gekommen. Wengorsch hielt dagegen. »Das Vorgehen 2020 entsprach strikt der Hessischen Gemeindeordnung.« Der Grünen-Antrag mitsamt der FW-Ergänzung zur Bürgerbeteiligung wurde einstimmig in die Ausschüsse verwiesen.

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