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Sorgen um Apfelbaumbestände im Kreis Gießen wachsen – Mistel greift weiter um sich

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Von: Patrick Dehnhardt

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Der Lohn für eine gute Obstbaumpflege: Ein Korb voller leckerer Äpfel.
Der Lohn für eine gute Obstbaumpflege: Ein Korb voller leckerer Äpfel. © Patrick Dehnhardt

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Obstbäume im Gießener Land stark gesunken. Insbesondere die Mistel sorgt dafür, dass alte Bäume eingehen.

Gießen – Obstbäume gehören zu Mittelhessen wie Handkäs und Äppelwoi. Die Baumgürtel rund um die Dörfer prägen das Landschaftsbild, die blühenden Streuobstwiesen sind im Frühling ein beliebtes Ausflugsziel. Doch die Bestände sind rückläufig. 1965 wurden fast 385 000 Obstbäume im Kreis Gießen gezählt, wobei diese Zahl sich mit den heutigen Werten aus verschiedenen Gründen nur bedingt vergleichen lässt. 2000 wurden 150 391 Bäume registriert, 2011 waren es nur noch 136 428. Neuere Zahlen gibt es nicht.

Mit einem Förderprogramm versucht der Landkreis Gießen den Erhalt der Streuobstwiesen zu unterstützen. Für Neuanpflanzungen sowie die Pflege der Hochstämme gibt es einen Zuschuss. 2021 war die Nachfrage jedoch überschaubar: 35 Anträge für die Förderung von Anpflanzungen und 17 für die Pflege wurden gestellt. Insbesondere nach Hungen, Lich und Laubach flossen Fördergelder. 2019 waren es noch 230 Anträge gewesen.

1260 Bäume seit 2013 gefördert

Seit Start des Programms im Jahre 2013 wurden insgesamt 1260 Bäume gefördert. Das klingt erstmal nach viel. Jedoch stehen allein im Streuobstgürtel rund um Nonnenroth mehr Bäume - und es gibt Dörfer, bei denen die Apfelbaumwiesen noch ausgedehnter sind. Die geförderten Nachpflanzungen könne daher bei weitem nicht die Zahl der Bäume ausgleichen, die jedes Jahr aufgrund von Überalterung, Krankheit oder Desinteresse der Besitzer gefällt werden. Will man die Streuobstwiesen erhalten, ist noch viel zu tun.

Ein weiteres Problem, was die Bestände bedroht, ist die Mistel - quasi das Corona der Apfelbäume. Ist ein Baum mit der Schmarotzerpflanze infiziert, dauert es nicht lange, bis Vögel die Beeren fressen und die Samen auf die Nachbarbäume weitertragen. Diese kleben sich dann an Äste und Baumrinde und fangen an, ihre Wurzeln in den lebenden Baum zu treiben.

Werden sie nicht entfernt, entwickeln sich über die Jahre hinweg Mistelbüsche mit der Größe von Kühlschränken. Diese saugen nicht nur aus dem Baum Nährstoffe, sondern belasten ihn auch mit ihrem hohen Gewicht. Zudem bieten sie Wind, Schnee und Eis mehr Angriffsfläche, erdrücken gleichzeitig die Blätter des Wirtsbaumes. Da solch ein Baum meist nicht nur von einem, sondern mehreren Misteln befallen ist, stirbt er auf Dauer ab. Ein Förderprogramm zur Bekämpfung der Mistel ist nicht geplant, teilt der Landkreis auf Anfrage dieser Zeitung mit.

Zumindest würde das Entfernen der Misteln auch unter einen ordentlichen Obstbaumschnitt fallen. Für diesen gibt es vom Landkreis pro Baum bis zu sechs Euro Förderung, wenn er durch eine Fachperson erfolgt.

Eine der größten Neuanpflanzungen von Apfelbäumen im Landkreis konnte übrigens von dem Förderprogramm nicht profitieren: Die Fürst zu Solms Lich’sche Rentkammer ließ im vergangenen Winter auf rund neun Hektar bei Lich und Nonnenroth Kelterobstwiesen anlegen. Die Früchte sollen zu Saft und Apfelwein werden. Da dort Mittelstämme verwendet werden, die leichter zu ernten sind, gab es keine Hochstammförderung.

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