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Blumen machen das Apfelwein-Valley zu einem Insektenparadies.

Kelterobstwiesen

Apfelwein-Valley im Kreis Gießen: Die Zukunft der hessischen Apfelweinversorgung

  • VonPatrick Dehnhardt
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Vor den Toren von Nonnenroth und Lich wächst die Zukunft des hessischen Apfelweins heran. Ihr Obst soll einmal dazu dienen, die hessische Apfelweinversorgung sicherzustellen.

Kreis Gießen – Es ist ein schöner Anblick: Zahlreiche Wildblumen, etwa Wilde Kamille und Phaciela, blühen, soweit das Auge reicht. Für Bienen, Hummeln und Co. ist es ein Paradies. Dabei handelt es sich aber nicht etwa um eine Brache oder ein Naturschutzgebiet - sondern um eine Obstbaumkultur im Aufbau.

Die Fürst zu Solms Lich’sche Rentkammer hat im vergangenen Winter auf rund neun Hektar bei Lich und Nonnenroth Apfelbäume gepflanzt. Es handelt sich um Mittelstämme. Unter anderem stehen der Zitronenapfel, Reanda, Rewena und Sirius in den Reihen - durch die Bank saure Sorten. In den kommenden Iahren sind weitere Pflanzaktionen geplant, bis die Kelterobstwiesen am Ende rund 20 Hektar umfassen werden.

Apfelwein-Valley im Kreis Gießen: Pro Baum bis zu 40 Kilogramm Äpfel

Revierförster Jörg Heßler kümmert sich um die Obstbäume. Die Kelterobstwiesen unterscheiden sich von klassischen Streuobstwiesen, erklärt er. Die Baumdichte ist höher. Zudem wurden Mittelstämme gepflanzt. Diese werden nur gut drei Meter hoch, tragen dadurch früher und lassen sich auch leichter ernten.

Bereits in gut drei Jahren sollen an jedem Baum rund 30 bis 40 Kilogramm Äpfel hängen. Diese sollen maschinell geerntet und gelesen werden, erklärt Heßler. Auf das Obst wartet eine edle Mission: Aus ihm soll echtes hessisches Stöffche werden.

In Karben bei Rapps sollen die Früchte zu Saft und Apfelwein verarbeitet werden. Die Kelterei betreibt mit dem Baumprojekt ein Stück Zukunftssicherung, erklärt Klaus-Dieter Kneip von Rapps.

Kreis Gießen: Hessische Äpfel für hessischen Apfelwein

Noch vor 30 Jahren hätten die Leute vor der Apfelannahme Schlange gestanden, um die Ernte von den Streuobstwiesen abzuliefern. Seit Jahren sinkt die Zahl des abgegebenen Leseobstes. »Die Älteren machen es nicht mehr und es finden sich immer weniger Jüngere.«

Apfelsaft-Konzentrat aus Polen zu verwenden ist allerdings keine Alternative. Da auch dort immer mehr Tafelobst angebaut wird, ist das Konzentrat zu süß, sagt Kneip. »Wir haben einen Mangel an saurer Ware.« Zudem sollen im hessischen Apfelwein ja auch möglichst hessische Äpfel sein. Bei Besuchen in Obstbaumkulturen in Mecklenburg-Vorpommern und am Bodensee stellte das Keltereiteam fest, dass sich Mostobstanlagen wirtschaftlich betreiben lassen. Um solche Anlagen auch in Hessen einzurichten, suchte sich die Kelterei Partner in der Land- und Forstwirtschaft.

Kreis Gießen: Blühende Wiesen im Apfelwein-Valley

Einer von ihnen ist Christian Fürst zu Solms-Hohensolms-Lich. Bei ihm stieß die Idee für Apfelbaumkulturen am nördlichen Rand der Wetterau auf großes Interesse. Die Kelterei beriet bei der Auswahl der Apfelsorten, die im vergangenen Winter gepflanzt wurden.

Mittlerweile sind blühende Wiesen rund um die jungen Bäumchen entstanden - und dies mit Absicht. »Wir haben dadurch weniger Verdunstung und der Boden ist gut durchwurzelt«, sagt Revierförster Heßler. Die Blühstreifen bieten zunächst einmal Insekten und später Schafen Nahrung. Diese sind dabei ein Teil des natürlichen Schädlingsschutzes: Die Schafe sollen mit ihrem Getrappel die Wühlmäuse vertreiben. »Damit haben wir im Forst gute Erfahrungen gemacht.«

Apfelwein-Valley im Kreis Gießen: Kulturen auf ökologischen Anbau umstellen

Geplant ist, die Apfelkulturen innerhalb von drei Jahren auf ökologischen Anbau umzustellen. Im Kampf gegen die Apfelgespinstmotte setzt Heßler dabei auf Ohrenkäfer. Für sie will man eigens Tontöpfe mit Holzwolle in den Bäumen anbringen. Auch Nistkästen und Sitzplätze für Greifvögel sind langfristig geplant.

Naturschützer kommen bei dieser Beschreibung ins Schwärmen. »Wenn das so umgesetzt wird, ist das eine ganz tolle Sache«, sagt etwa Heinz Weiss vom NABU in Nonnenroth. Auch Revierförster Heßler sieht man an, dass ihm dieses Projekt Spaß macht.

Übrigens: Streuobstwiesenbesitzer müssen sich keine Sorgen machen, dass sie in Zukunft ihr Leseobst nicht mehr bei der Kelterei abgeben können. Kneip sagt: »Wir nehmen jeden Apfel.« Schließlich macht die Sortenvielfalt einen guten Saft aus.

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