us_linde6_240621_4c
+
Tatort Obbornhofen: Im Januar 1984 wird eine 71-jährige Frau in der Straße Unter den Linden in ihrem Haus ermordet.

Vor 37 Jahren in Obbornhofen

Blutiger Mord an einer Witwe

  • Susanne Riess
    VonSusanne Riess
    schließen

Ein abscheuliches Verbrechen erschüttert im Januar 1984 den Hungener Stadtteil Obbornhofen: Die 71 Jahre alte Meline Schäfer wird ermordet in ihrem Haus am Ortsrand aufgefunden.

Meline Schäfer lebt allein in dem kleinen abseits stehenden Haus in der Straße Unter den Linden am Rande der Wetterau. Als eine Bekannte die Frau am frühen Nachmittag des 24. Januar 1984, es ist ein Dienstag, besuchen möchte, macht sie eine grausame Entdeckung: Die Haustür ist aufgebrochen, der Fernseher eingeschaltet, überall im Haus sind Blutspuren, und die 71-Jährige liegt ermordet in ihrem Bett im Schlafzimmer.

Die Nachricht vom gewaltsamen Tod der Frau verbreiten sich wie ein Lauffeuer in dem 800-Seelen-Ort Obbornhofen. Was hat sich hier bloß zugetragen? Die Kripo tappt zunächst im Dunkeln, denn auf den ersten Blick wurde nichts aus dem Haus der Witwe gestohlen. In den Fokus rückt kurze Zeit ein Mann, der am Tag vor der Tat in Obbornhofen beobachtet worden ist. Er hatte an verschiedenen Türen geklingelt, um Zeitschriften-Abonnements zu verkaufen. Ist er der Mörder von Meline Schäfer? Der Verdacht erhärtet sich nicht.

32-jähriger dringend tatverdächtig

Die Ermittler fahnden stattdessen nach dem Fahrer eines gelben Mofas. Ein im Feld gefundenes Paar dunkelbraune, blutbefleckte Ski-Lederhandschuhe sollen die Kriminalbeamten nun auf die Spur des Täters führen. Der Mann mit dem Mofa ist am Montagabend zwischen 20.45 Uhr und 22 Uhr in der Nähe des Tatorts gesehen worden. Der Erfolg der eigens gegründeten Sonderkommission stellt sich relativ schnell ein. Am Donnerstag nach der Tat nehmen die Ermittler den 32 Jahre alten Gerhard G. aus Wölfersheim-Wohnbach fest. Gegenüber den Beamten gibt er den Mord an Meline Schäfer zu. Sein Tatmotiv: die 71-Jährige habe ihn beim Einbruch überrascht. »Ich hoffte, ich würde bei der Frau Schmuck und Geld finden.« Damit sie ihn nicht verraten konnte, tötete er sie in der Küche ihres Hauses mit elf Messerstichen. Der Familienvater und Bauarbeiter ist bereits mehrfach mit der Gesetz in Konflikt geraten und hat einschlägige Vorstrafen wegen Körperverletzung. Opfer und Täter kennen einander. So soll die sehr zurückgezogen lebende Meline Schäfer für die Mutter von Gerhard G. öfter Näh- und Schneiderarbeiten erledigt haben.

Blindings auf alte Frau eingestochen

Und so soll sich die Tat nach den Aussagen des 32-Jährigen zugetragen haben: Am Montagabend habe er die Haustür der Witwe aufgedrückt. Er sei davon ausgegangen, dass die alte Dame nicht zu Hause sei, da nirgends Licht zu sehen war.

Doch kaum sei er im Haus gewesen, tauchte Meline Schäfer wie aus dem Nichts aus. »Was wollen Sie hier?«, fragte sie den ungebetenen Gast und sprach ihn mit seinem Namen an. Dieser sah sich erkannt und ertappt, zog ein Messer aus der Tasche, drängte die Frau in die Küche, stach dann blindlings auf sie ein. Drei der zwölf Stiche trafen ins Herz, einer in den Hals, ein weiterer durchtrennte die Lungenschlagader. Als das Opfer schließlich tot ist, zieht Gerhard G. die Rentnerin aus und schleppt die Leiche ins Schlafzimmer. Dort legt er die nackte Tote auf das Bett. Mit diesem Trick will er einen Sexualmord vortäuschen. Dann verlässt er das Haus und fährt mit seinem Mofa zu seiner Wohnung nach Wohnbach.

Nach dem Raubmord an der Witwe sind ein Armband und Ringe der Rentnerin verschwunden. Der Schmuck wird später einige hundert Meter vom Haus der Ermordeten entfernt im Schnee gefunden - genau an der Stelle, an der der Beschuldigte sein gelbes Mofa aufgebockt hatte,.

Anklage wegen Mordes

Im September 1984 landet der Fall vor Gericht, alles scheint soweit aufgeklärt. G. muss sich wegen Mordes verantworten. »Der Angeklagte tötete aus Angst, von Meline Schäfer als Dieb verraten zu werden, und in der Absicht, den Einbruch zu vertuschen«, sagt die Staatsanwaltschaft.

Plötzlich aber nimmt der Fall eine spektakuläre Wende. Zuvor geständig, sagt Gerhard nun aus: »Ich bin unschuldig. Mein Mordgeständnis ist falsch. Er wurde mir von den Kriminalbeamten in den Mund gelegt. Ich glaube heute noch nicht, dass ich Meline Schäfer umgebracht habe.« Und weiter: »Ich war es nicht. Ich hatte damals einen ›besoffenen‹ Kopf. Ich weiß von nichts.« Als er damals unter Mordverdacht geraten sei, hätte er die ihm vorgelegten Ermittlungsergebnisse bestätigt, ohne dass er sich an irgendwas erinnern konnte.

Indizien wiegen schwer

Doch die Indizien gegen den 32-Jährigen wiegen schwer. So hatte er, wie die Vernehmungen der Kripo ergaben, gehofft, dass die Witwe an jenem Abend nicht zu Hause sein würde. »Ich wusste, dass sie abends oft unterwegs war.« Als gebürtiger Obbornhofener wusste er zudem, dass das Haus sehr einsam lag. Zu einem Beamten hatte er gesagt, er hoffte, Geld und Schmuck bei der Frau zu finden.

Am Nachmittag vor der Tat sei der Angeklagte in einer Gaststätte gewesen, wo er einiges getrunken habe. Vor Gericht sagt er nun aus, zuvor noch bei einem Bekannten ein Mofa repariert zu haben. Dieser habe ihm im Gegenzug dann Bier und Whisky spendiert. An den Heimweg will er sich nicht erinnern können. Ein Gerichtsmediziner kann in einem Gutachten nicht ausschließen, dass der Angeklagte zur Tatzeit einen Blutalkoholspiegel zwischen 0.9 und 2,7 Promille gehabt hatte,.

Am Morgen des 24. Januar hat der Angeklagte Kratzwunden an seiner Stirn und Blutflecken an den Ärmeln seines blauen Seemanns-Pullover entdeckt. Schon am Abend vorher will er bemerkt haben, dass eine Hand blutig und auch die Armbanduhr blutbespritzt war. »Ich wusch das Blut ab und den Pulli aus, weil ich Angst hatte, dass ich deswegen mit meiner Frau Ärger bekommen würde.« Er dachte, er sei am Abend zuvor in eine Schlägerei verwickelt gewesen.

Fall landet vor dem BGH

Es gibt noch weitere Indizien, die den Angeklagten schwer belasten. Experten hatten bei ihren Untersuchungen an den sichergestellten Kleidungsstücken zahlreiche Anhaltspunkte aufgespürt, die auf Gerhard G. als Täter hindeuten. So fanden sich an der gelben Strickjacke der Ermordeten in großer Zahl blaue Fasern, die zweifelsfrei von dem Pullover des Angeklagten stammten. An G.s Arbeitshose und an den Lederhandschuhen wurde außerdem Blut der Toten nachgewiesen.

Doch es bleiben Zweifel. »Was sich an jenem Abend des 23. Januar wirklich in dem Haus von Meline Schäfer abspielte, ist nicht mehr aufzuklären«, fasst der Vorsitzender Richter kurz vor Prozessende zusammen. Gerhard G. wird schließlich wegen Totschlags zu einer Haftstrafe von 13 Jahren verurteilt. Doch dabei bleibt es nicht. Im Februar 1986 wird der Mordfall Meline Schäfer erneut verhandelt. Die Neuauflage ist nötig geworden, nachdem der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe auf die Revision des Staatsanwalts und des Verteidigers hin das Urteil aufgehoben hatte. Der Senat hatte nicht nur Formfehler in der schriftlichen Urteilsbegründung gerügt, sondern auch die Bewertung der Straftat. »Es war Mord und nicht Totschlag«, befand Karlsruhe.

Zwölf Jahre Haft wegen Mordes

Wieder geht es nur um Indizien. Die Strategie von Gerhard G. diesmal: zu allem »nein« und »ich weiß nicht« sagen. Ein unantastbares Alibi für die Tatzeit kann er jedoch nach wie vor nicht erbringen. Erneut werden Experten zu Rate gezogen, der Tatort bei einem Ortstermin besichtigt. Im März 1986 fällt wieder ein Urteil gegen Gerhard G.: zwölf Jahre Haft wegen Mordes an Meline Schäfer. Ein halbes Jahr später ist es schließlich rechtskräftig. Denn G.s Verteidiger hatte noch einmal Revision eingelegt. Doch die wurde vom BGH als »unbegründet« verworfen,

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare