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Ein unvergesslicher Abend vor exakt sechs Jahren in der Angermühle: Wirt Willi Scheld hält den »Goldenen Onkel Otto« in Händen, den Bellersheim wenige Stunden zuvor auf dem Hessentag im Wettbewerb »Dolles Dorf« gewonnen hatte.

Hungen

131 Jahre Tradition dürfen nicht enden: Bellersheimer Gaststätte „Angermühle“ sucht Nachfolger

  • vonPatrick Dehnhardt
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Seit 1890 gibt es die Bellersheimer Gaststätte »Angermühle«, seit 22 Jahren wird sie vom Ehepaar Scheld geführt. Nun suchen sie einen Nachfolger.

Hungen – Es war eine rauschende Feier am 1. Juni vor sechs Jahren. Bellersheim hatte wenige Stunden zuvor den Titel »Dolles Dorf« auf dem Hessentag in Hofgeismar geholt. Kurz nach Mitternacht traf die Trophäe, der »Goldene Onkel Otto«, im Dorf ein. Sofort ging es zum Feiern in die Dorfgaststätte »Angermühle«. Als Wirt Willi Scheld den Pokal im vollen Lokal in die Luft reckte, war der Jubel fast bis ins Nachbardorf Obbornhofen zu hören. Jetzt ist es ruhig im Gastraum geworden, der Zapfhahn steht seit Monaten still - und dies nicht nur wegen Corona. Willi Scheld und seine Frau Anni sitzen mit einer Tasse Kaffee an einem der Tische. Die Lichter sind aus, die Bierkühlung abgeschaltet. Mairegen prasselt gegen die Fensterscheiben.

Das Jahr 2020 war für die beiden hart. So wie andere Gaststätten auch musste die »Angermühle« wegen der Pandemie schließen. Dann erlitt Willi Scheld seinen zweiten Schlaganfall nach 2015. »Da hat es uns richtig erwischt«, sagt er. Noch immer fällt dem 66-Jährigen das Laufen schwer, er ist auf Hilfsmittel angewiesen. Die Treppe zur Wohnung im ersten Stock ist zu einem echten Hindernis geworden. An Gäste bedienen ist so nicht zu denken. Dabei ist genau das die Leidenschaft des Ehepaars. Die »Angermühle« hat eine lange Tradition, ist seit 1890 Gasthaus - und seit langer Zeit die letzte Kneipe im Dorf.

Hungen: Bellersheimer schlossen Gaststätte „Angermühle“ ins Herz

Vor 22 Jahren wurde ein neuer Wirt gesucht. Die Stadt Hungen war bis dato Verpächter, wollte das Areal nun aber veräußern. Die Schelds kannten die Gasthaustradition - er ist im Dorf großgeworden - und schlugen zu. »Wir hatten uns gedacht: Das könnte uns Spaß machen - und das hat es auch«, sagt Willi Scheld. Zu Beginn hatten sie mit einem ungewöhnlichen Vorurteil für eine Gaststätte zu kämpfen, erinnert sich Anni Scheld: »Die haben uns nicht geglaubt, dass wir selbst kochen.« Das ging über Jahre so. Der Hintergrund: Der vorige Pächter hatte Speisen über einen Partyservice geordert, die Küche blieb bei ihm kalt.

Besonderen Spaß hatten die Schelds am Gänseessen, dem Sommer- und vor allen Dingen dem Oktoberfest, das über 20 Mal stattfand. »Die Premiere war mit den Hüttenberger Mädels, Harald Weimer und dem Hessen-Duo«, erinnert sich Willi Scheld und lächelt. »Das war schön.« Auf dem Hof stand ein Zelt, ein Kinderkarussell drehte sich. »Das hatte uns vorher keiner zugetraut«, sagt Anni Scheld. Über die Jahre erarbeiteten sich beide eine treue Stammkundschaft. Die Chöre hatten ihr Singstundendomizil in der Angermühle, Vereine hielten ihre Jahreshauptversammlungen ab. »Beim Karnevalsverein CCB bin ich Gründungsmitglied«, berichtet der Gastwirt stolz. So sollte es eigentlich weitergehen. »Wir hatten uns vorgestellt, dass wir es im Ruhestand weiter betreiben«, sagt Anni Scheld. »Es war nie geplant, dass wir das verkaufen.« Jedoch war schon länger klar, dass es in der Familie keinen Nachfolger gibt.

Willi Scheld

Hungen: Bellersheimer Gasthaustradition soll weitergehen

Dann kam die Pandemie. Die Jahreshauptversammlung des Feuerwehrvereins war einer der letzten großen Termine, bevor es kurz nach dem Karneval in den ersten Lockdown ging. »Uns sind alle Buchungen weggebrochen«, sagt die 65-Jährige. Dann erkrankte ihr Mann. Zwischenzeitlich versuchte Anni Scheld, den Betrieb allein weiterzuführen und Essen außer Haus zu verkaufen. War die Nachfrage anfangs noch gut, sank sie später kontinuierlich. »Für zwei, drei Hamburger und ein Schnitzel am Abend lohnt sich die Arbeit nicht«, sagt sie

Wenn jetzt die Corona-Auflagen weniger werden und Gasthäuser wieder öffnen können, wird die Angermühle geschlossen bleiben. Das Gasthaus steht zum Verkauf. Zwar hatte das Ehepaar bereits einige Anfragen möglicher Pächter. Doch sie wollen einen endgültigen Schlussstrich ziehen und verkaufen, »sonst hängt man doch immer noch irgendwie mit drin«. Einige Kaufinteressenten für den Gebäudekomplex haben sich bereits gemeldet. Diese wollten jedoch das Gasthaus platt und mit neuen Eigentumswohnungen den großen Reibach machen. Die Wirtsleute lehnten diese Offerten ab. »Uns könnte es egal sein, wie es mit der ›Angermühle‹ weitergeht - ist es aber nicht«, verdeutlicht Anni Scheld.

Für Willi Scheld muss ein Nachfolger vor allen Dingen eines mitbringen: »Es muss einer übernehmen, der das mit Herz macht.« Die 131 Jahre alte Gasthaustradition soll weitergehen.

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