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Die Cola gießt Leslie Haug sich selbst ein. Getränke für Gäste fließen in der Musikkneipe Piano in Hungen seit Anfang November nicht mehr. Langsam wird das für die Wirtin zu einem finanziellen Problem.

Sorgen wegen Corona

Hungen: Traditionskneipe muss durchhalten – Sorgen sind groß

  • vonChristina Jung
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Wohnmobil-Dinner. Kosmetik to go. Schaufenster-Shopping. Um Umsätze zu generieren, entwickeln Unternehmer in der Krise kreative Konzepte. Wer wie Leslie Haug in Hungen eine Kneipe führt, hat da schlechte Karten. Denn Bier und Musik lassen sich schlecht zum Mitnehmen anbieten.

Hungen - Eine leere Whiskeyflasche steht einsam auf der Theke. Die weiße Kerze darin hat schon lange kein Licht mehr gespendet. Ebenso lange wie aus der Zapfanlage dahinter kein kühles Blondes mehr geflossen ist und in der angrenzende Spüle keine Biergläser mehr geschrubbt worden sind. Die stehen im Schrank, genauso wie die Spirituosen, die hier normalerweise fließen. »Es ist frustrierend«, sagt Leslie Haug, die das Piano in der Hungener Untertorstraße führt.

Frustrierend, weil sie nicht daran glaubt, dass sich an der Situation so schnell etwas ändern wird. Frustrierend, weil sie nicht weiß, wie lange sie das finanziell durchhält. Zwar reichen das Gehalt ihres Mannes und das Geld, das die gelernte Altenpflegerin als Halbtagskraft im Laubacher Stift verdient, um den Lebensunterhalt der Familie zu finanzieren. Nicht aber, um die laufenden Kosten der Kneipe in Höhe von rund 2500 Euro monatlich zu decken. Doch Haugs Rücklagen sind - nach dem Lockdown im Frühjahr, eingeschränkten Öffnungsbedingungen mit erheblichen Umsatzeinbußen im Sommer und der erneuten Schließung seit November - trotz 10 000 Euro Corona-Soforthilfe im März mittlerweile nahezu aufgebraucht. Immerhin: Nachdem sie im November leer ausgegangen war, hat sie am Montag erfahren, dass ihr Antrag auf Dezemberhilfe genehmigt wurde. »Das trägt uns eine Weile«, sagt Haug.

Spendenaktion in Hungen: „Eigentlich wollte ich das nicht“

Um irgendwie Einnahmen zu generieren, startete die Wirtin - animiert von ihren Gästen - im Januar eine Spendenaktion über Facebook. »Eigentlich wollte ich das nicht, weil sich das für mich wie betteln anfühlt«, sagt sie. Doch Umsatz mit kreativen neuen Verkaufskonzepten zu machen, wie das Unternehmer in anderen Branchen tun, gestaltete sich für die zweifache Mutter schwierig. Denn: »Essen darf ich in der Raucherkneipe nicht zubereiten und Bier to go zu verkaufen, funktioniert nicht«, so Haug.

Letztlich bat sie das Piano-Publikum doch um finanzielle Hilfe. Mit für sie überwältigendem Erfolg. »Innerhalb der ersten zwei Tage kamen 1500 Euro zusammen, mittlerweile sind 3350 Euro auf dem Spendenkonto eingegangen«, erzählt die 50-Jährige. Unterstützt wurde sie von ihren Stammgästen, die kleine Videos aufnahmen, in denen sie erzählten, warum das Traditionslokal erhalten bleiben sollte. Florian Röhrich vom Hungener Hinterhoftheater schnitt die Kurzfilme zu einem Streifen zusammen und stellte diesen bei YouTube ein.

Sorgen um Kneipe Piano in Hungen

»Das Piano ist einfach ein sehr besonderer Ort, sehr speziell und sehr familiär«, begründet Röhrich, der selbst gerne dort einkehrt, seine Motivation. Das Publikum sei bunt gemischt und selbstverständlich per Du. Bänker säßen neben Handwerkern, jeder sei willkommen. Und selbst wer niemanden kenne, komme sofort ins Gespräch, so der Langder. »Für viele ist das Piano wie ein zweites Wohnzimmer. Es wäre schade, wenn Leslie es aufgeben müsste.«

Dieser Auffassung ist die Chefin auch. Denn für sie ist die Musikkneipe, die 1982 als solche eröffnet wurde, viel mehr als ein Job. 2001 fing sie als Bedienung an, arbeitete als solche fünf Jahre dort. Das Piano ließ sie nicht mehr los. Regelmäßig kam die Ober-Widdersheimerin mit ihrem Mann zum Dartspielen und Rockmusik hören in ihrer Freizeit nach Hungen. »Es war unsere Stammkneipe«, so Haug, die ebenfalls die familiäre Atmosphäre in dem rund 100 Quadratmetern großen, urig eingerichteten Lokal schätzt.

Kneipe im Kreis Gießen: Piano vor erstem Lockdown „ständig proppenvoll“

Weil ihre Vorgänger laut Haug kein Händchen für die Kneipenführung hatten und immer mehr Gäste fernblieben, übernahm sie 2019 das Ruder. Mit Erfolg. Bis zum ersten Lockdown »war das Ding ständig proppenvoll«, sagt sie. Haug wünscht sich, dass es irgendwann wieder so und sie dann immer noch die Pächterin sein wird.

Um bis dahin durchzuhalten, hat Haug mittlerweile die Pachtzahlungen reduziert. Außerdem prüft ihr Steuerberater, ob die Wirtin eine Chance hat, die neue Überbrückungshilfe zu erhalten. Deren Beantragung soll laut Bundesfinanzministerium einfacher sein, mehr Unternehmern zur Verfügung stehen und großzügigere Förderungen ermöglichen. Haug: »Auch wenn ich total frustriert bin und mich hilflos fühle, ein wenig Hoffnung auf ein gutes Ende habe ich noch.«

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