Humorvolle und kritische Abrechnung mit Politikern

David Hare ist bei uns wenig bekannt - zu Unrecht. In seiner Heimat gilt er der Times als führender Dramatiker Britanniens, die meisten seiner Stücke sind im Royal National Theatre uraufgeführt worden, dem Flaggschiff der britischen Bühnen.

David Hare ist bei uns wenig bekannt - zu Unrecht. In seiner Heimat gilt er der Times als führender Dramatiker Britanniens, die meisten seiner Stücke sind im Royal National Theatre uraufgeführt worden, dem Flaggschiff der britischen Bühnen. Zu den Höhepunkten seines Schaffens zählt seine Trilogie, die die neoliberale Ära auf der Insel in kritischem Licht darstellt.

Etwas bekannter wurde Hare hierzulande, als seine Inszenierung von Joan Didions »Jahr magischen Denkens«, die er mit Vanessa Redgrave in New York erarbeitet hatte, in diesem Sommer in Salzburg bei den Festspielen gastierte.

David Hare wurde wegen seiner Verdienste um das britische Drama von Königin Elisabeth zum Ritter geschlagen - jetzt brachte das Royal National Theatre in London Sir Davids neueste Stück heraus: »Gethsemane«.

Das Stück spielt nicht zur Zeitenwende, sondern heute, nicht in Jerusalem, sondern in London. Aber das Thema ist das gleiche: sich treu bleiben, die Ideale, trotz äußeren Drucks, verwirklichen oder sie preisgeben, verraten. David Hare, der sich in seiner großen Trilogie mit der Ära der Konservativen auseinandersetzte, bewährt sich wieder als Chronist: in »Gethsemane« untersucht er die Zeit von Tony Blair, von New Labour. Die Szene wird zum Tribunal.

Meredith ist Innenministerin und sie hat ein Problem, ihre sechzehnjährige Tochter Suzette: Das liebe Kind hat Drogen genommen. Wenn das rauskommt, gibt es einen öffentlichen Skandal, der das Ansehen der Ministerin gefährdet und der Partei schadet. Merediths persönliche Referentin findet einen Ausweg. In solch heiklen Fällen pflegt sie sich an Otto zu wenden.

Otto, eine mephistophelische Figur, ist verantwortlich für Parteispenden. Er wirbt sie ein - und verfügt über einen potenten Haushalt. Hier hilft er der Schule; die lange gewünschte Turnhalle kann gebaut werden. Damit wird die Schulleiterin besänftigt, die Verfehlung Suzettes verschwinden unter dem sprichwörtlichen Teppich und alle sind zufrieden - bis auf Suzette.

Sie wirft ihrer Mutter vor, sie sei korrupt - ein Schlüsselwort im Stück. Tatsächlich hat sich die Mutter von den Annehmlichkeiten des Amtes korrumpieren lassen - sie klebt an ihrem Sessel. Das wird spätestens deutlich, als ihr alter Freund und Kampfgenosse sie zu sich zitiert: der Premierminister. Aber der ist nicht besser. David Hare wirft beiden Politikern vor, sie hätten ihre Gestaltungskraft verloren. Sie strebten nicht mehr ihre alten Ziele an, statt dessen begünstigten sie die Reichen und ließen sich mit ein paar lumpigen Spenden für die Partei abspeisen.

David Hare betont im Programmheft, alles sei frei erfunden, tatsächlich aber spielt er auf Zeitgenossen und wirkliche Ereignisse an. Insbesondere der Premierminister trägt Züge von Tony Blair - die Anspielungen werden verstanden. Das Publikum im ausverkauften Cottesloe, der Studiobühne des Royal National Theatres, schmunzelt häufig und lacht viel.

Neben die Kritik, die ebenso humorvoll wie energisch und szenisch treffend formuliert wird, stellt David Hare Alternativen. Sie werden durch Suzette verkörpert, ein kluges, sympathisches Mädchen, das sich kein X für ein U vormachen lässt, und Suzettes Lehrerin: sie hat sich, anders als die Ministerin, nicht korrumpieren lassen, bleibt ihren Idealen treu, und kann Suzette helfen, als sie einer schockierenden Sexaffäre wegen in schweres Wetter gerät.

Letztlich springt Hare in manchen Punkten den Politikern bei. Der britische Meisterdramatiker fragt, warum Politiker besser sein sollten als alle anderen - wir sollten mit unsren Forderungen an die da oben Maß halten. Hare wäre schon mit ihnen zufrieden, wenn sie eine Politik verwirklichten, die sie versprochen haben. Hares Rundumschlag ist wohlüberlegt und sitzt.

Die Handlung ist klug konstruiert, der Dialog elegant, gefeilt und poliert, bis er funkelt, die Figuren wirken lebendig, die weiblichen, wie meist bei Hare, noch blutvoller als die Männer. Howard Davies stellt sich bei seiner Uraufführungsinszenierung ganz in den Dienst seines Autors und der liefert den Schauspielern erstklassiges Futter. Jessica Raine glänzte als Suzette, bei den Konflikten krachte es zur Freude des Publikums - und auf der Bühne entrollte das brillante Ensemble das aktuelle Panorama einer Gesellschaft, der die Kategorien in die schändlichste Verwirrung geraten sind. Doch wo die Gefahr am größten, da wächst das Rettende auch. Die neue Generation hat erkannt, wo die alte versagt - Voraussetzung für Wandel. Sir David lässt das Stück mit einem Silberstreif am Horizont enden.

David Hare ist Brite - und Europäer. Seine Diagnose trifft sowohl für New Labour zu wie für sozialdemokratische Parteien auf dem Kontinent.

Die Probe aufs Exempel dürfte beweisen, dass es offensichtliche Parallelen zur SPD gibt und zu unserer Gesellschaft: »Gethsemane« liegt auch an der Spree: der makellos gebaute Zweiakter sollte so rasch wie möglich übersetzt werden und dann: nachspielen. Nachspielen!

Ulrich Fischer

Aufführungen am 12., 13., 14., 22., 24., 25. Nov; 1. - 23. Dez. en suite. Kartentelefon: 0044 20 7452 3000 - Internet:

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