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Homeoffice gegen Fachkräftemangel

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Von: Stefan Schaal

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»Wir werden auf jeden Fall ins Büro zurückkehren müssen«, ist Kai Frenzel von A+W überzeugt. 90 Prozent der 120 Mitarbeiter in Pohlheim arbeiten derzeit im Homeoffice. »Der Mensch ist ein soziales Wesen«, sagt Frenzel. SYMBOLFOTO: DPA © DPA Deutsche Presseagentur

Das Homeoffice hat die heimische Wirtschaft vor dem Absturz bewahrt: Zu diesem Schluss ist kürzlich die Beratungsgesellschaft Deloitte gekommen. Den Unternehmen bringt das Arbeiten von zu Hause zudem bemerkenswerte Vorteile im Umgang mit dem Fachkräftemangel, wie Schunk-Personalleiter Steffen Friedrich berichtet.

Zehntausende Menschen im Kreis Gießen standen im Frühjahr vergangenen Jahres vor einer völlig neuen Situation. Der Weg zur Arbeit bestand plötzlich nicht mehr darin, ins Auto zu steigen und ins Büro zu fahren - sondern per Knopfdruck einen Computer einzuschalten, zu Hause, im eigenen Wohnzimmer oder in der Küche.

Von einer damals »großen Anspannung« spricht Steffen Friedrich, Personalleiter bei Schunk. Für einen Großteil der Beschäftigten in der Produktion sei diese Form des Arbeitens zwar nicht möglich. Immerhin 1300 der 5000 Schunk-Beschäftigten allerdings arbeiteten in Reaktion auf die Corona-Pandemie »von heute auf morgen« im Homeoffice. »Wie das unter Druck funktioniert hat, war ein tolles Erlebnis«, sagt Friedrich.

Der Personalleiter berichtet zudem von bemerkenswerten Veränderungen, die das Homeoffice in den vergangenen Monaten mit sich gebracht hat. Zunehmend, sagt er, erhalte das Unternehmen mit Sitz in Heuchelheim Bewerbungen von Menschen, die außerhalb Mittelhessens leben. So erweist sich das Homeoffice als hilfreich im Umgang mit dem Fachkräftemangel. Man könne dadurch ohne große Schwierigkeiten auch Menschen aus Nordrhein-Westfalen beschäftigen, sagt Friedrich. »Sie können zum Beispiel montags und freitags zu Hause arbeiten und sind dann zwei, drei Tage hier vor Ort.« Wichtig bleibe indes, dass ein Bezug zum Unternehmen besteht. »Wir sind ein Industriebetrieb. Jeder Beschäftigte muss auch wissen, was vor Ort los ist.«

Um bis zu 22,1 Prozent - statt wie tatsächlich um 4,9 Prozent - hätte das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Deloitte im vergangenen Jahr schrumpfen können, gäbe es nicht den Heimarbeitsplatz. Das Homeoffice habe in der Pandemie einen radikaleren Absturz der deutschen Wirtschaft abgewendet.

Unternehmensvertreter im Kreisgebiet sowie auch Sprecherinnen der Agentur für Arbeit und der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg bestätigen die hohe Bedeutung des Arbeitens im Homeoffice in Zeiten der Pandemie. Es funktioniere weitgehend, von schwerwiegenderen technischen Hürden beispielsweise in der Breitbandversorgung berichtet niemand. Für manche kleinere Betriebe sei der Aufwand, Mitarbeitern die erforderliche Technik zu stellen und Sicherheitsvorkehrungen zum Datenschutz zu treffen, allerdings ein schwer zu bewältigender Kraftakt gewesen, räumt Nadine Speier, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit in Gießen, ein.

Schunk-Personalleiter Friedrich führt mehrere Vorteile für die Betriebe und die Beschäftigten an. Die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben falle einfacher. Das Homeoffice spare außerdem viel Zeit, weil das Pendeln zu einem beträchtlichen Teil wegfällt. »Wenn Mitarbeiter früher während des Arbeitstags einen Arzt besucht haben, sind sie meistens nicht mehr zurück ins Büro gekommen«, sagt er. »Heute schalten sie danach den Computer zu Hause wieder an und arbeiten noch ein paar Stunden.«

Ein Nachteil allerdings falle im Homeoffice schwer ins Gewicht. »Die Ecke, in der unternehmerisch die wichtigsten Dinge besprochen werden, ist eigentlich das Betriebsrestaurant oder das Café«, sagt Friedrich. Der persönliche Austausch, der Smalltalk fehle sehr. »Unternehmen sind eben auch soziale Einrichtungen, in denen man Kollegen trifft, sich gerne sieht und im Team zusammenarbeitet.« Auch Streit trage man lieber persönlich aus. »Und nicht per Videokonferenz.«

Der Mensch sei ein soziales Wesen, bekräftigt auch Kai Frenzel, Finanzvorstand (CFO) bei A+W in Pohlheim. Das Persönliche drohe im Homeoffice zu verkümmern. 90 Prozent der 120 Mitarbeiter des Unternehmens sind derzeit von zu Hause aus tätig. »Wir werden auf jeden Fall ins Büro zurückkehren müssen«, ist Frenzel überzeugt.

Von einer kreativen Idee, um den Austausch zu stärken, erzählt Dr. Martina Faber, Personalchefin des Energieversorgers Ovag. »Einige Abteilungen haben ihre Weihnachtsfeiern vorsorglich im September vorgezogen«, berichtet sie. »Für die Stimmung und den Teamgeist war das eine sehr gute Entscheidung. Von den Feiern zehren wir noch heute.« Ein Drittel der 700 Mitarbeiter sei im Homeoffice tätig. »Wir sind überrascht, wie gut es funktioniert.«

Das Arbeiten zu Hause ist freilich nicht in jeder Branche praktikabel. Ja, das Homeoffice habe sich zum großen Teil bewährt, erklärt Frenzel von A+W. Doch müsse man auch Betriebe im Blick haben, die in der Baubranche, im produzierenden Gewerbe, in der Gastronomie sowie im Handel tätig sind. »Für die Hälfte ist das Homeoffice schlicht keine Option.«

Frank Paul, Leiter der Niederlassung des Bauunternehmens Goldbeck in Wettenberg, berichtet, dass man dort im Homeoffice, so weit es eben geht, bereits seit Jahren arbeite. So spreche man sich beispielsweise mit den Fachabteilungen in der Zentrale in Bielefeld ab. Der technische Fortschritt werde das Homeoffice sicher weiter begünstigen, glaubt Paul - und gibt Einblick in eine Zukunftsvision: Wenn 360-Grad-Kameras die Bauarbeiten im Blick haben und sich Roboter über die Baustelle bewegen.

»So praktisch und hilfreich das Homeoffice auch ist«, ergänzt Paul, »wird das Arbeiten an Ort und Stelle für uns aber immer von zentraler Bedeutung sein.«

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