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Köche und Gastronomen warten sehnsüchtig darauf, ihre Gäste wieder mit liebevoll angerichteten Speisen im Restaurant bewirten zu können und nicht nur via Thermopack im Außer- Haus-Geschäft.

NEUE WEGE

Hoffen auf Öffnungsperspektiven

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Mit Spannung schauen Wirtsleute wie Gäste auf die heutige Beratung der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten: Wann wird es Lockerungen für die seit November geschlossene Gastronomie geben? Heimische Betriebe warten darauf.

Tagliatelle mit Steinpilzen, bitte, und zweimal Rucolasalat mit Rinderfilet« - »Sie hatten bestellt? Für Schneider, richtig?« - »Richtig«.

Freitag, kurz nach 19 Uhr hat sich am Nebeneingang des Restaurant »Lava« in Krofdorf-Gleiberg eine kleine Schlange gebildet. Mit Außer-Haus-Verkauf hält Familie Kilinc das Geschäft am Laufen, bietet neben der Abholung einen Lieferservice an. Das »Ristorante Romano« im gleichen Ort hat mittlerweile sogar den Eingang umgebaut: Die Ausgabe der Speisen erfolgt aus Gründen von Abstand und Hygiene über eine Schublade, wie man es vom Nachtschalter an der Tanke kennt.

Die gebeutelten Gastronomen suchen und gehen neue Wege, um zu überleben. Und das könnte womöglich noch ein Weilchen so bleiben. Es bleibt abzuwarten, ob am heutigen Mittwoch schon Lockerungen oder ein weiteres Öffnen für die Gastronomie beschlossen werden, wenn die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin die nächsten Schritte im Umgang mit der Pandemie beraten. Die DEHOGA, der Deutsche Hotel- und Gastronomieverband, hat unterdessen eine konkrete Öffnungsperspektive für die Branche gefordert. Erhofft wird ein Fahrplan mit verbindlichen Kriterien, und zwar am besten bundesweit einheitlich, so DEHOGA-Präsident Gerald Kink. Dem schließen sich heimische Wirte an.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat am Wochenende schon versucht vorzuspuren, worauf sich Restaurants, Kneipen etc. einstellen können. Er hält eine Öffnung der Außengastronomie in Deutschland um Ostern herum für möglich. Bis dahin sind es aber noch vier Wochen.

Dabei hat das Gastgewerbe bereits harte Zeiten hinter sich: Fast sechs Monate Schließung der Lokale in den zwei Lockdown-Phasen sind es bislang - verbunden mit teils heftigen wirtschaftlichen Einbußen. Der Umsatzeinbruch von Restaurants, Gaststätten, Cafés und Bars wird auf mehr als 35 Prozent beziffert. Eine Größenordnung, die Markus Müller, Chef des Landhauses Klosterwald bei Arnsburg, dieser Tage ohne zu zögern bestätigt hat: Kein Ostergeschäft, keine Konfirmationen, keine Hochzeiten - das haut rein.

Neben dem Außer-Haus-Verkauf haben sich etliche weitere Gastronomen Nischen gesucht: Axel Horn von Burg Gleiberg, Familie Jung von der Schmelzmühle und einige andere mehr kochen ihre Leckereien in Gläser ein, verkaufen diese auf dem Gießener Wochenmarkt unter dem Motto »Gastronomie auf die Straße«.

Wer es sich leisten kann, der hat die Schließungszeit im zweimaligen Lockdown für anstehende Renovierungen oder Umbauten genutzt - teils auch um Abstandsregeln und Hygiene-Konzepte noch besser umsetzen zu können. So wird beispielsweise im Saal der Turnhalle in Heuchelheim jetzt noch fix frisches Parkett verlegt, bevor »Rustico«-Wirt Thomas Huber dort im Frühling hoffentlich wieder die ersten Hochzeiten ausrichten kann. Familie Müller vom »Landhaus Klosterwald« hat in den vergangenen Monaten rund 300 000 Euro in den Festsaal und vor allem in den Außenbereich investiert. Im Saal sorgt eine neue Lüftungsanlage dafür, das 99,6 Prozent aller Viren und Bakterien aus der Luft gefiltert werden. Die Terrasse ist überdacht. Eine voll verglaste »Home-Move«-Terrasse kann durch Öffnen der Türen blitzschnell in einen Biergarten verwandelt werden - alles Ansätze, um die Saison mit der Bewirtung draußen länger ausnutzen zu können.

»Wir sind nicht auf Mallorca, sondern am Rande der Wetterau«, sagt Markus Müller. Er hofft auf ein Öffnen zum 1. April. Bis dahin will er mit allen Umbauten startklar sein. Zudem wurde das Hygienekonzept für das »Landhaus Klosterwald« nochmals überarbeitet, es umfasst jetzt elf Kapitel auf zehn Seiten plus Anlagen. Müller sagt, er werde damit seiner Verantwortung für Mitarbeiter und Gäste gerecht und erwarte nun von der Politik einen Plan, was wann wie wieder möglich sein könnte. »Es müssen jetzt konkrete Antworten kommen«, fordert der 2. DEHOGA-Vorsitzende im Kreis von der Politik. Die Gastronomen wünschten sich »einen klaren, verbindlichen Fahrplan«, der ihnen für die kommenden Monate wieder eine Perspektive bietet.

All das legte Müller dieser Tage auch im Gespräch mit Hermann Otto Solms dar. Der FDP-Bundestagsabgeordnete aus Lich informierte sich im »Klosterwald« über die Situation der Gastronomie und stellte zugleich seinen Stufenplan vor. Der Liberale macht keinen Hehl daraus: Den flächendeckenden Lockdown, wie er derzeit herrsche, hält er für falsch. Es gehe jetzt darum, dass die Belastungen so schnell wie möglich gelockert würden. Mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen sei das verantwortbar und regelbar, sagt Solms und konstatiert: »Ich bin mit dem, was jetzt gemacht wird, höchst unzufrieden.«

Solms plädiert für einen 7-Stufenplan, auf den sich alle einstellen könnten. Liege die Inzidenz an sieben Tagen hintereinander stabil unter 50, könnten Gastronomie und Hotels unter Auflagen in den Regelbetrieb gehen, so die Einschätzung des FDP-Manns.

»Klosterwald«-Chef Müller erwartet außerdem, dass Politik zwischen Ein-Raum- und Mehr-Raum-Gastronomie unterscheide. Das finde bislang nicht statt. Klar sei aber, sagt Müller, dass größere Unternehmen mehr Möglichkeiten hätten.

Auch bei der Ausbildung geht das Gastgewerbe neue Wege. Mit kostenlosen Vorbereitungskursen werden Azubis aus Küchen und Service auf ihre Abschlussprüfungen vorbereitet, um aufzuarbeiten, was im Lockdown zu kurz kam. Anmeldungen für Azubis unter dehoga-hessen.de

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