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Die Teiche, aus deren Grund früher Lehm und Ton für die Ziegelei gewonnen wurden, liegen heute naturbelassen an einem Wohngebiet. Harald Liebermann kümmert sich um sie.

Höher als der Kirchturm

  • VonStefan Schaal
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Die Ziegelei der Familie Liebermann hat jahrzehntelang Leihgestern geprägt, viele Bewohner des Dorfs haben dort gearbeitet. Heute stehen auf dem Gelände des früheren Betriebs Wohnhäuser. Doch ein Paradies mitten in Leihgestern erinnert noch an die alte Ziegelei.

Harald Liebermann schreitet durch einen kleinen, dichten Wald. »Ich muss mal wieder die Schere mitnehmen«, sagt er. »Damit man hier durchkommt.« Vor einem Augenblick ist der 69 Jahre alte Erste Stadtrat Lindens noch durch ein Wohngebiet gelaufen. Nun hinterlässt jeder Schritt ein Rascheln, Vögel zwitschern, und dann steht Liebermann auf einem Waldpfad mitten in Leihgestern in einem Paradies: zwischen zwei insgesamt 6850 Quadratmeter großen, naturbelassenen Teichen in Privateigentum.

Die Teiche sind die letzten Überbleibsel eines Betriebs, der Leihgestern über Jahrzehnte geprägt hat: Noch bis Anfang der Siebzigerjahre wurden hier - auf dem Gelände der einstigen Ziegelei der Familie Liebermann - Lehm und Ton aus dem Grund der beiden Gewässer gewonnen.

Liebermanns Urgroßvater, der Kaufmann Christian Faber, hat das Unternehmen 1895 gegründet und Lehmsteine anfangs in einem Feldbrandofen gebrannt. Derartige Betriebe entstanden damals im gesamten Kreisgebiet. Viele Ältere dürften sich heute beispielsweise noch an die Ziegeleien Müller in Lang-Göns und Kruse in Watzenborn erinnern, an ähnliche Unternehmen in Laubach, Lich und Heuchelheim.

Auch die Ziegelei in Leihgestern war prägend für das Dorf. Viele Menschen aus der Gemeinde packten mit an, standen als Brenner im Ofenraum oder transportierten Dachziegel und Stallplatten als Lkw-Fahrer durch die Region. Wenn morgens um vier Uhr die Maschinen angelaufen sind, war das freilich im Dorf zu hören. »Der Schornstein war höher als die Kirche«, sagt Liebermann. »Wer aus Lang-Göns nach Leihgestern gekommen ist, hat den gesehen. Allein dadurch war die Ziegelei prägend.«

Liebermann sitzt in seinem Garten, zeigt alte Fotografien, trinkt ein Glas Wasser - nur 30 Meter von der Stelle entfernt, wo einst das Maschinenhaus der Ziegelei stand. In den Schulferien hat er dort mitgearbeitet. Er hat dann draußen häufig den Löffelbagger bedient. »Der ist ja auf Gleisen gefahren, die wir immer wieder neu verrücken mussten. Das war Kraftarbeit«, sagt Liebermann. Er hat damals Steine gestapelt, bevor sie per Lkw zumeist an Baustoffhändler ausgliefert wurden, er hat den in riesigen Walzen gekneteten, geformten, automatisch geschnittenen und anschließend getrockneten Lehm auf Latten gelegt, um ihn für das Brennen im Ofenraum bei 1200 Grad vorzubereiten. »Die Ziegelei war ein Saisonbetrieb«, erzählt Liebermann. Bis in den Herbst hinein sei dort gearbeitet worden, für die kalten Monate habe man vorproduziert. »Die Lehmsteine mussten ja trocknen. Im Winter wären die feuchten Steine kaputt gefroren.«

Die Existenz des Familienunternehmens schien nach der ersten Generation bereits gefährdet, als aus der Ehe des Gründers vier Töchter hervorgingen und kein Sohn. Der Unternehmer Christian Faber aber setzte auf seine Tochter Sophie, unterstützte sie in einer Ausbildung zur Kauffrau. Sie heiratete, ihr Mann Heinrich Liebermann übernahm die Geschäftsführung. Doch sie war es, die den Betrieb am Laufen und in geordneten finanziellen Bahnen hielt. »Mein Opa Heinrich hatte ständig Ideen«, erzählt Harald Liebermann. »Einmal wollte er eine Fischzucht gründen und hat auf der Straße schon Netze geknüpft. Die betriebswirtschaftliche Chefin war meine Großmutter Sophie.«

Kennengelernt hätten diese sich übrigens maßgeblich mithilfe des Dichters Georg Heß. »Mein Opa kam eigentlich aus der Region Knüll. In englischer Kriegsgefangenschaft hat er sich mit dem Leihgesterner Georg Heß angefreundet.«

Harald Liebermanns Vater Karl Heinz machte das Unternehmen Anfang der Sechzigerjahre fit für die Gegenwart, moderniserte und baute den Betrieb um. In dieser Zeit waren zahlreiche Gastarbeiter für die Ziegelei tätig. Im April 1972 indes knickte Karl Heinz Liebermann während der Arbeit um, sein Oberschenkel war gebrochen. Die Ärzte stellten Metastasen im ganzen Körper fest. Es war Krebs im Spätstadium. Vier Monate später starb er, im Alter von 47 Jahren.

Sein Tod bedeutete das Ende der Ziegelei. »Ich habe damals Physik studiert, mein Bruder hat bei einer Bank gearbeitet«, erzählt Liebermann. Sein Vater habe vor seinem Tod bereits mit dem Gedanken gespielt, die Ziegelei in einen Baustoffhandel umzuwandeln. »Die Konkurrenz in der Region hätte uns irgendwann gezwungen, uns zu vergrößern. Dann hätten wir Ton anfahren müssen.«

Die Söhne fassten den Entschluss, den Betrieb abzuwickeln. Die Hochzeit mit 20 Beschäftigten hatte das Unternehmen ohnehin hinter sich, vor allem in den Trümmerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ziegelei gefragt gewesen.

Und so wurde das Gelände abgetragen, Bagger wurden Stück für Stück auseinander geschweißt, zuletzt wurde der Brennofen abmontiert. Kurz darauf war das Areal eine Brachfläche. An einem hinteren Stück baute die Firma Weton eine Fertigbetonanlage auf, doch ist sie nie in Betrieb gegangen. Nachdem der Pachtvertrag zehn Jahre später ausgelaufen war, wurde sie wieder abgebaut. Die Firma hatte sich wohl übernommen.

Auf dem Gelände der Ziegelei stehen heute Wohnhäuser. An die einstige Ziegelei erinnern heute nur noch Straßennamen wie der Christian-Faber-Weg und »An der Ziegelei« - und zwei naturbelassene Teiche. Bisweilen lassen sich am Ufer Graureiher nieder, zum Ärger Liebermanns hin und wieder auch Angler.

Der Leihgesterner schlägt ein Fotoalbum auf. Beim Blättern stößt er auf Fotos von 1973, als Kräfte des THW den Schornstein der stillgelegten Ziegelei sprengten. Neben einem Foto stehen geschriebene Zeilen, es ist ein Gedicht. Eine der Töchter des Firmengründers, Therese »Röschen« Stump, hat damals geschrieben: »Du alter Schornstein bist nicht mehr. Da, wo du standst, ist alles leer.« Liebermann liest vor, Zeile für Zeile. »Dass ich dich jetzt nicht mehr seh, das tut mir tief im Herzen weh. Ich schäme mich der Tränen nicht, die mir nun netzen mein Gesicht.« Das Gedicht endet mit den Worten: »Von Kindheit warst du mir nah. Wie ein gefällter Baum liegst du nun da. Bald ist von dir nichts mehr zu sehen. Auch ich muss eines Tages gehen.«

»Wer aus Lang-Göns nach Leihgestern gekommen ist, hat den Schornstein gesehen«, sagt Harald Liebermann. »Allein dadurch war die Ziegelei prägend.«

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