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Marius Reusch ist seit Juni 2019 der Langgönser Bürgermeister.

»Hochwasserschutz muss vorgehen«

  • VonPatrick Dehnhardt
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Knapper Wohnraum und Hochwasser sind derzeit die zentralen Themen in Langgöns. Bürgermeister Marius Reusch spricht im Interview darüber, vor welchen Problemen die Gemeinde bei der Schaffung von Bauland steht und wieso ein Förderprogramm die Starkregenanalyse ausbremst.

Langgöns ist mit einer Bahnstrecke sowie zwei Autobahnen direkt vor der Tür gut angeschlossen, liegt zudem in einer schönen Landschaft. Wie stark ist der Druck auf den Wohnungsmarkt?

Der Druck ist sehr hoch. Der Verdrängungswettbewerb aus Rhein-Main und Gießen nimmt zu, da Wohnraum bei uns noch relativ bezahlbar ist. Es ist schwerer geworden, etwas Passendes zu finden. Ich kann das in meinem Freundeskreis beobachten. Viele haben geheiratet, eine Familie gegründet und sind nun auf der Suche nach einem geeigneten Haus oder einem Bauplatz, weil sie in Langgöns bleiben wollen oder wieder hierher zurück möchten.

Kann man das in einer Zahl fassen?

Pro Jahr haben wir in Langgöns einen Wanderungssaldo von zirka 800 Menschen, die weg- und zuziehen. Das ist fast ein Dorf in der Größe von Espa, das in jedem Jahr ausgetauscht wird. Dies ist schon eine enorme Größenordnung.

Kommen überhaupt Immobilien auf den Markt?

In den Baugebieten aus den 1970ern findet zurzeit ein Generationenwechsel statt, auch in den innerörtlichen Bereichen. Die Älteren ziehen aus, Jüngere ein. Jedoch gibt es da zum Teil auch eine negative Entwicklung, werden Häuser unter der Hand durch bestimmte Makler abseits des regulären Marktes verkauft.

Kann die Gemeinde dagegen etwas tun?

Wir werden uns hier stärker engagieren, die Innenentwicklung zum Kernthema machen. Es gibt auch erste Überlegungen, in begründeten Fällen zentrale Objekte beim Eigentümerwechsel anzukaufen, um dort Fehlentwicklungen zu verhindern.

Auch nach Bauplätzen ist die Nachfrage groß...

Wir haben einen Kriterienkatalog mit einem Punktesystem für die Bauplatzvergabe eingeführt. Für Ehrenamt oder Kinder gibt es beispielsweise Pluspunkte. Beim Baugebiet Espa wurde das gerade kürzlich erstmals angewendet und hat sehr gut funktioniert, da haben wir eine gute Durchmischung erreicht: junge Familien aus dem Ort, Interessenten mit Behinderung, die wir auch fördern wollen, aber auch Menschen von außerhalb kommen zum Zuge - aber solche, die sich in die Gemeinschaft einbringen und nicht nur hier schlafen wollen.

Gibt es überhaupt noch Flächen, die bebaut werden können?

Der nächste Schritt ist das Gebiet Blankweg in Dornholzhausen, das wir ausweisen wollen. Leider müssen wir im ländlichen Raum inzwischen aber mit erhöhtem Aufwand gegenüber Genehmigungsbehörden begründen, ob und warum wir überhaupt Baugebiete in Dörfern brauchen, während im Rhein-Main-Gebiet eine Wohnung nach der anderen hingebaut wird. Da sehe ich schon eine Schieflage, wenn immer von der Förderung des ländlichen Raumes gesprochen wird. Wir haben in unserer Region keine Leerstände, sondern enormen Druck, und wir können selbst Einheimischen nicht genügend Bauplätze anbieten. Da erhoffe ich mir ein grundsätzliches Umdenken.

Wie sollte dieses Umdenken aussehen?

Die Fragestellung darf aus meiner Sicht nicht immer weiter lauten, wie kann man noch mehr Wohnraum in den Ballungszentren schaffen, sondern umgekehrt, wie können wir wieder mehr Arbeitsplätze in die Fläche und auch in die Dörfer bringen. Denn gerade die Dezentralität ist aus meiner Sicht eine der besonderen Stärken Deutschlands. Denken Sie an den mittelständischen Weltmarktführer, der im Schwarzwald, oder im Lahn-Dill-Bergland oder vielleicht auch in Langgöns sitzt und in der Region attraktive Arbeitsplätze anbietet und für Prosperität der ländlichen Räume sorgt.

Beim Starkregen im Kleebachtal hatte sich gezeigt, dass die Hochwasserrückhaltebecken nicht ideal funktionierten. Ist dort eine Lösung in Sicht?

Die Gespräche, die wir seither intensiv geführt haben, bringen nun langsam erste Ergebnisse. Die Feuerwehr bekommt die Möglichkeit, im Ernstfall die Wehre zu steuern. Dazu werden Messvorrichtungen angebracht und uns eine Durchflussberechnung für verschiedene Einstellungen zur Verfügung gestellt. Zudem bin ich sehr dankbar, dass durch den Wasserverband eine grundsätzliche Überprüfung stattfindet. Ein Fachbüro wird die Auslegung und maximale Wasserabgabe der Becken neu berechnen.

Wird sich auch im Bachbett etwas tun?

Ein Problem war auch, dass der Kleebach in der Ortslage nicht im notwendigen Umfang durchfließen konnte. In den kommenden Tagen dürfen wir ihn in Niederkleen und den anderen Orten wieder freimähen. Doch wir sind weiter in Gesprächen, wie wir die Gewässerpflege verbessern können. Da hat dieser Sommer noch Handlungsbedarf offenbart.

Da trifft der Hochwasser- auf den Naturschutz...

Richtig. Das sind letztlich zwei konkurrierende Interessen an einem Gewässer. Nach den Hochwassern Anfang des Jahrtausends in Köln und an der Elbe wurde der Hochwasserschutz überall im Land intensiviert und neue Bauwerke geplant und gebaut, aus diesem Blickwinkel wurden auch die Gewässer betrachtet. In den letzten Jahren hat der Naturschutz wieder mehr an Bedeutung gewonnen, da wurde auch bei der Gewässerpflege einiges eingeschränkt.

Was bedeutet dies konkret für den Kleebach?

In den Ortslagen und besonders in der neuralgischen Ortslage Niederkleen muss meines Erachtens der Hochwasserschutz gegenüber dem Naturschutz vorgehen. Außerhalb der Ortschaften ist hingegen eine verstärkte Renaturierung und Schaffung von Retentionsräumen sinnvoll. Wir beteiligen uns hierbei an einem Projekt zur Anlage von Gewässerrandstreifen entlang des Kleebachs. Dies dient in meinen Augen sowohl dem Natur- als auch dem Hochwasserschutz.

Ein Mittel zur Vorbeugung sollte auch die Starkregenanalyse sein. Wie weit ist diese?

Wir hätten sie gerne schon letzten Winter in Auftrag gegeben, aber das war nicht möglich. Die Förderzusage der Landesenergieagentur ist noch immer nicht da. Als Klimaschutzkommune würden wir 90 Prozent Förderung bekommen, aber es stellen derzeit viele Kommunen Anträge und es kommt zu einem gewissen Rückstau bei den Maßnahmen, der sehr ärgerlich für uns ist.

Wenn ein Förderprogramm ein Projekt ausbremst anstatt es zu unterstützen, klingt das paradox. Ist das ein Einzelfall?

Nein, leider nicht. Durch die Förderprogramme verzögern sich alle Maßnahmen. Das ist in gewissem Maße auch nachvollziehbar, da es hier ja um Steuergelder geht, die sinnvoll eingesetzt werden müssen. Aber der Förder- und Planungsvorlauf treibt an manchen Stellen schon erstaunliche Stilblüten.

Welche Konsequenzen hat das?

Wir verzichten mittlerweile an mancher Stelle bewusst auf eine Förderung, damit zeitlich zügiger und zum Teil auch trotzdem günstiger etwas unternommen werden kann. In Niederkleen etwa wollen wir die Mauern entlang des Kleebach für den Hochwasserschutz verbessern. Für den Förderantrag hätte ein Fachplaner eine 2-D-Modellierung des Gerinnes anfertigen müssen. Das hätte zwei Jahre gedauert, bis das förderfähig gewesen wäre. Wir wollen diese Mauerertüchtigung nun ohne Förderung in Eigenre- gie mit einem heimischen Bauunternehmen zu einem Bruchteil der Kosten durchführen.

Ist es auch ein Problem, dass Förderanträge zu umfangreich und Programme zu kompliziert sind?

Wir haben in der Verwaltung gar nicht genügend Personal, jedes Förderprogramm anzuzapfen, da dies stets mit jeder Menge Bürokratie daherkommt. Ohne unsere Klimaschutzmanagerin etwa hätten wir vieles in diesem wichtigen Bereich nicht in Gang setzen können, denn alle Dinge bedürfen eines umfangreichen Förderantrags und im Nachgang eines Verwendungsnachweises. Die kleinen Kommunen tun sich da schwer, überhaupt an die Fördertöpfe heranzukommen. Die großen Städte haben dafür größere Abteilungen und Kapazitäten und sind auch hier häufig im Vorteil.

Was sind die Folgen?

Überspitzt gesagt: Wir krie-gen in Deutschland nichts mehr gebaut! Selbst ein Radweg hat mittlerweile einen Planungsvorlauf von fünf bis sechs Jahren. Klar, Steuergelder müssen vernünftig verwaltet sein. Aber man könnte sie auch zweckgebunden den Kommunen zuweisen. Stattdessen verwalten wir uns zu Tode.

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