Willy Jost (l.) und Reinhold Wagner, als junge Männer Mitglieder des Großen-Busecker Jugendparlaments von 1964, schwelgen gemeinsam in Erinnerungen. Foto: jwr
+
Willy Jost (l.) und Reinhold Wagner, als junge Männer Mitglieder des Großen-Busecker Jugendparlaments von 1964, schwelgen gemeinsam in Erinnerungen. Foto: jwr

Historisches Experiment

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
    schließen

Es war ein Pionierprojekt: 1964 nahm in Großen-Buseck das bundesweit erste kommunale Jugendparlament seine Arbeit auf. Doch das Experiment währte nur kurz. Zwei Mitglieder von damals blicken auf eine politisch spannende Zeit zurück.

Jugendliche für Kommunalpolitik interessieren, sie beteiligen und ernst nehmen - das schreiben sich inzwischen viele Kommunen auf die Fahnen. Jugendvertretungen und -beiräte sind heute weit verbreitet. In Buseck gibt es ein solches Gremium schon seit 20 Jahren, im Sommer wurde das Jubiläum gefeiert.

Doch die Tradition, junge Menschen in die Politik einzubinden, reicht zumindest in Großen-Buseck noch viel weiter zurück, wie aus dem GAZ-Archiv hervorgeht: "Verheißungsvoller Auftakt beim Jugendparlament" titelte diese Zeitung, die damals noch "Gießener Freie Presse" hieß, bereits 1964. Von 380 Wahlberechtigten im Alter von 16 bis 25 Jahren gaben laut dem Bericht immerhin 160 ihre Stimme ab. Von 46 Kandidaten schafften es schließlich 15 ins Jugendparlament, damals angeblich das erste seiner Art in Deutschland. Am Wahlabend soll sogar der Hessische Rundfunk zu Gast gewesen sein.

Zwei der 15 Jungparlamentarier sitzen 55 Jahre später bei Kaffee und Stollen nebeneinander, studieren amüsiert den Artikel von damals. "Ach, der war auch dabei!", entfährt es Willy Jost. Er war seinerzeit 16, Reinhold Wagner 21 Jahre alt. Unter anderem seien Vereine angeschrieben und um Personalvorschläge gebeten worden, erinnern sich die beiden. Die Wahl fand dann gleichzeitig mit jener für das Gemeindeparlament statt. Wagner wurde vom Turnverein nominiert, Jost von den Jusos, der Nachwuchsorganisation der SPD.

Großen-Buseck war 1964 noch eine selbstständige Kommune. Der 1. FC Köln wurde in diesem Jahr deutscher Fußball-Meister, die erste Bundesliga-Saison ging vorüber. Ein Jahr zuvor hatte Ludwig Erhard Konrad Adenauer als Bundeskanzler beerbt und in Berlin war die Mauer gebaut worden. Jugendliche galten damals erst mit 21 Jahren als volljährig und die Proteste der 68er-Generation waren noch Zukunftsmusik. Schon diese Eckdaten zeigen, wie lange das her ist - und wie innovativ die Einrichtung eines Jugendparlaments damals war. Dass die Initiative für ein solches Gremium gerade Mitte der 1960er-Jahre gestartet wurde, führen Wagner und Jost sowohl auf Besonderheiten in Großen-Buseck als auch auf die gesellschaftliche Gemengelage der Zeit zurück. "Mitte der 60er waren wir alle sehr politisch", berichtet Jost. Sowohl die Juso-Gruppe als auch die Junge Union in Großen-Buseck hätten großen Zulauf gehabt - anders als heute, wo junge Leute gerade in der Kommunalpolitik eher eine Ausnahmeerscheinung sind.

"Es war eine spannende Zeit damals", sagt Jost und erzählt von einer Demo in Bonn gegen die "Notstandsgesetze", die 1968 im Bundestag verabschiedet wurden. "Da bin ich bei dir mitgefahren", wirft Wagner ein. Sie erinnern sich auch, dass sie damals Flugblätter druckten und im Dorf verteilten. Die Bereitschaft, sich politisch einzubringen, sei groß gewesen.

Als polarisiert haben sie auch die politische Situation auf lokaler Ebene in Erinnerung: In der Gemeindevertretung hätten sich damals zwei Lager recht unversöhnlich gegenübergestanden: die SPD und der eher konservative "Bürgerblock", bestehend aus CDU und Freien Wählern. 1963 sei Werner Jost mit 27 Jahren zum Bürgermeister von Großen-Buseck gewählt worden und habe frischen Wind mitgebracht, sagt sein jüngerer Bruder Willy.

Die Initiative für das Jugendparlament ging, wie alte Zeitungsberichte dokumentieren, auch auf den damaligen DGB-Kreisvorsitzenden Heiner Dudéne zurück. Die Mitarbeit der Jugend im öffentlichen Leben sei "die beste Möglichkeit, Demokratie zu sichern", wurde er damals zitiert. Zwar gab es einem der Artikel zufolge schon damals Jugendparlamente, etwa in "Jugenddörfern", doch in dieser Form sei das deutschlandweit eine Premiere.

Aus heutiger Sicht ungewohnt ist, was auf der Tagesordnung des neuen Gremiums stand: "Das Besondere war, dass auch wir die Tagesordnung der Gemeindevertretung bearbeitet haben", sagt Jost. Das "Schattenparlament" könne mit seiner Sichtweise "dem ordentlichen Gemeindeparlament wertvolle Anregungen geben", äußerte sich Bürgermeister Werner Jost damals.

Die beiden Jungparlamentarier von einst wissen nicht mehr im Detail, über welche Themen gestritten wurde - allzu verständlich nach 55 Jahren. Aber eines wird Willy Jost nicht vergessen: "Wir haben heiß und innig diskutiert. Was in der Gemeindevertretung beschlossen wurde, wurde bei uns abgelehnt." Die Mehrheitsverhältnisse seien gegenüber dem Parlament mit SPD-Übergewicht umgekehrt gewesen. Die Stellungnahmen und Beschlüsse des Jugendparlaments seien den Gemeindevertretern zur Kenntnis gegeben worden - ähnlich wie heute bei Ortsbeiräten.

Das Experiment währte nicht lange: "Es hat nicht viele Sitzungen gegeben", blickt Wagner lächelnd zurück. Wie genau die kurze Amtszeit des Großen-Busecker Jugendparlaments geendet hat, wissen die beiden Pioniere von damals heute auch nicht mehr so genau. "Dann hat der Vorsitzende irgendwann nicht mehr eingeladen - oder wie war das?", fragt Jost den damaligen Mitstreiter. "Ja, so war das", pflichtet Wagner bei.

Nach dem politischen Engagement als Jugendliche haben Jost und Wagner ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen. Jost blieb der SPD treu, wurde Gemeindevertreter und Kreistagsmitglied und ging zur Bundesbank, ehe er von Anfang der 90er-Jahre bis 2001 als Kämmerer für die Finanzen der Stadt Gießen zuständig war. Heute führt er die SPD-Fraktion in der Busecker Gemeindevertretung.

Wagner wurde Konstrukteur und kehrte der aktiven Politik den Rücken. Freunde sind die beiden geblieben - vielleicht auch wegen der gemeinsamen Zeit in Deutschlands erstem Jugendparlament.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare