Kinogänger und Filmemacher: Anika Wagner und Tobias Eckhardt. FOTO: US
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Kinogänger und Filmemacher: Anika Wagner und Tobias Eckhardt. FOTO: US

Im Hirn von Roy Andersson

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Anika Wagner und Tobias Eckhardt lieben die Filme von Roy Andersson. Jetzt haben die Filmstudentin und der Künstler den schwedischen Regisseur in einem Kurzfilm gewürdigt. Die Hommage, die in Lich und Gießen gedreht wurde, läuft ab Donnerstag bundesweit in den Kinos, zusammen mit dem neuen Andersson-Werk "Über die Unendlichkeit."

Ein Priester, der seinen Glauben verliert. Ein Liebespaar, das über einer zerstörten Stadt schwebt. Ein Vater, der einen Ehrenmord begeht. All das sind Szenen aus "Über die Unendlichkeit", dem neuen Film von Roy Andersson. Dass der schwedische Kultregisseur die Figuren seiner Filme oftmals über Jahre im Geiste mit sich herumträgt, ist bekannt. Aber wie kommen sie hinein in den Kopf von Roy Andersson? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Kurzfilm, der zusammen mit "Über die Unendlichkeit" vom kommenden Donnerstag an bundesweit in etwa 80 Kinos zu sehen sein wird. Die Regisseurin könnte dem ein oder anderen Kinogänger aus der Region bekannt vorkommen. Anika Wagner, die an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach Film studiert, jobbt im Licher Kino Traumstern. Ihr Werk ist Teil einer Kurzfilmrolle, deren Beiträge Roy Andersson persönlich für das Vorprogramm seines neuen Werks ausgesucht hat.

Noch ehe Corona die Welt auf dem Kopf stellte, hatte die 30-Jährige auf Facebook die Ausschreibung für einen Kurzfilmwettbewerb entdeckt. Die Aufgabe: eine Hommage an Roy Andersson, nicht länger als 90 Sekunden. Wagner und ihr Partner Tobias Eckhardt, ebenfalls Mitarbeiter im Traumstern und als Bildhauer künstlerisch tätig, fühlten sich angesprochen. Beide sind große Fans von Anderssons Filmen. "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach" haben sie gemeinsam 2014 beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo der Beitrag den "Goldenen Löwen" gewann. "Ich habe mich einmal sogar als Kulissenarbeiterin bei ihm beworben, bin aber nicht genommen worden", erzählt die Licherin.

An dem Schweden schätzen die beiden die künstlerisch gestalteten Szenen, die sich an der Malerei orientieren, die philosophischen und politischen Fragestellungen und, ganz wichtig, den Humor. "Er zeigt nicht perfekte Menschen in einer perfekten Umgebung", sagt Eckhardt. Er und Anika Wagner haben den Stoff für den Kurzfilm gemeinsam entwickelt und ihn mit einem überschaubaren Team - 13 Leute und zwei Hunde - im Februar umgesetzt.

Wie stellt sich die Welt dar, wenn man im Gehirn eines anderen Menschen steckt? Mit dieser Idee spielte vor 20 Jahren die Komödie "Being John Malkovich". Dieses Setting haben Wagner und Eckhardt adaptiert. Ihr Protagonistin gerät versehentlich ins Hirn von Roy Andersson. Dass sie dort als Figur acht Jahre lang bleiben wird, weiß sie nicht.

Gedreht wurde eine kleine Szene im Traumstern und ansonsten einen Tag lang im Gießener MuK, ganz tief unten im Bunker. "Richtig altes, modriges Flair", erinnert sich Anika Wagner. Der Raum, den sie eigentlich für die Aufnahmen vorgesehen hatten, war nach Regenfällen überschwemmt. Über eine improvisierte Brücke aus Bierkisten musste das gesamte Equipment nach nebenan transportiert werden.

Nicht nur das Filmteam war überschaubar, auch das Budget. "Null", sagt die Regisseurin. Naja, fast. Hundert Euro gingen fürs Büfett drauf, ein paar Sachen wurden im Baumarkt besorgt und das Equipment stammte aus eigenen Beständen oder wurde bei Freunden geliehen. Um die Maske kümmerte sich Natascha Pranz. Gedreht wurde der Kurzfilm auf Englisch. "Roy Andersson sollte ihn ja verstehen können", erläutert Anika Wagner.

Und dann kam Corona. Die für den 18. März geplante Deutschland-Premiere von "Über die Unendlichkeit" wurde verschoben. Wochen und Monate gingen ins Land. Dann kam im Juli überraschend die Nachricht, dass die Deutschland-Premiere von "Über die Unendlichkeit" am 24. August stattfinden wird. In Berlin, Open Air im Kulturforum gleich neben dem Potsdamer Platz.

Mit sieben weiteren Wettbewerbsteilnehmern stand Regisseurin Wagner als einzige Frau neben Neue-Visionen-Geschäftsführer Torsten Frese und Produzent Philippe Bober vor der großen Leinwand auf der Bühne. "Philippe Bober" sagt Anika Wagner und klingt ein bisschen ungläubig. "Das ist Cannes und Venedig." Unter den ersten drei Preisträgern war die Licherin zwar nicht, aber ihr Beitrag gehört zur Kurzfilmrolle, die nun deutschlandweit gezeigt wird. Als die Anfrage kam, haben Wagner und Eckhardt gleich Ja gesagt. "Deutschlandweit, das ist der Hammer", findet die Regisseurin, die an mehreren Kinofilmen als Assistentin mitgewirkt hat und die man von einer Reihe lokaler Projekten wie den "Traumstern Quarantine Sessions" kennt. Ein heller Lichtblick in einer für Künstler ziemlich düsteren Zeit. Das empfindet auch Tobias Eckhardt so: "Wegen Corona hat man ja schon mit gar nichts mehr gerechnet."

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