Der frühere Ortseingang von Großen-Linden mit Blick auf die Frankfurter Straße 2. FOTO: PM
+
Der frühere Ortseingang von Großen-Linden mit Blick auf die Frankfurter Straße 2. FOTO: PM

"Hier wohnten Gutermuths"

  • vonConstantin Hoppe
    schließen

Wenn man von Gießen nach Großen-Linden kommt, sieht man am alten Ortseingang an der Frankfurter Straße ein großes Wohngebäude mit der daran anschließenden Total-Tankstelle. Doch diese Nutzung des Grundstücks ist verhältnismäßig jung, und fragt man die älteren Großen-Lindener, erklären diese: "Hier wohnten Gutermuths."

Die Geschichte der Familie Guthermuth und vor allem die Nutzung des Grundstücks an der Frankfurter Straße 2 bis 4 waren am Mittwoch Thema eines Treffens des Heimatkundlichen Arbeitskreises Großen-Linden. Hierzu hatte Helmut Faber viele Informationen zusammengetragen, die er den coronabedingt wenigen Zuhörern in der Gaststätte "Zum Kronenwirt" präsentieren konnte. Viele der Informationen stammen dabei aus den Aufzeichnungen von Rudolf Krause, die er 1960 anfertigte:

Direkt am alten Ortseingang fanden sich im Jahr 1828 die Anfänge der späteren Firma Krause & Co - eine Essig- und Likörfabrik. Gegründet wurde diese 1828 von Jean Gossi, der das Grundstück 1827 erwarb. Sieben Jahre nach seinem Tod 1863 meldeten seien Kinder Konkurs an, was zur Übernahme des Geschäftes durch Carl Engel und Rudolf Krause führte. Bis zum 21. August 1877 führten sie gemeinsam die Geschäfte, bis Rudolf Krause schließlich Carl Engel die Zusammenarbeit aufkündigte.

In der Folge wurde Johann Valentin Gutermuth aktiver Teilhaber der Firma. Im gleichen Jahr erwarb Engel ein Grundstück in Großen-Linden, auf dem er seine Geschäfte weiterbetrieb. Am 29. Mai 1879 verstarb Johann Valentin Gutermuth auf einer Geschäftsreise, und sein Sohn Rudolph wurde neuer Teilhaber - und damit änderte sich auch einiges in dem Betrieb: Rudolf Gutermuth strebte mit richtigem Gespür für den Zeitgeist an, von den "einfacheren" Schnäpsen wie Kümmel, Korn, Frucht, Bittern abzusehen und "bessere" Sachen zu erzeugen.

Echt hessischer Steinhäger

So richtete er in dem Vorraum zur Essigfabrik eine Cognac-Brennerei ein. Den Cognac brannte er selbst aus Wein. Aus den gleichen Beweggründen erwarb er in Steinhagen in Westfalen für mehrere Hundert Mark ein Rezept für "Steinhäger" und nannte sein Erzeugnis dann "Echt hessischen Steinhäger" - ein Widerspruch in sich. Tausende Steinkrüge des "hessischen Steinhäger" versandte das Unternehmen während des Ersten Weltkrieges an die Soldaten an der Front. Die Essig- und Branntweinfässer wurden mit Leiterwagen bis in den Vogelsberg, nach Bad Laasphe und nach Biedenkopf transportiert.

Nach dem Tod von Rudolph Gutermuth 1933 übernahm sein Sohn Willi die Geschäfte. 1943 verstarb auch er. Zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges und der Gefahr durch fallende Bomben verlegte die Firma Behringer einen Teil ihrer Produktion in die Firma nach Großen-Linden. Nach Kriegsende wurden die Schnapsbestände dann Plündergut der amerikanischen Soldaten. Die Jahre nach dem Krieg waren schließlich vom Niedergang der Schnaps- und Essigproduktion in Großen-Linden geprägt: Die Firma Gutermuth beendete 1962 ihre Geschäftstätigkeit.

Lottogewinn angelegt

Das Anwesen wurde am 24. März 1964 von Otto Karl Boos aus Hanau erworben - er legte hier seinen Lottogewinn in Höhe von 500 000 D-Mark an. 1964 wurde auf dem Grundstück eine OXY-Tankstelle eröffnet, später wurde es eine ELF-Tankstelle mit Kfz-Werkstatt. Am 28. Mai 1966 eröffnete in dem Gebäude Heinz und Elly Baumer die Gaststätte "Lindenhof". In den Räumlichkeiten des Lindenhofs in der Frankfurter Straße begann auch die Geschichte des heutigen Ristorante und Pizzeria "Calabrisella". Heute befinden sich in dem Gebäude eine Total-Tankstelle und Wohnungen.

Die von Helmut Faber zusammengestellten Informationen sowie der Vortrag wird den heimatkundlichen Arbeitskreis auch noch ein weiteres Mal beschäftigen: Sobald sich die Situation rund Corona verbessert hat, plant Faber den Vortrag zu wiederholen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare