Bekommt die Ober-Bessinger Pforte den Hessischen Denkmalschutzpreis? Ortsvorsteherin Karin Römer, Architektin Stefanie Muskau und Bürgermeister Julien Neubert geben sich alle Mühe, das gut 300 Jahre alte Torhaus ins rechte Licht zu rücken. Links Jury-Mitglied Gerwin Stein. FOTO: US
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Bekommt die Ober-Bessinger Pforte den Hessischen Denkmalschutzpreis? Ortsvorsteherin Karin Römer, Architektin Stefanie Muskau und Bürgermeister Julien Neubert geben sich alle Mühe, das gut 300 Jahre alte Torhaus ins rechte Licht zu rücken. Links Jury-Mitglied Gerwin Stein. FOTO: US

"Hier ist richtig Leben drin"

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Leer, verfallen und verbaut: Noch vor fünf Jahren war es um die Ober-Bessinger Pforte schlecht bestellt. Nach erfolgreicher Sanierung ist das markante Torhaus wieder belebt. Jetzt gehört der über 300 Jahre alte Fachwerkbau sogar zu den Anwärtern auf den Hessischen Denkmalschutzpreis.

Bürgermeister Dr. Julien Neubert ist Optimist. Aber bei der Ober-Bessinger Pforte hat selbst er schwarzgesehen. Dass das prägnante Torhaus von 1782 vor dem Zerfall gerettet werden konnte und nun sogar für den Hessischen Denkmalschutzpreis vorgeschlagen ist, haben die Ober-Bessinger sich selbst zu verdanken. Sie haben bereits 2016 einen Verein gegründet und bei der Sanierung immer wieder mit angepackt.

"Das Dorf hat für diese Pforte gekämpft. Der Bevölkerung ist es mit fachlicher Begleitung gelungen, dieses Denkmal zu erhalten", unterstrich Neubert gestern, als die Jury des Denkmalschutzpreises zu ihrem ersten Besichtigungstermin an diesem Tag um kurz nach 10 Uhr an der Pforte eintraf. Die Untere Denkmalschutzbehörde beim Landkreis und das Landesamt für Denkmalpflege hatten das Torhaus, das zu den Letzten seiner Art in Hessen gehört, für den Preis vorgeschlagen.

Von insgesamt 27 Vorschlägen kamen letztlich elf in die engere Wahl. Seit Mittwoch ist die Jury unter Vorsitz von Prof. Markus Harzenretter, dem Präsidenten des Landesamts für Denkmalpflege Hessen, im ganzen Land unterwegs, um sich vor Ort ein Bild zu machen.

Ober-Bessingen mit seinen gut 500 Einwohnern ist mit Abstand der kleinste Ort unter den Bewerbern. Südhessen ist mit mehreren Projekten aus Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt am stärksten vertreten. Aus Mittelhessen sind neben der Pforte auch das Kunstgebäude Marburg und die Villa Raab in Alsfeld unter den Aspiranten.

Rathaus, Schule, Feuerwehr-Domizil: In ihrer mehr als 300-jährigen Geschichte wurde die Pforte ganz unterschiedlich genutzt. Zuletzt stand sie leer, davor diente sie als Wohnung. Verschalungen aus Gipskarton, eine überbaute Treppe und schichtenweise Tapeten hatten starke Eingriffe in die Substanz nach sich gezogen, berichtete Architektin Stefanie Muskau vom Büro Seidel + Muskau. Zudem wiesen die Tragkonstruktion des Dachreiters und die Deckenbalken große Schäden auf. Dass die Pforte auch Durchfahrt für Autos, Lkw und Busse ist, die aus Richtung Nonnenroth nach Ober-Bessingen hineinrollen, habe die Aufgabe nicht gerade leichter gemacht. "Wir haben darauf geachtet, so viel Originalsubstanz wie möglich zu erhalten", ver- sicherte die Architektin.

Gelbe Putzreste hätten übrigens darauf hingewiesen, dass die Pforte zur Zeit ihrer Entstehung verputzt gewesen ist. Man habe erwogen, den Originalzustand wiederherzustellen, diese Idee aber nach vielen Gesprächen verworfen.

"Die Ober-Bessinger sind glücklich mit dem Fachwerk", sagte die Architektin, die die Sanierung von Anfang an begleitet und dafür gesorgt hat, dass das gewünschte Nutzungskonzept umgesetzt werden konnte.

Heute können in der Pforte Pilger, die auf dem Lutherweg 1521 unterwegs sind, sowie andere Wanderer oder Radfahrer im ersten Stock ihre Schlaf- säcke auf sechs Stockbetten ausrollen. Einen Aufenthaltsraum, eine Kochgelegenheit und Sanitäranlagen gibt es auch. Zudem haben nebenan im Rot-Kreuz-Museum Exponate aus der umfangreichen Sammlung von Dietrich Holle einen festen Platz gefunden. Und für die rührige Ober-Bessinger Dorfgemeinschaft und ihren Pfortenverein gibt es einen Versammlungsraum.

"Hier ist richtig Leben drin", versicherte Bürgermeister Neubert den Jurymitgliedern. Die Pforte sei identitätsstiftend und zukunftweisend zugleich und damit ein Aushängeschild für einen lebendigen Ort und einen lebendigen ländlichen Raum. Und auch Neuberts letzte Bemerkung dürfte der Jury gefallen haben. Die Beteiligten vor Ort und der Denkmalschutz hätten Hand in Hand gearbeitet. Diese reibungslose Kooperation sei sicherlich auch für das Image des Denkmalschutzes gut gewesen.

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