+
Bürgermeister Lars Burkhard Steinz in dem Büro, in dem vor ihm Otto Bepler, Adolf Menges, Willi Marx und Helmut Fricke saßen. FOTO: SO

Interview

"Wir sind das Hongkong von Oberhessen"

  • schließen

Lars Burkhard Steinz ist seit zehn Jahren Bürgermeister von Heuchelheim. Im Interview spricht der 49-Jährige über Drogeriemärkte, blutige Nasen, Tucholsky und zieht einen ungewöhnlichen Vergleich.

Herr Steinz, vervollständigen Sie doch bitte folgenden Satz: An Heuchelheim und Kinzenbach schätze ich besonders...

Da lassen Sie’s mich mit Kurt Tucholsky sagen: "Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn - aber abends zum Kino hast du’s nicht weit". So ist auch Heuchelheim: Dicht bei Gießen und genauso nah an der Natur. Diese gute Lage mit ihrer Lebensqualität, das ist es, was ich ebenso wie ganz viele Bürger hier schätze.

Noch ein Satz zum Vervollständigen. Dringenden Handlungsbedarf sehe ich...

...ganz aktuell dabei, unsere abgebrannte Kita wieder aufs Gleis zu bekommen. Daran arbeiten mit Hochdruck. Das hat höchste Priorität.

Sie sind einst von Nidda am südlichen Vogelsberg über Gießen nach Heuchelheim gekommen. Sind Sie hier angekommen?

Ja, auch wenn ich gelegentlich noch als "der neue Bürgermeister" genannt werde. Sind ja auch erst zehn Jahre. Immerhin bin ich jetzt der dienstälteste CDU-Bürgermeister im Kreis. Und die Arbeit macht nach wie vor Spaß. Mal ehrlich: Als Bürgermeister kann ich Beruf und Familie gut vereinbaren. Das gibt es ja nicht in jedem Job, dass ich die Kinder morgens beim Frühstück sehe, zum Mittagessen auch mal nach Hause komme und sie abends noch mal sehen kann.

Sie bleiben Heuchelheim also erhalten?

Sicher bin ich schon das eine oder andere Mal gefragt worden, ob ich nur kurz bleibe oder nach Wiesbaden oder sonstwohin weiterziehen will. Aber ich halte nichts von Job-Hopping, Eine gewisse Stetigkeit ist nötig. Hinzu kommt: Kommunalpolitik ist einfach politisches Handwerk. Und vor allem sieht man die Ergebnisse seiner Arbeit. Das ist gut!

Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie bisher auf den Weg gebracht haben?

Ja, doch. Wichtig ist, dass man sich nicht vornimmt, sein Wahlprogramm abzuarbeiten. Das lässt sich sowieso nicht zu 100 Prozent umsetzen. Es ist vielmehr ein Ideen-Steinbruch. Als Bürgermeister ist man ohnehin eher Moderator und Anstoßgeber und braucht zur Umsetzung Verbündete und Partner. Erfolg ist immer ein Gemeinschaftsprojekt.

Können Sie da konkreter werden?

Nehme wir zum Beispiel die Kindertagesstätten. Die sind hier wirklich auf einen guten Weg gebracht. Hier steht kein Kind, keine Familie ohne Betreuung da. Seit 2014 haben wir 20 neue Erzieherinnenstellen geschaffen. Da haben wir wirklich viel geschafft. Und die Wirtschaft hat hier Raum zum Entfalten. Die Zahl der Arbeitsplätze ist in den vergangenen zehn Jahren von 3000 auf 3500 in der Gemeinde gestiegen. Zudem können wir unser lebendiges Vereinswesen mit freiwilligen Leitungen unterstützen. Zwei Kunstrasenplätze für den Sport, kostenlose Hallennutzung, Zuschüsse…

Womit sind Sie nicht zufrieden?

Mit dem Verkehr in den beiden Dörfern; dem Lärm, der Anzahl der Pkw. Das ist unbefriedigend, und da werden wir auch nur Teilverbesserungen hinbekommen. Die größeren Ansätze - etwa Lkw raus aus den Ortsdurchfahrten - sind glorreich gescheitet. Es gibt leider nur wenige Sachen, die man als Kommune allein entscheiden und regeln kann. Zudem haben wir ein Platzproblem.

Ein Platzproblem? Wie meinen Sie das?

Die Gemeinde hat 8000 Einwohner auf dem Quadratkilometer. Das ist echt dicht besiedelt. Damit sind wir von der Bevölkerungsdichte unter den Top 500 in Deutschland; Heuchelheim ist quasi das Hongkong von Oberhessen.

Wie gehen Sie damit um?

Es muss hier und da nachverdichtet werden durch Schließen von Lücken, Scheunenausbau, Erweiterungen auf größeren Grundstücken und so weiter. Dadurch wird unsere Einwohnerzahl leicht über 8000 steigen. Aber ich strebe nicht die 10 000er-Marke an.

Was ist denn mit der Erschließung von weiterem Bauland in Kinzenbach-Süd?

Kinzenbach-Süd II ist Teil unseres städtebaulichen Entwicklungskonzepts. Aber man muss wissen: Wenn wir das jetzt zubauen, dann haben wir 2025 oder 2030 nichts mehr zu vergeben. Der Platz ist eben nicht mehrbar.

Was ist in den zehn Jahren anders gelaufen, als Sie es geplant und erhofft hatten?

Ganz klar das interkommunale Gewerbegebiet im Gleiberger Land. Biebertal war auf ganzer Linie dafür. Eine Mehrheit in Wettenberg gab es auch. Aber hier in Heuchelheim nicht. Die Grünen waren dagegen, die KWI, und dann auch die CDU. Da habe ich mir eine blutige Nase geholt.

Und das 2015 - wenige Monate vor Ihrer Wiederwahl. Blutet es noch?

Nein, nein. Das hat da keine Auswirkungen gehabt. Aber wir können Industrie und Gewerbe nicht mehr so sehr viele Möglichkeiten bieten. Auch da muss auf bereits erschlossenen Flächen verdichtet werden. Und irgendwann ist ein Ende erreicht.

Aber es haben sich doch gerade erst eine Tankstelle, ein Getränkemarkt und ein Drogeriemarkt neu angesiedelt.

Der DM ist mein Geschenk an die Frauen im Gleiberger Land! Spaß beiseite. Der Drogeriemarkt schließt eine wichtige Versorgungslücke. Dafür bin ich dankbar.

Wo sehen Sie die Großgemeinde Heuchelheim in zehn Jahren?

Die Gemeinde wird schuldenfrei und deutlich grüner als heute sein. Zudem: Natur und Industrie sind versöhnt. Kinder, Alte und Familien fühlen sich hier wohl. Dazu werden wir die gute Kooperation mit den Nachbarn weiter ausbauen; die wird enger. Aber die Gemeinde wird ihre Selbständigkeit bewahren. Heuchelheim wird bis dahin noch etwas gewachsen sein - aber moderat und nicht auf Kosten der Lebensqualität. Ich wiederhole es: Die 10 000 Einwohner werden nicht angestrebt.

Sie sind jetzt Ende 40. Wo sehen Sie sich denn in zehn Jahren?

Wenn mich der Wähler lässt, dann möchte ich hier weiter in Verantwortung sein und gute Arbeit machen.

Zur Person

Im Juni 2009 wurde Lars Burkhard Steinz, ein gelernter Polizist und damals Referent des Gießener Oberbürgermeisters Heinz-Peter Haumann, in Heuchelheim im ersten Anlauf zum Nachfolger von Helmut Fricke (SPD) gewählt. Erstmals wurde damit ein Christdemokrat in Heuchelheim Bürgermeister. Auch die Wiederwahl 2015 war souverän. Der heute 49-Jährige kann sich eine dritte Amtszeit gut vorstellen. Getragen wird er von einem Bündnis aus CDU, Freien Wählern und FDP. (so)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare