Im Obergeschoss des Möbelmarktes befindet sich das barrierefrei erreichbare Impfzentrum in Heuchelheim.	FOTO: SO
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Im Obergeschoss des Möbelmarktes befindet sich das barrierefrei erreichbare Impfzentrum in Heuchelheim. FOTO: SO

»Wie ein Lotteriespiel«

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Heuchelheim (so/bf). Melanie Kümmel braucht derzeit starke Nerven. Denn bei der freundlichen Frau am Empfang in der Heuchelheimer Gemeindeverwaltung klingelt das Telefon in einem fort. Und immer wieder stehen Menschen vor ihrem Schreibtisch im Zimmerchen gleich neben dem Eingang. Alle wollen das gleiche: Einen Impftermin respektive Hilfe bei der Anmeldung dafür.

Die Heuchelheimer Verwaltung ist vor ein paar Monaten wegen Bauarbeiten im Rathaus übergangsweise ins Gewerbegebiet südlich des Dorfes in die Straße am Zimmerplatz umgezogen. Gleich gegenüber ist das Impfzentrum, das am Dienstag seinen Betrieb aufnimmt.

Die Menschen sind ungeduldig. Und haben Angst. Jetzt, wo der Impfstoff da ist, wo seit wenigen Tagen vorrangig für die Senioren über 80 die Möglichkeit besteht, sich immunisieren zu lassen, da wollen sie auch, dass es vorangeht. Und probieren es auf allen erreichbaren Kanälen.

Denn nicht alle Senioren haben die Möglichkeit oder sind darin geübt, sich online registrieren zu lassen. Und nicht jeder hat Angehörige, die dies für die Älteren in der Familie in die Hand nehmen.

Ergo wird zum Telefon gegriffen; in der Hoffnung, dass es schneller geht und verbindlicher ist, wenn man mit einem Menschen direkt redet. Doch auch da kommt man nicht immer weiter. Manche Älteren empfinden die Bandansagen als zu schnell und geben auf, wenn es heißt: Drücken Sie die »1« oder die »2«.

Bis gestern jedenfalls rissen die Klagen der Menschen nicht ab: Sie wählen sich stundenlang die Finger wund und erreichen niemanden, weil alle Leitungen belegt sind. Sie landen in Call-Centern, werden vertröstet, hinterlassen mehrfach ihre Daten, immer wieder aufs Neue. In manchen Familien versuchen es gleich vier Kinder und Enkel auf den unterschiedlichsten Rufnummern, um für Oma einen Termin zu ergattern.

»Ich habe eine Registriernummer zugeteilt bekommen, als ich am Dienstag durchkam«, berichtet ein älterer Herr aus Staufenberg. »Aber kein Datum und keine Uhrzeit. Als ich gestern wieder nachfragte, sagte man mir, meine Registriernummer interessiere nicht. Alles ging von vorne los.« Letztlich wandte sich der verärgerte Rentner an die Servicenummer in seinem Rathaus. Da sagte man ihm zu, ihn zurückzurufen, sobald man einen Impftermin für ihn organisiert habe. Wann das sein wird? Völlig offen. Denn es gibt nicht mehr Termine, als Impfstoff verfügbar ist. Und da ist aktuell die Grenze in Hessen wieder erreicht. Doch der alte Mann fühlte sich im Rathaus immerhin gut angenommen und aufgehoben.

Er ist nicht allein mit seinen Beschwerden über einen misslungenen Start der Anmelde-Logistik. Ein Leser aus Grünberg versuchte am Donnerstag, einen Termin für seinen 86 Jahre alten Vater zu ergattern. »Eine Registrierungsnummer habe ich schon.« In der Telefon-Hotline habe es geheißen, das System könne derzeit für sein Impfzentrum in Heuchelheim keine Termin buchen, er solle es später wieder versuchen. Das System sei überlastet. Dabei hatte er schon lange warten müssen, bis er über die Nummer 116117 beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst überhaupt jemanden an den Hörer bekam. »Es ist dilettantisch«, sagte er. »Jede Informatik-Gruppe in der 13. Klasse würde das besser machen. - Die wussten doch genau, dass viele tausend Menschen anrufen und das System das nicht schafft.« Mit bitterem Unterton fügt der Mann hinzu: »Es ist wie ein Lotteriespiel.« Dabei gehe es »um eine Frage von Leben und Tod.«

Wieder andere haben bereits aufgegeben und sagen: »Dann warte ich eben, bis es soweit ist, dass mich der Hausarzt impfen kann.«

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