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Auf der Terrasse ihrer Eltern lässt Sophia Schwarzer ihre langen Locken von Heike Kurzlaukis schneiden, einer Friseurin, die im Salon Römer in Heuchelheim arbeitet. Aus ihren Haaren wird eine Perücke für kranke Kinder.

Haarspende

Warum die Zwölfjährige Sophia aus Heuchelheim ihren Zopf verschenkt

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Hüftlang waren Sophia Schwarzers Locken, dann wagte sie einen radikalen Schnitt. 25 Zentimeter kamen für den guten Zweck ab. Doch Sophia ist damit kein Einzelfall.

Für ein Kind in den Sommerferien ist es reichlich früh. Noch müde nimmt die 12-jährige Sophia Schwarzer auf einem Barhocker Platz, ihre Füße berühren kaum den Terrassenboden. Sie wartet geduldig, ihr Herz klopft schnell. Auch ihre Eltern sind angespannt - ihr Blick ist starr auf das gerichtet, was hinter ihrer Tochter passiert. Eine Schere wird gezückt, leise arbeitet sich das Metall durch Sophias dickes Haar. Die Mutter kämpft mit den Tränen, der Vater muss den Blick abwenden. Nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Sophia hält 25 Zentimeter Zopf in den Händen.

Sophia mit langen Haaren...

"Es hat sich komisch angefühlt", erinnert sich die 12-Jährige aus Heuchelheim. Drei Wochen sind seit dem Haarschnitt vergangen. Statt hüftlanger Lockenmähne trägt Sophia heute einen frechen Bob. Sie bereut es nicht. Lange hat sie auf diesen Tag hingearbeitet, ihre Haare gepflegt und in einem ordentlich geflochtenen Zopf getragen. "Sie sollten in einem guten Zustand sein", erzählt ihre Mutter. Denn statt in den Müll zu wandern, begaben sich Sophias Haare an jenem Tag auf eine wunderbare Reise.

... und mit kurzen.

Zwölfjährige verschenkt ihren Zopf: Haarspenden immer beliebter

Immer mehr Menschen entscheiden sich für eine Haarspende. Auf Instagram beispielsweise zeigt der Hashtag "haarspende" über 1000 Beiträge an - sowohl von Spendern, als auch Empfängern. Diesem positiven und sozialen Trend folgen auch Organisationen und Friseure, die die Spenden oft koordinieren. Besonders wichtig sind Echthaarperücken für kranke Kinder, etwa nach einer Chemotherapie oder bei kreisrundem Haarausfall. Spenden kann jeder, der mindestens 25 Zentimeter zusammenbekommt - auch Männer.

"Mama, ich will meine Haare spenden!" Mit diesen Worten überraschte Sophia einst ihre Mutter. Der Gedanke keimte lange in ihr. "Ich weiß, wie es ist, sich hilflos zu fühlen", sagt Sophia und erzählt von eine Zeit, in der sie selbst auf einer Intensivstation lag. "Sophia hat eine Missbildung im Herzen", sagt Susanne Schwarzer. Bis zu ihrem sieben Lebensjahr blieb unentdeckt, dass ihr sowohl ein Herzvorhof als auch eine Herzscheidewand fehlten. Auch zwei Venen waren missgebildet. Die Zeit in der Klinik hat Sophia geprägt. Obwohl es ihr lange selbst schlecht ging, hatte sie das Leid der anderen Kinder immer stärker im Fokus. "Sophia ist sehr sozial", sagt ihre Mutter. Vielleicht auch durch den Umgang mit ihrer Schwester Anna, die das Down-Syndrom hat. Als Sophia erfuhr, dass aus gespendeten Haaren Perücken für kranke Kinder gemacht werden können, hatte sie diesen einen Wunsch: "Ich wollte einem anderen Mädchen mit meinen Haaren eine Freude machen."

Zwölfjährige verschenkt ihren Zopf: Mutter überredet

Immer wieder redete Sophia auf ihre Mutter ein. "Ehrlich gesagt hatte ich die Hoffnung, dass sie es irgendwann vergisst", gesteht Schwarzer. Neben ihr schüttelt Sophia den Kopf - "hab ich aber nicht", sagt sie. "Ich wollte einfach sicher sein, dass sie es nicht bereut", erklärt ihre Mutter. "Sie hatte doch so schöne lange Haare." Kurz vor Ende des Schuljahres setzte Sophia ihren Willen durch. Im Internet machten sich Mutter und Tochter auf die Suche, die sich als gar nicht so einfach herausstellte. "Ich hätte gedacht, dass es lokal mehr Friseure gibt, die das gerne und umsonst machen", sagt Schwarzer.

Die Webseite Haare-spenden.de erschien der Familie schließlich am sympathischsten. Dort gibt es eine Anleitung für den Friseur und ein Formular, das dem abgeschnittenen Zopf beigelegt werden muss. Heike Kurzlaukis, eine verwandte Friseurin, schneidet ihr schließlich privat die Haare ab. "Ganz vorsichtig haben wir die Haare in Luftpolster eingepackt", erzählt Schwarzer. "Wie wertvolle Fracht." Die Organisation hat ihren Sitz in Nordrhein-Westfalen und kümmert sich um die weitere Abwicklung. Aus fünf bis acht Zöpfen, wird am Ende eine Perücke.

Zwölfjährige verschenkt ihren Zopf: Gespannt auf Reaktion der Mitschüler

Ein Salon, der mit der Organisation Haare-spenden.de zusammenarbeitet und Zöpfe für kranke Kinder sammelt, ist Kopfkultur in Gießen. Im April fand eine große Aktion in der Gießener Innenstadt statt, damals kamen rund 20 Zöpfe zusammen. "Das hat einen richtigen Hype ausgelöst", sagt Kathrin Rothe, Inhaberin des Ladens. "Seitdem haben wir noch einmal 18 Zöpfe eingeschickt." Der Kurzhaarschnitt ist zwar nicht umsonst, dafür kümmern sich Rothe und ihr Team um das weitere Prozedere. Auch zwei Männer haben bereits gespendet.

"Ich finde super, was Sophia da gemacht hat", sagt ihre Mutter voller Stolz. Das Feedback sei bisher durchweg positiv. Gespannt ist Sophia vor allem auf das, was ihre Mitschüler nach den Sommerferien sagen. Dennoch ist die Spende keine große Sache für sie. "Meine Haare wachsen wieder. Die von kranken Kindern nicht."

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