Besucher des Impfzentrums müssen mit einer Stunde rechnen, die sie dort verbringen.	FOTOS. SCHEPP
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Besucher des Impfzentrums müssen mit einer Stunde rechnen, die sie dort verbringen. FOTOS. SCHEPP

Regionales Impfzemtrum

Corona-Impfzentrum Gießen: Warten auf den Piks - So verlief der erste Tag in Heuchelheim

  • vonStefan Schaal
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Die ersten 495 Menschen haben am Dienstag das neu eröffnete Impfzentrum in Heuchelheim aufgesucht. »Es ist ein Schritt zurück in die Normalität«, sagt eine Seniorin. Doch es gibt auch Kritik.

  • 495 Menschen konnten am ersten Tag im Regionalen Impfzentrum Gießen in Heuchelheim geimpft werden.
  • Impflinge und Begleitpersonen müssen mit etwa einer Stunde Zeitaufwand rechnen.
  • Der erste Tag im Regionalen Impfzentrum Gießen verlief weitgehend reibungslos.

Gießen - In einer Kabine aus weißen, wackeligen Wänden unternimmt Helene Hartsch den ersten Schritt zurück in die Normalität. Eine Nadel dringt in ihre Haut, das Gesicht der 84 Jahre alten Frau bleibt regungslos. »Ich habe genug Fett im Oberarm«, sagt Hartsch. »Dann tut’s auch nicht weh«.

Gießen: Fast 500 Menschen werden im neu eröffneten Impfzentrum geimpft

Hartsch sitzt im Obergeschoss des Möbelhauses Roller in Heuchelheim. Sie zählt zu den ersten 495 Menschen, die am Dienstag dort ihre Corona-Schutzimpfung erhalten haben. Sie habe sich sofort angemeldet, als es möglich war, berichtet sie. Dann fügt die Frau zur Erklärung hinzu: »Ich werde bald 85. Ich will noch ein paar Jahre leben.«

Nebenan, im sogenannten »Beobachtungsraum« des neu eröffneten Impfzentrums, haben die Gießenerin Klara Möhwald und ihre Tochter Platz genommen. 20, 30 Minuten sollen sie hier sitzen. Um sicher zu gehen, dass es auch keine allergischen Reaktionen auf den Impfstoff gibt. Den Piks habe sie kaum gespürt, erzählt Möhwald. Die Impfung habe allerdings große Bedeutung für sie. Sie gewinne ihre Freiheit wieder zurück. Ihren Enkel habe sie zu Weihnachten gesehen. »Aber bald kann ich ihn wieder umarmen.«

Impfzentrum Gießen: Corona-Impfungen auf 3000 Quadratmetern

Die meisten, die sich am Dienstag in Heuchelheim impfen lassen, kommen in Begleitung eines Sohns, einer Tochter oder eines Ehepartners. Pärchenweise sitzen sie leise plaudernd im »Beobachtungsraum«. Schilder in sieben verschiedenen Farben weisen durch die Wege, die Besucher von der Anmeldung über das Beratungsgespräch mit einem Arzt und die anschließende Impfung bis zum Ausgang durchlaufen. Türen gibt es hier kaum, um Infektionen an Klinken zu verhindern. Dolmetscher helfen bei Fragen beispielsweise in türkischer und russischer Sprache. Security-Personal in blauer Uniform wuselt vorbei, weiter hinten bei der Anmeldung stehen die Besucher hinter Absperrgittern. Die Atmosphäre im dem 3000 Quadratmeter großen Impfzentrum erinnert bisweilen an eine Abflughalle.

Eine 82 Jahre alte Frau aus Mittenaar, die die Impfung hinter sich hat, umklammert ihre Handtasche und sieht das Ganze eher unaufgeregt. »Eigentlich ist das hier wie bei einer Grippeimpfung«, sagt sie. »Es ist nur alles ein bisschen größer. Und es dauert länger.«

Impfzentrum Gießen: Besucher müssen mit einer Stunde Zeitaufwand rechnen

Auch wer das Impfzentrum in den kommenden Tagen besucht, muss mit einer Stunde rechnen, die er hier verbringt. Am Eröffnungstag staut es sich immer wieder vor den Kabinen, in denen Ärzte über die Impfung aufklären und Fragen beantworten. Die Zeit für die Anamnese gerade mit älteren Menschen habe man in der Planung möglicherweise etwas zu kurz getaktet, räumt die Ärztin Renate Braun vom Gesundheitsamt des Landkreises ein.

»Raus damit« steht am Eingang des Impfzentrums auf einem Plakat. Gemeint ist allerdings nicht der Impfstoff. Es ist eine Werbetafel des Möbelhauses für eine Küche. »Raus damit« wäre ohnehin ein falsches Motto für das Impfzentrum: Der Betrieb könne derzeit nicht auf Volllast laufen, weil der Impfstoff knapp ist, erklärt Landrätin Anita Schneider. Ansonsten wären 1300 Impfungen pro Tag statt wie derzeit 495 möglich.

Impfzentrum Gießen: Erster Tag verläuft weitgehend reibungslos

Um sieben Uhr am Morgen öffnet das Impfzentrum. Sicherheitsleute übernehmen die Anmeldung. Besucher kramen nervös in ihren Taschen, zeigen Anmeldungen und ihre Personalausweise. »Entschuldigung, wir sind ein paar Minuten zu spät«, sagt eine Seniorin. »Das macht doch nichts«, antwortet die Mitarbeiterin und befestigt einen Aufkleber auf der Jacke der Frau. »Impfling« steht darauf geschrieben.

Einige Besucher äußern sich unterdessen frustriert. »Heute morgen bringe ich meine Mutter aus Reichelsheim hierher, am Nachmittag dann meinen Vater«, beklagt sich Klaus Depner über die hakelig verlaufene Anmeldung. Das Impfzentrum habe er außerdem nicht auf Anhieb gefunden, weist er auf ein Problem hin, das für mehrere Besucher aus der Wetterau, dem Marburger Raum und dem Lahn-Dill-Kreis gelten dürfte, die nicht wissen, dass das Impfzentrum in einem Möbelhaus untergebracht ist und für die die Beschilderung irritierend sein könnte. Vor allem aber stören Depner und seine Eltern, dass sich die Toiletten erst am Ende sämtlicher Stationen in dem Impfzentrum befinden.

Dennoch läuft das Impfen am ersten Tag weitgehend unaufgeregt und reibungslos. Sie spüre bei den Menschen, die sie impfe, die Bedeutung, die der Tag für die Besucher habe, sagt Krankenschwester Bianca Reutzel aus Heuchelheim. »Die Menschen freuen sich, langsam ein Stück Normalität zurück zu gewinnen.« In der Kabine nebenan arbeitet Krankenpfleger Oliver Wendisch aus Reiskirchen. Er habe seinen Job in einem Seniorenzentrum auch deshalb gekündigt, um nun in Heuchelheim beim Impfen helfen zu können. »Es ist eine gute und wichtige Sache.«

Impfzentrum Gießen: Rettungsdienst für Notfälle vorhanden

Für Notfälle wie allergische Reaktionen steht im Impfzentrum der Rettungsdienst bereit, der über einen Lastenaufzug einen Krankenwagen erreichen könnte. Am ersten Tag wird dies nicht benötigt. Einige Besucher fragen unterdessen, warum die zweite Schutzimpfung für die meisten bereits in drei Wochen und für andere erst in sechs Wochen bevorsteht. Bei der Terminvergabe seien die Öffnungszeiten in Heuchelheim von 7 bis 22 Uhr noch nicht bekannt gewesen, erklärt der Leiter des Impfzentrums, Mario Binsch. Die EDV habe daher Termine etwas weiter als nötig nach hinten geschoben. »Aber die zweite Impfung soll 21 bis 42 Tage nach der ersten erfolgen«, daher seien sechs Wochen unproblematisch.

»Ein wahnsinniges Glück, dass wir weniger als ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie impfen können«, zieht die Landrätin ein positives Fazit des Starts. Draußen steigt derweil eine 80 Jahre Frau aus Bad Nauheim nach ihrer Impfung in ein Taxi. Der Fahrer schüttelt den Kopf. »Ich lasse mich nicht impfen«, sagt er. Er habe die Zeit bisher ohne Infektion überstanden, das werde er auch weiterhin. Den Impfstoff sehe er skeptisch. Und so wird am Ende des Tages deutlich: Drinnen im Möbelhaus mögen die Impfungen reibungslos verlaufen. Draußen allerdings steht noch Überzeugungsarbeit an.

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