Etwa 40 Teilnehmer bewegen sich drei Stunden lang durch den Kinzenbacher Wald. FOTO: PM
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Etwa 40 Teilnehmer bewegen sich drei Stunden lang durch den Kinzenbacher Wald. FOTO: PM

Wald ist Klimastress ausgesetzt

  • vonred Redaktion
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Heuchelheim(pm). Der BUND-Kreisverband und Hessen Forst, vertreten durch das Forstamt Wettenberg, informierten im Kinzenbacher Wald zum Thema "Naturschutz und Waldwirtschaft". Rund 40 Teilnehmer machten sich unter Einhaltung der Pandemieschutzmaßnahmen auf eine etwa dreistündige Wanderung. Sie wurden begleitet von Andrea Malkmus vom BUND und der fachlichen Leiterin der Exkursion, Rita Kotschenreuther. Die Försterin und Waldpädagogin erläuterte an verschiedenen Stationen die Zusammensetzung und die Historie des Waldbestands.

Wertvolles Nutzholz

Ohne den Einfluss des Menschen wäre auf nahezu der gesamten Fläche des Kinzenbacher Waldes eigentlich ein Buchenwald ausgebildet. Da dieser jedoch einer jahrhundertelangen Nutzung durch den Menschen unterliegt, wurden ganz unterschiedliche Ausprägungen von Baumbeständen angetroffen. Ein etwa 130 Jahre alter Eichenbestand entstand durch Ansaat und wurde schon lange durch forstwirtschaftliche Auslese so gefördert, dass sich das wertvolle Nutzholz bestmöglichst entwickelt. Da die sehr lichtbedürftige Eiche sensibel auf Beschattung reagiert, muss ihr ein Leben lang durch Entnahme von Konkurrenz geholfen werden.

Auch die in der Nachbarschaft angepflanzte schnellwüchsige Douglasie wurde unter dem Nutzenaspekt insbesondere für den Hausbau angesiedelt.

Verschiedene alte Laubbaumanpflanzungen, die der durch Windwurf und Borkenkäferbefall stark geschädigten Fichte folgten, schlossen Lücken im Wald. Unterschiedliche Gehölze ergänzen mittlerweile von Natur aus die gepflanzten Baumarten.

Ein knorriger Eichenbestand von etwa 90 Jahren am Hang in Richtung Rodheim erwies sich trotz des urigen Aussehens nicht als Urwald, sondern als historische Waldnutzungsform, denn ursprünglich wurden diese Eichen als Niederwald regelmäßig alle 20 Jahre "auf den Stock" gesetzt (heruntergeschnitten). Dies diente zur Brennholzgewinnung und der Ernte von Eichenrinde zur Gerberloheherstellung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verlor sich diese Waldnutzung und die Bäume bildeten die nun verbliebenen Stämme mit "Elefantenfußform" aus.

An einer Anpflanzung von Großer Küstentanne, einer amerikanischen Nadelbaumart, wurde die Rolle des Waldes als Rohstofflieferant diskutiert. Der jährliche Bedarf von rund 1,4 Festmeter Holz, den jeder Bundesbürger rechnerisch verbraucht, davon allein etwa 250 Kilogramm Papier und Zelluloseprodukte, sollte laut Kotschenreuther möglichst aus heimischer Produktion gedeckt werden. So könne ein Import aus zweifelhaften Quellen im Ausland vermieden werden. Daher sei auch auf Nadelholzanbau nicht zu verzichten.

Auf einer Anhöhe Richtung Osten befinden sich auffällige Wälle im Kinzenbacher Wald, die zu einer Schanzenanlage aus dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) gehören. Auch diese Anlage sagt etwas über den Wald aus, nämlich dass rundum zur Errichtungszeit der Schanze freie Sicht geherrscht haben muss, der Wald folglich viel jünger ist, als die baulichen Reste der Militäranlage. Sehr dicke rund 200-jährige Eichen mit tief ansetzenden Ästen und breiter Krone umgeben von viel jüngeren Gehölzen bestätigen dies. Hier handelt es sich um sogenannte "Huteeichen", die zur Gewinnung von Eichelmast für die Hausschweine auf den freien Weideflächen stehen gelassen wurden.

Die starke Trockenheit der letzten Jahre hat selbst unter diesen so widerstandsfähigen Exemplaren einige absterben lassen, was eindrucksvoll den Klimastress belegt, dem der Wald insgesamt ausgesetzt ist. Dieser Waldteil wird schon viele Jahre nicht mehr bewirtschaftet, abgestorbene Bäume werden als Biotopbäume stehen gelassen.

Die Exkursion durchstreifte anschließend einen etwa 200 Jahre alten Buchen-Eichen-Mischbestand, der hinsichtlich seiner Zusammensetzung aus standorttypischen Laubbäumen als sehr naturnah einzustufen ist und gleichzeitig forstlich hervorragende Qualitäten der Baumstämme hervorgebracht hat. Kotschenreuther sagte, dass ohne forstliche Eingriffe die ökologisch sehr wertvolle Eiche dort schon längst nicht mehr zu finden gewesen wäre.

Erholungsort für alle

Die unterschiedliche Anreicherung von Totholz in einer genutzten und einer benachbarten, rund 70 Jahre nicht genutzten Fläche belegte die letzte Station. Die Exkursion verdeutlichte, dass im Grunde aller mitteleuropäischer Wald menschlich genutzt war und in heutigen Waldflächen eine große Bandbreite von relativ unbeeinflusstem Wald über bewirtschaftete Flächen mit den unterschiedlichsten naturnahen Elementen bis hin zu mehrheitlich der Holzproduktion unterworfenen Flächen existiert.

Eine naturgemäße Forstwirtschaft versuche, eine möglichst naturnahe Waldentwicklung nachzuempfinden, ohne die weiteren Ansprüche an den Wald als Rohstofflieferant und Erholungsort für alle zu vernachlässigen sowie das Habitatangebot für Tiere und Pflanzen zu erhalten.

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