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Alles muss raus: Bis Ende Oktober sollen die Beete abgeräumt, die Gewächshäuser und Gartenhütten nahe Kinzenbach verschwunden sein.

Alles muss raus

Ärger im Schrebergarten: Gemeinde kündigt alle Pachtverträge

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
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Eine Kleingartenanlage bei Kinzenbach soll neu angelegt werden. Nun hat die Gemeinde Heuchelheim dort die Pachtverträge gekündigt und will alle Gärten bis Ende Oktober abräumen lassen. Dagegen regt sich Widerstand.

Heuchelheim - Tomaten beginnen gerade zu reifen, Zucchini und die Bohnen ebenso. Ein Rasenmäher brummt, Kinder flitzen auf ihren Fahrrädchen zwischen den Gärten umher. Eine ältere Dame ruht für ein paar Minuten im Schatten, die kleine Gartenschere noch in der Hand. Ein friedlicher Sommervormittag in der Kleingartenanlage am Rand von Kinzenbach. Doch das Idyll trügt.

Ende Juli haben die rund 40 Pächter der Gärten Kündigungen aus dem Heuchelheimer Rathaus für ihre Parzellen erhalten. Bis Ende Oktober sollen sie alles abgeräumt haben: Gartenhäuschen, Geräteschuppen, Gewächshäuser, Zäune, Beete und Beerensträucher - alles soll weg. Nur Obstbäume und Hecken dürfen stehen bleiben.

Das sorgt für Frust und löst Verunsicherungen und Ängste aus. Schnell machten Gerüchte die Runde. Etwa, dass dort Bauland entstehen solle. Keineswegs , lautet das Dementi aus dem Rathaus.

Aber die Gartenanlage soll neu geordnet werden. Denn es habe wiederholt Beschwerden gegeben - aus der Nachbarschaft wie auch von einzelnen Pächtern. Deshalb wolle man wieder zurück zu einem Gartengebiet, das vertragsgerecht kleingärtnerisch genutzt wird, erläutert der Erste Beigeordnete Dr. Manfred Ehlers, der derzeit den urlaubenden Bürgermeister vertritt.

Die Parzellen, 67 an der Zahl, sollen neu eingemessen und dann wieder verpachtet werden. Wer bislang dort ein oder zwei Stücke von jeweils rund 100 Quadratmetern bewirtschaftet hat, der soll sich neu darum bewerben und bei der Vergabe bevorzugt berücksichtigt werden.

Stress in Heuchelheim: Gemeinde sieht Fehlentwicklungen in Kleingartenanlage

»So kann es jedenfalls nicht weitergehen«, sagt Ehlers. Denn viele Gärten würden nicht mehr so genutzt wie es eigentlich sein sollte. Die Liste der Mängel und Fehlentwicklungen, die das kommunale Bauamt vorlegt, ist lang: Etliche Gartenlauben und Gewächshäuser sind größer als die erlaubten 20 Kubikmeter. Dabei sollten die Hütten nur dem Abstellen von Gartengerät dienen und nicht als »Wochenendquartier«. Benannt werden außerdem nicht genehmigte Toiletten und Schlafplätze, unzulässige Umzäunungen, Rasen statt kleingärtnerischer Nutzung, gepflasterte oder betonierte Flächen

In manchen Gärten würden Anhänger und Roller abgestellt, in wieder anderen werde zum Ärger der Menschen im angrenzenden Wohngebiet laut gefeiert. Zudem seien Gärten zusammengelegt worden, Grenzen nicht eingehalten, Wege zwischen den Parzellen quasi von den Gärten vereinnahmt worden. Weitere Stichworte sind illegale Feuerstellen, Lagerung von Abfällen, nicht genehmigte Unterverpachtung oder Tausch von Parzellen.

Laut Ehlers hat es Ortsbesichtigungen gegeben. Die Mitarbeiter der Gemeinde seien den Klagen nachgegangen, hätten mit den Pächtern gesprochen. Letztlich habe der Gemeindevorstand um Bürgermeister Lars Burkhard Steinz entschieden, es sei das Beste, die gesamte Anlage zu räumen. Und denjenigen wieder Gärten zurückzugeben, die diese bislang ordentlich bewirtschaftet haben.

Andere Grundstücke würden neu vergeben. Es gebe eine große Warteliste von Interessenten.

Kreis Gießen: In Schrebergärten viel zu beanstanden - Aber wirklich Räumungsgrund?

»Alles richtig«, räumt einer der Kleingärtner ein. In fast jeder Parzelle sei das eine oder andere zu beanstanden. Aber deshalb alles platt machen? Das stößt auf großes Unverständnis. Etliche Pächter haben sich gemeinsam mit einem Widerspruch an die Gemeinde gewandt. »Wir sind uns einig: Zu große Bauten müssen wir reduzieren«, sagt einer von ihnen. Und auch das Verwenden von Altmaterial wie etwa ausrangierten Kunststoffrollläden als Einfriedung sei nicht okay.

Man sei guten Willens, Mängel in Ordnung zu bringen, wenn die Gemeinde für jedes Grundstück im Einzelnen mitteile, was beanstandenswert ist. Aber es gehe doch nicht an, einfach alles abzureißen und dazu alle Pflanzen zu entfernen. Das sei »Frevel«. »Warum sollen alle bestraft werden für das Fehlverhalten einiger?« klagt eine frustrierte Gartenbesitzerin.

Und nicht zuletzt gibt es Familien, die ihre Gärten benötigen, weil das, was dort wächst, ihren Speiseplan bereichert und das vielleicht nicht üppige Haushaltsbudget entlastet. Es sind jedenfalls eher die sprichwörtlichen »kleinen Leute«, die es hier trifft.

Kleingartenanlage in Heuchelheim: Gemeinde würde beim Räumen helfen

Und die sehen sich teils vor Probleme gestellt: Wo sollen sie beispielsweise das Gewächshaus nach dem Abbau lagern, bis sie wieder einen Garten bekommen? Wer zahlt für den wirtschaftlichen Schaden? Werde die Gemeinde Sträucher und Pflanzen ersetzen? Oder eine kleine Gartenhütte? Immerhin hat die Gemeinde angeboten, beim Räumen der Grundstücke behilflich zu sein, wenn es ein Pächter nicht allein schafft. Auch beim Zwischenlagern eines Gewächshauses könne man helfen, wenn es keine andere Möglichkeit gebe, so Ehlers

Garten für Garten abzuarbeiten, hält der Beigeordnete aber kaum für möglich. Denn die ursprüngliche Parzellierung bestehe nicht mehr. Die Pächter hätten über die Jahre hinweg viele ordnende Strukturen wie Wege und Umzäunungen entfernt und ihre Parzellen somit vergrößert.

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