Privates Photovoltaik-Projekt

  • Harold Sekatsch
    vonHarold Sekatsch
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Heuchelheim (se). Was tun, wenn das Urlaubsland plötzlich seine Grenzen schließt und der Jahresurlaub abgesagt wird? Diese Frage stellte sich eine Familie aus Kinzenbach im vergangenen Jahr, und die Antwort gaben sich Tobias Lorenz und Patricia Hartmann selbst: Das Haus renovieren.

Dabei stand die Erneuerung des undichten Daches ganz oben auf der Prioritätenliste. Also hieß es: Mittelhessen statt Florida im Herbsturlaub. Nach Einholen aller Angebote stand für den promovierten Diplom-Ingenieur für Technische Informatik und seine Lebensgefährtin fest: Die Arbeiten sind kein Hexenwerk. Und so entschied man sich, alles in Eigenleistung umzusetzen. Das ausrangierte Welleternit wurde fachgerecht entsorgt und durch moderne Kunststoffbahnen ersetzt, Regenrinnen angelegt, Schornsteinverkleidungen vorgenommen und Unterverschalungen mit eingebauten LED-Spots befestigt.

Dabei gab es auch Rückschläge. »So deckte der herbstliche Wind zuerst die provisorische Dachplane ab, und der darauf folgende Regen fand seinen Weg bis in die Kaffeetassen des darunter liegenden Esszimmers«, erinnert sich der Haus- und Bauherr mit einem leichten Schmunzeln. »Ende Oktober 2020 war der Urlaub vorbei und das Dach war dicht«, berichtet Lorenz. Die Ersparnis durch die Eigenleistung war enorm, lag am Ende bei rund 45 000 Euro. »Das bot finanziellen Freiraum, um auch an eine Photovoltaikanlage zur Stromerzeugung zu denken«, sagt der Kinzenbacher. Damit ging er einen Bereich an, in dem er sich bestens auskennt - zumindest, was die Technik anbelangt. »Das Montagesystem sorgt für einen sicheren Halt, auch bei Wind«, sichert er zu und gibt weitere Details preis. »Der Wechselrichter wandelt Gleichstrom in 230-Volt-Wechselstrom für das öffentliche Stromnetz um«, sagt der Fachmann und verweist auf die Möglichkeit, »Optimierer zur verbauen, die etwa bei Modulverschattung Vorteile bringen können. Die installierte Modulleistung bestimmt auch die Höhe der Einspeisevergütung«.

Lorenz weiter: »Die größten Hindernisse beim Aufbau der Anlage waren nicht technischer Natur, sondern lagen in hohen bürokratischen Hürden.« Er empfiehlt Nachahmern, sich eingehend mit dem Gesetz für den Ausbau erneuerbarer Energien (EEG), der Niederspannungsanschlussverordnung (NAV) und weiteren Bestimmungen zu beschäftigen. »Auch das Finanzamt möchte an den Einnahmen partizipieren. Sobald die Anlage Gewinne abwirft, wird man zum Einzelunternehmer beziehungsweise Gewebebetrieb«, berichtet Lorenz und kommt angesichts der fiskalen Bestimmungen zu dem Schluss: »Man kommt an der Beauftragung eines Steuerberaters kaum vorbei.«

So werde der Eigenverbrauch zu den Einnahmen hinzuaddiert. Dazu stellt der 40-Jährige folgende Vergleiche an: »Man stelle sich vor, dass man eine Abgabe zahlt, wenn man selbst gezüchtete Tomaten auch selbst verspeisen möchte. Oder man kauft sich ein Auto und spart dadurch Sprit ein, muss aber auf den eingesparten Sprit plötzlich Steuern entrichten.«

Trotz weiterer hoher Hürden und Auflagen hat sich Lorenz für die Installation einer Photovoltaikanlage entschieden, die laut dem von der Regulierungsbehörde für Telekommunikation eingerichteten »Marktstammregister« die größte private ihrer Art in Heuchelheim ist. Die Anlage auf dem unweit des Friedhofs in Kinzenbach gelegenen Haus besteht aus 110 Modulen, erzeugt eine Gesamtleistung von 37,95 Kilowatt-Peak (kWp) und ist seit Mitte Dezember 2020 in Betrieb. Nicht ohne Stolz weist der Ingenieur darauf hin, dass die PV-Module aus hessischer Produktion kommen und attestiert diesen, »in Bezug auf Qualität und Leistung spitze und preislich konkurrenzlos günstig« zu sein. »Klar ist, dass wir die Energiewende brauchen, um die Klimaziele zu erreichen«, sagt Lorenz, muss aber einräumen: »Motivierend wirken Bürokratie und Steuern jedenfalls nicht, wenn man als Bürger zur Energiewende beitragen möchte.«

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