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Lost Places

"Kanonenbahn" sorgte einst für Aufschwung

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Vor 40 Jahren fuhr der letzte Zug auf der Bahnlinie Lollar-Wetzlar. Einst aus militärstrategischen Gründen gebaut, verband sie die Menschen an der Lahn und brachte Aufschwung in die Bauerndörfer.

Wer erinnert sich noch an die Eisenbahn zwischen Lich und Grünberg oder jene von Hungen nach Laubach? Oder die Bieberlies, die Erz vom Fuße des Dünsbergs gen Gießen transportierte und Ausflügler aus der Stadt nach Bieber brachte? Oder die "Kanonenbahn", die fast 100 Jahre lang bis in die 1980er Jahre zwischen Lollar und Wetzlar verkehrte? Eisenbahnen waren vor noch zwei, drei Generationen zentrales Element dessen, was wir heute Öffentlichen Personennahverkehr nennen. Mit der geplanten Reaktivierung von Lumdatalbahn zwischen Lollar und Londorf sowie der Horlofftalbahn aus dem Südkreis in die Wetterau gibt es hoffnungsvolle Ansätze, aufgegebene Strecken zu neuem Leben zu erwecken.

Für die Kanonenbahn derweil ist - bildlich gesprochen - dieser Zug abgefahren. Da gibt es keine Chance auf ein neues, zweites Leben. Die Trasse ist sehr wohl noch in der Landschaft erkennbar: Zwischen Lollar und Wißmar ist die Eisenbahnbrücke über die Lahn bis heute erhalten und dient den Radlern auf dem Lahnradweg als Querung. Auch bei Launsbach und Krofdorf, in der Nähe von Heuchelheim, nahe Atzbach und zwischen Dorlar und Wetzlar sind solche Viadukte noch erhalten, rosten dort still vor sich hin.

Während andernorts, etwa im südöstlichen Vogelsberg zwischen Bermutshain und Herchenhainer Höhe eine Bahntrasse zu einem attraktiven Radweg umgebaut wurde, hat man die Kanonenbahn in weiten Teilen der Natur überlassen. Schienen und Schwellen sind demontiert. Seit bald 30 Jahren ist die Trasse teils unter Schutz gestellt. Das geschotterte Gleisbett ist heute ein Refugium für Tiere und Pflanzen, die trockene, warme Standorte lieben. Erinnert sei da nur an die seltene und schützenswerte Blauflüglige Ödlandschrecke, die dort nahe Kinzenbach heimisch ist und in der Heuchelheimer Kommunalpolitik in den 1990er Jahren für Aufregung sorgte. Auch Nachtigallen haben dort ihre Brutreviere in den Hecken am und auf dem Bahndamm. Unbestritten ist die Funktion der Trasse in der Vernetzung von Naturräumen, denn Tiere können die weitgehend ungestörte Trasse zum Wandern nutzen.

Nach der Reichsgründung 1871 wurde der Plan entwickelt, eine möglichst direkt verlaufende Staatsbahnlinie von Berlin an die Westgrenze des Deutschen Reiches zu bauen. Diese Bahnlinie wurde wegen ihrer militärstrategischen Zielsetzung schon früh als "Kanonenbahn" bezeichnet. Die gut 18 Kilometer lange Bahnlinie zwischen Lollar und Wetzlar war ein Teil dieser Strecke, die Berlin mit dem lothringischen Metz verband. Zwischen 1875 und 1878 wurde die Linie gebaut. Seinerzeit, 1877/78, entstand auch das imposante Kinzenbacher Bahnhofsgebäude, das 1987/88 restauriert wurde und heute Heimatmuseum der Gemeinde Heuchelheim ist. Dort erinnern zwei rote Schienenbusse an vergangene Zeiten. In den ersten Jahrzehnten bis nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Bahn rege genutzt. Sie sorgte bereits Ende des 19. Jahrhunderts für wirtschaftlichen Aufschwung in den Dörfern. So siedelte sich in Kinzenbach beispielsweise östlich des Bahnhofes die "Dampfziegelei Anton Müller" an; dort, wo heute das Drahtwerk Berkenhoff zu finden ist. "Den größten Aufschwung erlebten die Betriebe, die am ›Abendstern‹ standen", hat der Heimatforscher Emil Winter († 2009) recherchiert. Der Heuchelheimer hat 1995 eine umfangreiche Dokumentation der Kanonenbahn vorgelegt.

Zudem war die Bahn wichtiges Verkehrsmittel für Menschen, die in Wetzlar arbeiteten. Dort gab es reichlich Industrie: etwa Buderus/Röchling, Leitz oder Hensoldt. Doch mit zunehmender Motorisierung ab den 1950er/60er Jahren sowie dem Einsatz von Bussen schwand die Bedeutung der Kanonenbahn.

Das Ende kam auf Raten: Im November 1978, 100 Jahre nach ihrer Eröffnung, wurde das Verfahren zur Umstellung des Personenverkehrs zwischen Lollar und Wetzlar auf Busbetrieb eingeleitet: Der letzte planmäßige Personenzug fuhr am 30. Mai 1980. In den folgenden Jahren, etwa 1987 und 1990, gab es noch Sonderfahrten zwischen Kinzenbach und Wetzlar. Zwar hatte es immer mal Überlegungen einer Reaktivierung gegeben für eine Nordeinführung in den Gießener Bahnhof, um dort Rangierarbeiten zu reduzieren. Doch das wurde nie vertiefend verfolgt. Ab den späten 1990er Jahren wurden die Gleise demontiert, später dann die Strecke offiziell entwidmet.

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