Abschied

»Ich hatte immer Visionen«

  • Rüdiger Soßdorf
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Sabine Rektorschek verlässt die Wilhelm-Leuschner-Schule in Heuchelheim. Sie hat sie Schule binnen elf Jahren nachhaltig fortentwickelt.

Frau Rektorschek, fällt ein solcher Schritt leicht?

Sabine Rektorschek: Also wenn Sie mich vor einem Jahr gefragt hätten, dann hätte ich mir so gar nicht vorstellen können, hier jetzt loszulassen. Eigentlich bin ich fertig mit der Arbeit, muss nur noch die Schränke ausräumen. Zum 1. Juli, nach der ersten Sommerferienwoche, werde ich die Schlüssel an meine Stellvertreterin Frau Schleenbecker übergeben.

Wann war für Sie klar, dass Sie aufhören?

Rektorschek: Das habe ich über die Weihnachtsferien für mich entschieden. Ich bin 60, mein Mann wird jetzt 60 – und er ist nicht ganz gesund. Er ist seit drei Jahren Zuhause, hat seine Firma soeben verkauft.

Also Rückzug in den Ruhestand mit Reisen und Enkeln?

Rektorschek: Nein, nein. Wir haben vier erwachsene Kinder, aber noch keine Enkelkinder. Reisen? Das schon. Wir fahren seit 27 Jahren an die Nordsee, zuletzt bevorzugt nach Sylt. Das werden wir jetzt noch häufiger tun. Außerdem spiele ich leidenschaftlich gerne Golf. Das ist in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen. Aber ich hatte immer Visionen, suchte was Neues. Auch jetzt. Das macht den Abschied von der Schule leichter. Ich mache mich selbstständig.

Wie das?

Rektorschek: Wissen Sie, ich werde das machen, was ich in den vergangenen Jahren immer wieder schon neben meiner Arbeit an der Schule gemacht habe – nur jetzt eben freiberuflich: Ich werde als Coach und Supervisorin arbeiten, dabei vornehmlich mit Menschen aus sozialen Berufen. Dies umfasst sowohl mein Berufsfeld Schule, als auch Betreuungseinrichtungen. Ich coache Mitarbeiter ebenso wie die Leitungsebene. Ich habe mich dazu seit 25 Jahren kontinuierlich weitergebildet und dies auch für das Land Hessen umgesetzt. Ich war viel unterwegs und habe sowohl für HILF, HELP, das Hessische Institut für Lehrerbindung später dann die Lehrkräfte Akademie in der Lehrerfortbildung gearbeitet. Zudem war ich 15 Jahre lang an der Gießener Universität Praktikumsbeauftragte für Deutsch und Didaktik.

Was, meinen Sie, wird man in Heuchelheim mit dem Namen Rektorschek weiterhin verbinden?

Rektorschek: Oh, ich kam damals, 2007, und habe mich gleich unbeliebt gemacht.

Warum das denn?

Rektorschek: Weil ich die war, die den Standort Kinzenbach geschlossen hat. Wobei es damals nicht allein meine Entscheidung war. Damals spielte so viel eine Rolle, auch das Aus für die Förderstufe hier an der Schule. Als Gießen vom Gesamtschulsystem auf das dreigliedrige System mit Haupt- und Realschule sowie Gymnasium umstellte, da haben die Eltern mit den Füßen abgestimmt.

Und was wird man noch mit Ihnen verbinden?

Rektorschek: Den Aufbau und Ausbau des Ganztagsbetriebs hier an der Schule in Heuchelheim: Wir haben 320 Schüler, davon gut 200 im Ganztag, Und die Tendenz ist steigend. Zudem haben wir vor zwei Jahren den »Flex« etabliert. Das ist mein Baby. Ich habe hier gottseidank Kolleginnen und Kollegen gehabt, die den Weg so mitgegangen sind. Sonst hätte das nicht geklappt. Heute kommen viele Pädagogen aus anderen Schulen zu uns und hospitieren hier, um den Flex zu lernen. Wissen Sie: Ich möchte darüber noch ein Praxis-Handbuch schreiben. Das habe ich mir für die Zukunft notiert. (Anm.d.Red: Bei dem Modell Flex werden die Jahrgangsstufen eins und zwei zu einer pädagogischen Einheit zusammengefasst. Unterrichtet wird nicht im Klassenverbund, sondern in Lerngruppen, die jahrgangsgemischt und entwicklungsgemischt sind.)

Das klingt alles so, als würden Sie sich doch nicht von der Schule verabschieden.

Rektorschek: Stimmt schon. Als ich im Dezember die Entscheidung getroffen habe, war da die Frage: Wie definiere ich mich ohne Schule?

Und, was war Ihre Antwort?

Rektorschek: Nun ja – da habe ich mir eben Gedanken gemacht, was ich mit meinem Wissen und meiner Erfahrung noch sinnvoll tun kann. Aber ich freue mich ganz ehrlich darauf, nicht mehr jeden Morgen um kurz vor 7 von Marburg aus auf die B3 nach Heuchelheim fahren zu müssen. Sagen wir es so: Ich fahre jetzt vom »Grenzwert-Modus« eine Stufe runter.

320 Schüler – das ist eine große Grundschule. Wie groß ist das Team hier?

Rektorschek: 27 Lehrer, neun Kräfte im Ganztag, Hausmeister, Verwaltung, Reinigungskräfte. Alles zusammen bald 40 Köpfe. Allein im Ganztag haben wir hier 120 000 Euro, die wir umsetzen. Das ist fast wie ein kleines Unternehmen, das zu managen ist.

Wieso wurden Sie Lehrerin?

Rektorschek: Weil ich Kinder liebe. Wegen der pädagogischen Seite bin ich in den Beruf gegangen. Kinder auf einen guten und vor allem ihren Weg zu bringen, .mit Kindern zu arbeiten und sie nach ihren Möglichkeiten zu fördern. Allerdings war ich auch immer eine Macherin und Organisatorin und schon sehr früh kam ich immer wieder in Leitungssituationen, so schließlich auch zur Schulleitung. Ich hätte sicher auch ein Unternehmen leiten können, wenn ich etwas anderes studiert hätte.

Wenn Sie zurückschauen: Was hat sich gewandelt? Wie haben sich Schule und Eltern verändert?

Rektorschek: Heute passiert sehr viel unter der Idee: »Mein Kind muss Abitur machen.« In dem Kontext werden viele Fehlentscheidungen getroffen. Eltern sind heute gegenüber Schule zudem anspruchsvoller geworden. Manche glauben, sie könnten Aufgaben aus ihrem Erziehungsauftrag auf uns abwälzen. Schule müsse dies, das, jenes leisten.Das ist ausgeprägter geworden. Zumal in immer mehr Familien beide Elternteile arbeiten gehen. Da wird dann Schule stärker gefragt. Aber ich muss sagen: Es geht alles nur im Dialog mit den Eltern. Und deshalb machen wir hier ja so viel Elternarbeit.

Wie sieht es mit der Nachfolge aus?

Rektorschek: Da will ich dem Staatlichen Schulamt nicht vorgreifen, denn die Entscheidung muss noch durch einige Gremien. Aber so viel kann ich sagen: Es ist auf einem guten Weg. Es wird nahtlos weitergehen. Eine Vakanz an der Spitze wird es nicht geben.

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