Warten auf einen Impftermin: Michael Ranft und sein Vater Heinrich.
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Warten auf einen Impftermin: Michael Ranft und sein Vater Heinrich.

Landkreis Gießen

Corona-Impfung: „Was wir erlebt haben, das sollte man nicht für möglich halten“ - MS-Kranker aus Kreis Gießen durch „alle Raster gefallen“

  • Gabriele Krämer
    vonGabriele Krämer
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Die Angst vor einer Covid-19-Erkrankung ist riesig. Michael Ranft (50) aus Heuchelheim, durch Multiple Sklerose (MS) an den Rollstuhl gefesselt, kämpft um einen Impftermin.

Heuchelheim – Die Angst vor einer Covid-19-Erkrankung ist riesig. Michael Ranft (50), durch Multiple Sklerose an den Rollstuhl gefesselt und wegen eines geringeren Lungenvolumens massiv gefährdet, kämpft um einen Impftermin. Genau drei Kilometer sind es von seiner Wohnung in Kinzenbach bis zum Impfzentrum im Heuchelheimer Gewerbegebiet. Noch bis Montagnachmittag erschien Michael Ranft dieses Ziel schier unerreichbar.

Nach wochenlangen vergeblichen Bemühungen sicherte dem Schwerbehinderten nun aber eine freundliche Stimme am anderen Ende der Telefonleitung zu, dass er jetzt als Berechtigter der zweiten Priorität registriert sei. Er werde demnächst alle Informationen zum Impftermin erhalten: »Die Unterlagen sind auf dem Weg«, hat man dem 50-Jährigen versichert. Glauben mag er das aber erst, wenn er die ersehnte Post wirklich in der Hand hält.

Heuchelheim (Kreis Gießen): Dem Vater fehlen die Worte

Mit der Hotline-Auskunft ist Michael Ranft zwar ein mächtiger Stein vom Herzen gefallen - die emotionale Berg- und Talfahrt der letzten Zeit aber vermag er ebenso wenig wegzustecken wie sein Vater Heinrich. Der 74-Jährige aus Geilshausen ist im Gießener Land und weit darüber hinaus als früherer Landrats-Chauffeur und glühender Fürsprecher der Stiftung »Bärenherz« bekannt wie ein »bunter Hund«. Und beileibe nicht auf den Mund gefallen. Eigentlich.

»Was wir erlebt haben, das sollte man nicht für möglich halten. Das macht mich fast sprachlos«, empört sich Ranft senior noch gestern vor Pressevertretern.

Corona-Impfungen im Landkreis Gießen: Heuchelheimer durchs Raster gefallen

Mittels Attest seiner Hausärztin hatte der Sohn längst nachweisen können, dass er aus gesundheitlichen Gründen früher als für seine Altersgruppe vorgesehen Anspruch auf eine Corona-Impfung hat. Vergebens, wie es lange Zeit schien. Vom Gesundheitsamt des Landkreises sei er weiterverwiesen worden ans Hessische Sozialministerium, von dort wieder zurück.

Der Hinweis auf eine Härtefallregelung sei zunächst verhallt, sagt der Senior und resümiert: »Menschen mit Behinderung, die zu Hause leben, sind offenbar durch alle Raster gefallen«. Angestrengt atmend schildert Ranft junior, wie er auf seiner Telefon- und Internetrecherche beim Bundesgesundheitsministerium landete - dort habe er den entscheidenden Hinweis erhalten, um sich Gehör zu verschaffen.

MS-Erkrankung bedeutet enormes Risiko durch Corona für Heuchelheimer

Was den Vater so zornig macht ist der Umstand, dass für den Sohn jeder Tag zählt: »Wenn das Virus Michael erwischt, geht es schlimm für ihn aus«. Die MS-Erkrankung mindert die Lungenfunktion erheblich, denn deren Volumen ist wesentlich kleiner als bei einem gesunden Organ. Das Abhusten fällt schwer - bei einer Covid-Erkrankung müsste die Lunge abgesaugt werden. Das bedeutet: Intensivstation.

Neben MS leidet Michael Ranft an Morbus Bechterew, einer weiteren Autoimmunerkrankung. »Das ist ein schlimmes Schicksal, aber es gibt Menschen, denen geht es bedeutend schlechter«, sagt er aus voller Überzeugung. Sein Lachen hinter der FFP2-Maske lässt sich angesichts der fröhlich blinzelnden Augen gut erahnen.

Michaels Ranft aus Heuchelheim (Kreis Gießen): MS macht Zukunftspläne zunichte

Michael Ranft ist ein Kämpfer. Bis zu seinem 29. Lebensjahr stand er mitten drin im Berufsleben, war beispielsweise 1998/99 als Regierungssekretär im Auswärtigen Amt in Paris tätig. »Er hätte danach auf der ganzen Welt unterwegs sein können«, schwärmt der Vater. Doch statt einer Beamtenlaufbahn entschied sich der Sohn damals für ein Informatikstudium auf dem zweiten Bildungsweg. Danach aber sackten jegliche Zukunftsplanung in sich zusammen: MS.

»Mit 35 Jahren fing alles mit einem Kribbeln in den Füßen an, mit 39 bin ich in Rente gegangen und mit 40 saß ich im Rollstuhl«. Seinen Optimismus hat sich der 50-Jährige bewahrt. Neben Vater Heinrich und Mutter Ursula stehen ihm viele Freunde sowie wechselweise vier Pflegedienst-Mitarbeiterinnen zur Seite. Langweilig werde es ihm nie, versichert Michael Ranft. Computer und Co. sind seine Leidenschaft, Fernsehen und Internet ein Tor zur Welt, »Ersatz für Urlaub, auch schon vor Corona«.

Was er »nach Corona« möchte? »Einen guten Wein trinken und ins Museum«, sagt er und lacht: »In Paris gibt’s sicher noch das eine oder andere Ziel für mich.«

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