Keine Normalisierung in Sicht

Problem für mobile Pflegedienste im Kreis Gießen: Impfungen vorerst nur in Heuchelheim

  • vonLena Karber
    schließen

Für mobile Pflegedienste ist keine Normalisierung in Sicht, denn viele Senioren, die zu Hause leben, können vorerst nicht geimpft werden . Auch bei den Impfungen des Personals gibt es Probleme.

Informationen waren in den vergangenen Wochen Mangelware. Während in den Alters- und Pflegeheimen bereits seit Ende Dezember mobile Impfteams zum Einsatz kamen, sahen sich die ambulanten Pflegedienste mit einer Vielzahl an Fragen konfrontiert, auf die sie keine Antworten hatten. »Alle Regelungen, die bekannt wurden, bezogen sich auf die Pflegeheime«, erinnert sich Ernst-Jürgen Bernbeck von der Sozialstation in Allendorf. Eine Antwort darauf, wie Menschen zu einer Impfung kommen sollen, die zu Hause leben, aber nicht selbstständig zu einem Impfzentrum kommen können, sei hingegen nirgends zu finden gewesen. »Mobile Pflegedienste hatte man wahrscheinlich ganz vergessen«, sagt er. »Dabei ist die Gefahr für die Menschen, die zu Hause betreut werden, auch hoch.«

Eine Herausforderung für Pflegedienste im Kreis Gießen: Impfungen im häuslichen Umfeld

Mittlerweile ist klar: Immobile Menschen müssen sich weiter gedulden. Nur wer selbstständig zum Impfzentrum nach Heuchelheim kommen kann, hat in der ersten Phase die Chance auf einen Termin. Immobile Personen können zwar den Bedarf einer Impfung im häuslichen Umfeld anmelden - diese sei jedoch erst »zu einem späteren Zeitpunkt« möglich.

Das Kranken-Pflege-Team Lichtblick in Hungen stellt das vor eine große Herausforderung. Alle 180 betreuten Menschen brauchen laut Birgit Hennecke Unterstützung, um das Impfzentrum aufsuchen zu können - entweder durch Angehörige oder durch das Pflegepersonal. »Das wird logistisch schwierig«, sagt sie - und für einige gebe es momentan dann keine Lösung, weil sie auf einen Liegendtransport angewiesen sind. Sie schätzt: »Etwa 15 Prozent können wir gar nicht zum Impfzentrum bringen.«

Kein Spartenproblem im Kreis Gießen? Mehrheit der Pflegebedürftigen wird zu Hause versorgt

Wie viele Personen im Landkreis Gießen den Bedarf einer Impfung im häuslichen Umfeld anmelden, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch schon jetzt: Die Zahl der Personen, die der Besuch des Impfzentrums zumindest vor ein Problem stellt, ist hoch. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes werden nur rund 820 000 der gut 4,1 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland in stationären Einrichtungen versorgt.

Die Mehrheit lebt also in den eigenen vier Wänden, in denen aus logistischen Gründen vorerst keine mobilen Impfteams zum Einsatz kommen werden. Der Impfstoff von Biontech/Pfizer etwa, der in Ampullen mit mehreren Portionen ausgeliefert wird, muss aufbereitet werden und kann dann nicht mehr transportiert werden. Allerdings: auch in ambulant betreuten Wohngruppen oder Tagespflegeeinrichtungen, wo es logistisch möglich wäre, werden vorerst keine mobilen Impfteams zum Einsatz kommen.

Pflegedienste kritisieren Kommunikation zu Impfvorgehen im Landkreis Gießen

Bei den Pflegedienstleistern hierzulande ist indes das Unverständnis über die mangelnde Kommunikation groß. »Da holpert es ganz schön«, findet etwa Elvira Kraicker-Münnich vom Pflege- und Sozialdienst MOBI in Grünberg, die auf ihre E-Mail an den Landkreis keine Antwort erhielt. Ihr Kollege Bernbeck aus Allendorf hat seine Fragen zuletzt sogar per Einschreiben mit Rückschein an das Gesundheitsamt geschickt. »Auf mein letztes Schreiben habe ich keine Rückmeldung bekommen«, erklärt er diese Entscheidung. Damals, im Herbst, hatte er vom Landkreis die Veröffentlichung der kommunalen Infektionszahlen gefordert, deren Offenlegung dieser damals noch ablehnte. »Man hat die Leute, die bei uns arbeiten, unter Umstanden ins offene Messer laufen lassen«, ärgert er sich. Er wünscht sich allgemein mehr Unterstützung - etwa Angaben dazu, welche Schnelltests sicher und verlässlich sind.

Kreis Gießen: Auch bei den Impfungen des Pflegepersonals gibt es Probleme

Probleme gibt es offenbar auch bei der Impfung des Pflegepersonals. »Das, was man in den Medien im Moment so hört, stimmt«, sagt Kraicker-Münnich, die aktuell auf einen Impftermin für ihre Mitarbeiter wartet. »Mein letzter Stand ist, dass nicht genügend Impfstoffe vorhanden sind.« Für die Pflegedienste hierzulande ist das verheerend: Zwar blieben sie bislang vor größeren Ausbrüchen verschont, doch Verdachts- und tatsächliche Fälle bei den Mitarbeitern können zu personellen Engpässen führen, die eine adäquate Versorgung gefährden. »Das hätte man mehr vorantreiben müssen«, findet Kraicker-Münnich.

Die Leiterin des Grünberger Pflegedienstes bestätigt jedoch auch, dass an den Debatten über eine mangelnde Impfbereitschaft beim Pflegepersonal etwas dran ist. Ihren Angaben zufolge liegt die Quote der Impfwilligen in Grünberg aktuell nur bei etwa 50 Prozent, weil viele Mitarbeiter Bedenken haben, weil die Impfstoffe so schnell auf den Markt gekommen sind. Auch hier sind Kommunikation und Aufklärung die Schlüsselwörter. »Viele wissen nicht, dass es sich bei Corona um eine Mutation von einem Virus handelt, das es schon länger gibt und dass man deshalb auch schon länger Zeit hatte, um entsprechende Studien zu machen«, sagt sie. »Da fehlt wirklich die intensive Aufklärung für die Mitarbeiter.«

Info: Impftermine vorerst nur im Impfzentrum in Heuchelheim

Zu Beginn dieser Woche haben mehr als 400 000 Hessen ab 80 Jahren einen Brief bekommen, in dem sie darüber informiert werden, wie sie einen Impftermin vereinbaren können. Sollte zur Anreise eine Taxifahrt unabdingbar sein, übernimmt das Land Hessen die Kosten, sofern diese nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. Wer gar keine Möglichkeit hat, zu einem Impfzentrum zu gelangen, kann mit Hilfe eines beiliegenden Formulars den Bedarf einer Impfung im häuslichen Umfeld anmelden. Diese Impfungen werden jedoch erst »zu einem späteren Zeitpunkt« starten. Wann genau, ist nicht bekannt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare