Erster Kontakt auf einem Campingplatz im August 2021: Sabrina Klotz (vorn) mit Thomas und Katharina Dederich und deren Kindern Jakob und Paul.
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Erster Kontakt auf einem Campingplatz im August 2021: Sabrina Klotz (vorn) mit Thomas und Katharina Dederich und deren Kindern Jakob und Paul.

Nach Flutkatastrophe

Aus Fremden werden Freunde: Heuchelheimerin unterstützt Familie aus „5-Euro-Haus“ im Ahrtal

  • Gabriele Krämer
    VonGabriele Krämer
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Die Flutkatastrophe an der Ahr hat unendliches Leid ausgelöst. Da ist jede Hilfe willkommen. Sabrina Klotz aus Heuchelheim hat sich einer speziellen Aktion angeschlossen und beweist, dass 5 Euro pro Monat eine enorme Unterstützung für Betroffene sein können.

Heuchelheim – Es geht voran, Schritt für Schritt. Sabrina Klotz aus Heuchelheim hält engen Kontakt zu einer vierköpfigen Familie im Ahrtal, die im Sommer hart von der Flutkatastrophe getroffen wurde. Vor einem halben Jahr kannten sie sich noch nicht, heute sind sie dicke Freunde. Was sich inzwischen getan hat, war nahezu unvorstellbar, nachdem die Katastrophe an jenem 14. Juli 2021 über die Dederichs aus Walporzheim, einem Ortsteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler, hereingebrochen war.

Das komplette Erdgeschoss des 1717 erbauten Fachwerkhauses war unbewohnbar, die kleine Kneipe zerstört, die Autos ein Fall für den Schrottplatz. Die Versicherung zahlt nicht: Hochwasser als Elementarschaden war in ihrer Gebäudeversicherung nicht inbegriffen. Zu unwahrscheinlich erschien den Eheleuten Katharina und Thomas Dederich das Szenario, 200 Meter von der Ahr überflutet zu werden.

Doch es kam Hilfe: Zuerst die Abrissarbeiten. Dann wurden die Fundamente, der Betonboden und ein Stahlträger erneuert, alte Eichenbalken ausgetauscht, neue Fenster eingebaut, Gefache ausgemauert, die Elektrik auf Vordermann gebracht und noch so viel mehr geleistet. Ehrenamtliche Helfer und Handwerker - auch aus Mittelhessen - legten sich für die Dederichs ins Zeug. Mittlerweile ist sogar von einer »Wiederaufbaueinweihungsfeier« in nicht allzu ferner Zukunft die Runde.

Mit vereinten Kräften: Sabrina Klotz und Thomas Dederich beim Wiederaufbau.

Mit rund 300 000 Euro ist allein der Schaden an dem Gebäude beziffert; hinzu kommt der Schaden am Inventar. Das Geld, um jenseits von Sachspenden erforderliches Baumaterial beschaffen und Handwerkerleistungen bezahlen zu können, stammt aus einem Topf, der sich Dank des Einsatzes von Sabrina Klotz füllt. »Die Katastrophe hat mich wirklich sehr berührt, und ich wollte einfach nur helfen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger«, resümiert die 41-Jährige gegenüber dieser Zeitung.

Als sie seinerzeit von der Spendeninitiative »5-Euro-Haus« (siehe Kasten) erfahren hatte, nahm sie Kontakt zu Initiator Jörg Burkhardt (Lippstadt), der ihr die Dederichs als »Patenfamilie« vermittelte.

»Das waren völlig fremde Menschen für mich«, erinnert sich Klotz an die Situation Ende August, als sie erstmals mit dem Ehepaar telefonierte - eine Dreiviertelstunde lang. Sie erfuhr: Zwar war der Wohnbereich im ersten Obergeschoss des Fachwerkhauses vom Wasser verschont geblieben, doch fürs Erste hatten Katharina und Thomas Dederich mit Jakob und Paul, ihren sieben bzw. zehn Jahre alten Jungs, auf einen Campingplatz ausweichen müssen. Dort lernten die Vier auch ihre »Patin« aus Heuchelheim kennen, die sich angesichts der dramatischen Schilderungen schon wenige Tage nach dem ersten Telefonat auf den Weg gemacht hatte, um tatkräftig mit anzupacken.

Bis kurz vor Weihnachten war Sabrina Klotz, die als Industriekauffrau bei den Stadtwerken Gießen beschäftigt ist, so gut wie jedes Wochenende in Walporzheim - und stellte sich auch während ihres zweiwöchigen Urlaubs in den Dienst für ihre Mitmenschen. Sie kümmerte sich um die beiden Kinder, kochte, erledigte Einkäufe, lieferte Lebensmittelspenden von Metzgereien und Bäckereien aus Heuchelheim und Wetzlar an das Versorgungszelt Walporzheim, organisierte und transportierte eine Feldküche als Leihgabe ebenso wie drei gespendete Gebrauchtwagen von Privatleuten ins Ahrtal. In der Vorweihnachtszeit backte und verkaufte sie neun Kilo Plätzchen, um Weihnachtsgeschenke für die Familie Dederich zu finanzieren. Und sie organisierte Handwerker und Baumaterial.

Von der Flut hart getroffen: Das Fackwerhaus der Familie Dederich in Walporzheim.

Mit Erfolg rührte Klotz die Werbetrommel fürs »5-Euro-Haus« der Dederichs: Rund 400 E-Mails sind mittlerweile bei ihr eingegangen - viele mit dem Versprechen, ein Jahr lang (per Dauerauftrag) 5 Euro oder einmalig 60 Euro direkt auf das Konto der Familie zu überweisen. »Patin« und »Patenfamilie« sind überwältigt von der Spendenbereitschaft.

»Es ist schön, zu sehen, wie es der ganzen Familie im Laufe der Wochen und Monate wieder nach und nach besser ging, auch emotional«, sagt die gebürtige Niederbielerin Klotz. Angetan von der unbürokratischen Hilfe für die Flutopfer entschied sich etwa das Sport- und Modehaus Kaps in Solms-Oberbiel, die Kunden um eine kleine Spende für die Dederichs zu bitten. Und so kamen allein hier innerhalb kurzer Zeit - auch durch eine Aufstockung durch die Familie Kaps - 2500 Euro zusammen.

Die Aktion macht Schule: Jörg Burkhardt entwickelte den »Prototyp«, Sabrina Klotz unterstützt »Haus Nr. 2« - heute gibt es 60 »5-Euro-Häuser«. Unterstützer und Nachahmer willkommen.

Kleiner Betrag, großer Effekt: So funktioniert die Aktion »5-Euro-Haus«

Die Spendeninitiative »5-Euro-Haus« geht auf den Zauberkünstler Jörg Burkhardt aus Baden-Württemberg zurück und ist ebenso einfach wie effektiv: Ein Projektpate sammelt – wie Sabrina Klotz für das Fachwerkhaus der Dederichs – über sein Netzwerk Freiwillige, die bereit sind, über ein Jahr lang monatlich 5 Euro direkt an die Familie zu spenden. Der einzelne Spender merkt diese 5 Euro nicht auf seinem Konto, aber wenn es gelingt, viele Menschen für eine regelmäßige Spende zu gewinnen, so nimmt es den Betroffenen eine große Last von den Schultern und lässt sie optimistisch in die Zukunft blicken. Mehr über die Spendenaktion für die Familie Dederichs erfahren Interessierte unter https://www.joerg-burg
hardt.de/sabrina. pm

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