Die Zeit des Umbaus: Die Gerüste stammen noch von den Schaltschränken. 		FOTO: PM
+
Die Zeit des Umbaus: Die Gerüste stammen noch von den Schaltschränken. FOTO: PM

Entspannung statt Hochspannung

  • vonPatrick Dehnhardt
    schließen

Früher wurde hier Strom in elektrische Spannung transformiert. Nun hängen Bilder an den Wänden. Das alte Trafo-Haus in Heuchelheim ist zum Atelier von Andrea Hupke de Palacio geworden.

Stromhäuschen gibt es landauf, landab. Standen früher noch vielerorts Transformatorentürmchen, von denen die Freileitungen zu den Häusern führten, so sind es mittlerweile vor allen Dingen kleine Bauten, die in Form und Größe an eine Fertiggarage erinnern.

Das ehemalige Transformatorenhaus in Heuchelheim fällt aus dieser Reihe ein wenig heraus: Es hat die Größe eines kleinen Wohnhauses. Das dürfte daran liegen, dass in unmittelbarer Nähe größere Industriebetriebe stehen, die viel Strom brauchen.

In den 1960ern wurde es errichtet. Schaltschränke reihten sich an den Wänden. Andrea Hupke de Palacio wuchs in direkter Nachbarschaft des Gebäudes auf. Sie kann sich gut daran erinnern, wie sie und ihr Bruder auf der Wiese rund um das Trafo-Haus gespielt haben. »Was darin vorging, wussten wir aber nicht.«

Hupke de Palacio verließ später Heuchelheim. Nach einem Textildesign-Studium arbeitete sie in mehreren Büros, unter anderem in Paris. Nach einiger Zeit siegte bei ihr der Wunsch, sich wieder der Kunst zu widmen. In Paris sind Ateliers jedoch klein und zudem teuer.

Zeitgleich veränderte sich die Lage in Heuchelheim. Die Stadtwerke planten einen Ersatzbau für das alte Trafo-Haus. Dieser sollte in unmittelbarer Nachbarschaft entstehen und wesentlich kleiner als sein Vorgänger sein. »Sie sagten meinen Eltern, dass das Trafo-Haus abgerissen werden soll«, erinnert sich Hupke de Palacio.

Ihrem Vater gefiel diese Nachricht gar nicht. Zum einen hatte er seine Gartenhütte an der Grundstücksgrenze direkt an das Trafo-Haus herangebaut. Er befürchtete, dass diese gleich ebenfalls Opfer des Abrisses werden würde. Zudem stand da auch eine Tanne, die er ins Herz geschlossen hatte. »Er hat dem Abriss mit Sorgen entgegen gesehen.« Doch zunächst blieb die alte Station erhalten.

2015 erkrankte der Bruder, die Eltern waren zu diesem Zeitpunkt bereits über 80 und brauchten Hilfe. »Da bin ich gleichzeitig mit dem Entschluss, zurückzukehren, zu den Stadtwerken gegangen und habe gefragt, ob ich das Häuschen übernehmen kann«, erinnert sich die Künstlerin. Dort war man froh, dass das Gebäude nicht abgerissen werden musste. »Mit der Aussicht auf dieses Atelier war die Rückkehr beschleunigt.«

Zumal sich Hupke de Palacio in Paris immer unwohler fühlte, nicht zuletzt auch wegen der terroristischen Anschläge und Attentate in dieser Zeit. 2016 kehrte sie nach Mittelhessen zurück, im selben Jahr übernahm sie das Trafo-Haus. Das unter dem Gebäude liegende Land gehörte der Gemeinde, dieses musste sie separat erwerben.

Nachdem das neue Grundstück aufgemessen war, konnte der Umbau beginnen. Die Stadtwerke hatten bereits die komplette Technik und Leitungen demontiert, nur noch die Gerüste der Schaltschränke waren zurückgeblieben. Ihr genesener Bruder nutzte diese, um in der ersten Etage eine Galerie einzurichten. »Er hatte sehr viele tolle Ideen«, ist sie ihm noch heute dankbar.

April 2019 wurde schließlich Einweihung gefeiert. Seitdem hat sie hier ein eigenes Reich, in das sie sich für ihr künstlerisches Schaffen zurückziehen kann. Sowohl auf der Galerie als auch in einem Teilbereich des Eingangs stehen Staffeleien, liegen daneben Farben und Pinsel bereit. »So kann ich zwischendurch die Technik wechseln«, sagt die Künstlerin. Ein Vorteil des Ateliers außerhalb der eigenen Wohnung sei auch, dass sie sich erst nach Abschluss des Bildes um das Aufräumen kümmern muss. »Man kann nicht malen und gleichzeitig sauber machen.«

Herzstück des Ateliers ist jedoch der große Ausstellungsraum mit einer Deckenhöhe von weit über fünf Metern. Derzeit werden hier Bilder von »komischen Vögeln«, aber auch Stadtansichten aus Gießen und weitere tierische Begegnungen präsentiert. Die Heuchelheimerin freut sich schon darauf, die Räume nach Ende des Lockdowns wieder für Besucher öffnen zu können.

Das alte Trafo-Haus ist das Refugium von Hupke de Palacio geworden. »Es gibt nicht einmal eine Klingel. Hier kann ich ungestört in meinem eigenen Universum der Malerei sein.« Einziger Nachteil: So ein Stromhaus hat von Natur aus keinen Wasseranschluss. Wenn man Tee oder Kaffee kochen will, muss man das nötige Wasser mitbringen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare