Torben Schridde nimmt den Spielplatz in Augenschein, notiert Ort und Uhrzeit, dann schreibt er: "Keine besonderen Vorkommnisse." FOTO: SRS
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Torben Schridde nimmt den Spielplatz in Augenschein, notiert Ort und Uhrzeit, dann schreibt er: "Keine besonderen Vorkommnisse." FOTO: SRS

Seit zwei Wochen im Dienst

So arbeitet die Corona-Streife in Heuchelheim - Bis zu 1000 Euro fällig bei zu wenig Abstand

  • vonStefan Schaal
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Viermal in der Woche rücken sie aus, sprechen Passanten auf Abstandsregeln an und machen auf Kontaktverbote aufmerksam: Michael Feuster und Torben Schridde bilden die Corona-Streife in Heuchelheim. Um gegen mehr Verstöße vorzugehen, haben sie nun ihre Arbeitszeiten geändert.

Ein alter Mann, 90 Jahre ist er, steht Michael Feuster und Torben Schridde gegenüber. Mit prüfendem Blick und in gebotenem Abstand nimmt er ihre gelben Westen in Augenschein, auf denen in großen Lettern "Ordnungsamt" steht. Dann stellt er die Frage aller Fragen. "Sagen Sie mal", setzt der 90-jährige Heuchelheimer an. "Was ist eigentlich Ihre Funktion?"

Während Ostern mehr zu tun

Feuster und Schridde schmunzeln - und erklären ihre Aufgabe. Seit 25. März stehen sie in Diensten der Heuchelheimer Gemeinde. Sie laufen und fahren durch den Ort, weisen Passanten auf Abstandsregeln hin und machen auf die weitgehenden Kontaktverbote aufmerksam. Befristet auf ein halbes Jahr stehen sie in Diensten des Ordnungsamts. Feuster und Schridde bilden die Corona-Streife.

Während der Osterfeiertage und bei sommerlichen Temperaturen zieht es viele im Kreisgebiet nach draußen, am gestrigen Karfreitag bereits waren im Gießener Land viele Spaziergänger und Wanderer zu sehen, bisweilen auch in größeren Gruppen. Feuster und Schridde sprechen auch in Heuchelheim mehr Menschen als sonst an, am Ostermontag haben sie erneut Dienst. Der Alltag unter der Woche allerdings ist eher langweilig.

"Unser Mittel ist die Kraft des Wortes"

Am vergangenen Mittwochnachmittag beispielsweise haben sie wenig zu tun, ihre Patrouille gleicht einem Spaziergang. "Sind das zwei Leute auf der Bank da hinten?", fragt Feuster seinen Kollegen, als sie am Bolzplatz der TSF Heuchelheim entlangschlendern. "Nein, nur einer mit seinem Fahrrad", antwortet Schridde. Sie winken ab. Die Wiese ist in Corona-Zeiten gesperrt. Die Devise der Gemeinde ist in einem solchen Fall aber, ein Auge zuzudrücken.

Sanktionieren oder gar Bußgelder aussprechen können die beiden ohnehin nicht, dafür müssten sie Verstärkung rufen. "Wir weisen freundlich und bestimmt auf die Regeln hin, sagt Feuster. "Unser Mittel ist die Kraft des Wortes." Er hätte gerne mehr Kompetenzen, sagt er. Wenn er wenigstens wie ein Hilfspolizist gegen Falschparker vorgehen könnte. "Das wäre belebend."

Großteil hält sich an die Regeln

An vier Tagen in der Woche sind Schridde und Feuster für jeweils fünf Stunden unterwegs. Rund 1000 Euro netto verdienen sie im Monat, auch sonntags und an Feiertagen sind sie auf Streife. Hintergrund für ihre Anstellung war der Brand der Kita "Rappelkiste" im vergangenen Jahr, zwei Teenager hatten das Feuer gelegt. Schridde und Feuster sollten vor allem Treffpunkte von Jugendlichen aufsuchen. Dann aber kam die Corona-Krise.

Die "Kraft des Wortes" kommt indes eher selten zur Geltung. Seit 25. März haben sie rund 20 Gespräche geführt. Vergangene Woche habe eine Gruppe auf dem Bolzplatz der TSF Fußball gespielt. "Wir haben einen Platzverweis ausgesprochen", erzählt Feuster. Hin und wieder müssen sie am Silbersee Menschen auf die Regeln hinweisen. "Die lösen die Gruppen dann auch auf."

Ein Großteil der Bürger hält sich an die Regeln, ist die Erkenntnis der Corona-Streife Freilich entgehen den beiden bei knapp 20 Stunden in der Woche auch Verstöße - zumal vieles im privaten Bereich abläuft. Doch die Corona-Streife hat nun ihre Arbeitszeiten geändert, um gegen mehr Verstöße beispielsweise am Aussichtspunkt "Hollywood" in den Abendstunden nach 20 Uhr vorzugehen.

"Keine besonderen Vorkommnisse"

Gleichzeitig verwundert es nicht, wenn sich Menschen am Silbersee oder anderen Gewässern in der Lahnaue zum Sonnen treffen. Hinzu kommen Unschärfen in den Verordnungen. Zwar ist "der Kontakt zu anderen Menschen außerhalb der Angehörigen des eigenen Hausstands auf das absolut nötige Minimum zu reduzieren". Aber was ist denn mit dem gemeinsamen Grillen von zwei miteinander verwandten Familien im heimischen Garten? Dies wird immer wieder diskutiert - aktuell auch in der Heuchelheimer Facebook-Gruppe.

Eine Szene verdeutlicht derweil, wie wenig die Corona-Streife zu tun hat. Schridde bleibt an einem abgesperrten Spielplatz stehen, "Wegen Corona geschlossen", steht auf einem Zettel an einem Absperrgitter geschrieben. Stille herrscht hier. Schridde schaut über den Spielplatz, öffnet eine Kladde und notiert die Uhrzeit und den Ort. Schließlich schreibt er: "Keine besonderen Vorkommnisse".

Einheitliche Bußgelder

Das Land Hessen hat unterdessen einheitliche Bußgelder bei Verstößen gegen die Verordnungen zur Bekämpfung des Coronavirus festgelegt. Je nach Schwere des Verstoßes wird ein Bußgeld von bis zu 5000 Euro fällig, darauf macht der Fachdienst Aufsichts- und Ordnungswesen des Landkreises Gießen aufmerksam. Besonders schwere Verstöße, etwa gegen Quarantäneanordnungen, können nach dem Infektionsschutzgesetz sogar als Straftat geahndet werden.

„Ich verstehe, wenn viele Menschen gerne den Frühlingsbeginn im Freien und gemeinsam erleben möchten“, sagt Landrätin Anita Schneider. „Aber die Situation lässt es im Moment einfach nicht zu. Wir haben alle eine Verantwortung, um die Verbreitung des Virus zu verhindern, und das ohne Ausnahme.“

Landrätin: "Zur Sicherheit aller"

Wer gegen die Verordnung verstößt, verhält sich nicht nur unverantwortlich, sondern muss dies auch teuer bezahlen. Einige Beispiele:

Ein Bußgeld von 200 Euro wird fällig, wenn sich mehr als zwei Personen treffen, die nicht einer Familie angehören. Das gilt auch dann, wenn es ums Grillen im eigenen Garten mit den Nachbarn geht. „Und auch innerhalb einer Familie sollte auf den Nachmittagskaffee mit Oma und Opa gerade einfach verzichtet werden – zur Sicherheit aller“, appelliert Landrätin Schneider.

Ein Bußgeld von 500 Euro wird fällig, wenn jemand gegen die Quarantäneanordnung nach der Rückkehr aus einem Risikogebiet verstößt.

Zwischen 200 und 1000 Euro werden fällig, wenn das Abstandsgebot von 1,5 Metern im öffentlichen Raum nicht eingehalten wird. Aber auch dann, wenn jemand das schöne Wetter nutzt, um spontan mit Freunden Zeit zu verbringen oder einen Lauftreff veranstaltet. Beides ist derzeit nicht zulässig.

Zwischen 500 und 5000 Euro werden fällig, wenn jemand gegen das Bewirtungsverbot verstößt. Das gilt übrigens nicht nur für Gaststätten und Biergärten, sondern auch für Stätten wie die Sonnenterasse eines Vereinsheims oder das ehrenamtliche Dorfcafé.

Einzelheiten hat das Land Hessen im Internet bereitgestellt: https://www.hessen.de/presse/pressemitteilung/diese-krise-koennen-wir-nur-gemeinsam-bewaeltigen-0

Die Überwachung der Verordnung ist Aufgabe der kommunalen Ordnungsämter und der Polizei.

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