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Obwohl Autor Daniel Schneider ruhige Orte bevorzugt, braucht er ab und an das Getümmel. Er beobachtet gerne Menschen in alltäglichen Situationen, sie liefern ihm Inspiration für seine Arbeit. FOTO: KGE

Gebärdensprache als Muttersprache - Darum ist Daniel Schneider Schriftsteller

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Daniel Schneider ist als Sohn gehörloser Eltern aufgewachsen. Er sagt, die gesprochene Sprache sei noch immer nicht so seins. Das geschriebene Wort ist es dafür umso mehr. Darum ist der 30-jährige Heuchelheimer Schriftsteller.

Daniel Schneider war etwa acht Jahre alt, als er mit Bleistift seine ersten Helden auf Papier zeichnete. Sprechblasen gaben ihnen eine Stimme, ausgefeilte Geschichten hauchten ihnen Leben ein. "Ich habe irgendwann festgestellt, dass mir die Sprechblasen besser liegen als der Comic an sich", sagt der 30-Jährige aus Heuchelheim und lacht. Dass er einmal Schriftsteller werden will, habe er ziemlich früh gewusst. Es folgten mehrere kindliche Abenteuergeschichten und in Teenagerjahren dann Krimis und Thriller mit Titeln wie "Was man findet, das gehört einem nicht" oder "Winter-Psycho" - ausgedruckt auf DIN A5 und mit Heftstreifen zu Büchern gebündelt.

Etwas professioneller verpackt sind seine Werke heute - hauptsächlich Erzählungen und Kurzgeschichten. 2015 veröffentlichte das Literarische Zentrum Gießen seine Erzählung "Der Dreck unter den Fingernägeln", im vergangenen Jahr erschien seine Kurzgeschichte "Blech" in der Sammlung "Kunst Kurz" zur Giennale. "Es ist schon etwas anderes, wenn man in ein Geschäft gehen kann und dort ein Buch mit der eigenen Geschichte findet", sagt der junge Autor stolz. Sein nächstes Ziel ist nun ein Roman - "Spindlers Wege" soll er heißen.

Notizbuch statt Computer

"So ein Roman ist schon ein sehr großes Projekt", sagt Schneider. Mit einem Grinsen fügt er hinzu: "Vor allem, wenn man dazu noch eine Doktorarbeit schreibt." 2015 begann er, an der Justus-Liebig-Universität Germanistik, Anglistik, Komparatistik und Galloromanistik zu studieren, die Thematik hat er nun zum Beruf gemacht. In München arbeitet der Heuchelheimer als Dozent für Anglistik und Germanistik, derzeit promoviert er zum englischen Ding-Essay.

"Natürlich bleibt die Schriftstellertätigkeit dabei etwas auf der Strecke", sagt der 30-Jährige. Einen großen Sprung habe sein Roman-Projekt aber vor zwei Jahren gemacht. Den Frühling 2018 hatte der Heuchelheimer dank eines Stipendiums des Hessischen Literaturrats in Bordeaux verbracht.

"Es war genau so klischeehaft, wie man es sich vorstellt", sagt Schneider. Bei Rotwein habe er, weitestgehend abgeschottet, abends in einem in die Jahre gekommenen Fachwerkhaus der Altstadt geschrieben. Nicht etwa am Computer. Schneider mag es auf die ursprüngliche Art und Weise: "Ich mag die Haptik. Ich liebe das Geräusch des Bleistiftes auf den Seiten. Ich mag den Geruch der Mine und des Papiers."

Welt oft laut und hektisch

Einer der Gründe, warum er überhaupt schreibe, "sind meine Eltern", erzählt der Heuchelheimer. Beide sind gehörlos. Obwohl er hört, ist seine Muttersprache quasi die Gebärdensprache. "Die Lautsprache ist irgendwie immer noch nicht so meins", gesteht er und zuckt mit den Schultern. Anders sei es mit dem geschriebenen Wort: "Das habe ich mir früh zu eigen gemacht." Es habe ihm geholfen, Vermittler zweier Welten zu werden, in denen er zu gleichen Teilen zu Hause ist.

Für Hörende sei die Welt oft laut und hektisch. "Fährt man die Antennen aus, findet man aber überall Inspiration", sagt Schneider. "Besonders in Zügen. Es ist schon interessant, was sich alles auf Deutschlands Gleisen tummelt." Jede Woche pendelt der Heuchelheimer nach München, bis zu zehn Stunden Zugfahrt kommen so zusammen.

Statt zu lesen oder auf einen Bildschirm zu starren, hört er oft einfach nur seinen Mitreisenden zu. Den skurrilsten Gesprächsfetzen, den er aufschnappte, stammt aus einem Telefonat: "Ich kann nicht. Da bin ich Elefanten schießen in Tansania", habe ein Mann einmal gesagt. "Da macht man dann schon große Augen."

Kein Fan von Bösewichten

Stoff für den Charakter eines Bösewichts? Von dieser Art der Betrachtung ist Schneider überhaupt kein Fan. "Ich bin der Meinung, es gibt nicht nur gut oder böse. Ich bin ein Fan von den vielen Schichten dazwischen." Mutter Theresa oder Al Capone - "niemand kommt auf die Welt und ist böse", sagt er. Herauszuarbeiten, warum eine Seite später aber überwiegt, sieht er als die Aufgabe eines guten Schriftstellers.

Mit den Jahren kam Schneider weg von den Krimis und Thrillern, heute schreibt er gerne über "zwischenmenschliche Absurditäten". "Ich mag exzentrische Persönlichkeiten. Menschen, die sich total in Dinge hineinsteigern können", sagt Schneider und lacht. Diese Themen würden sich auch in seinem neuen Roman widerspiegeln. Darin geht es, ähnlich wie in seinem Leben, um den Werdegang eines Autors. "Es wird eine Mischung aus Familienroman und Bildungsroman. Vielleicht auch mit einem satirischen Blick auf die Literaturbranche." Ab und an, sagt Schneider, packe er aber auch noch seine alten Werke aus: "Ich lese heute noch gerne darin."

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