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Standgebühren kassieren - auch das gehört zu den Aufgaben von Marktmeister Reiner Bergen.

Der Herr der Stände

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Den Nikelsmarkt gibt es seit 649 Jahren. Für die Stadt bedeutet das Event großen Aufwand, doch die Rahmenbedingen sind heutzutage schwierig. Woran liegt das? Unterwegs mit dem Allendorfer Marktmeister.

Während die meisten Allendorfer noch schlummern, brennt im Rathaus um 5.30 Uhr schon Licht. Reiner Bergen, 62 Jahre alt, sitzt in seinem Büro. Vor ein paar Stunden hat er noch beim "Heimatabend" mitgewirkt. Hinter ihm liegt eine verdammt kurze Nacht, aber da muss er heute durch. Bergen brütet über einer langen Liste von Namen und Nummern. Er trägt sie während der kommenden Stunden auf einem Klemmbrett mit sich, ohne sie wäre der städtische Marktmeister aufgeschmissen. Denn er muss wissen, welcher Stand wo mit welchen Ausmaßen eingeplant ist, um den Marktbeschickern klare Ansagen machen zu können. Und davon wird es heute einige geben.

Viele Allendorfer haben sich den Mittwoch freigenommen, um in Ruhe über ihren "Märt" bummeln zu können. Auch aus anderen Orten zieht es viele hierher, es ist der Höhepunkt des Allendorfer Jahres. Doch bis am Vormittag die ersten Besucher eintreffen, hat der Marktmeister noch alle Hände voll zutun. Rund 150 Stände finden im Marktbereich Platz. Kreidestriche und Ziffern am Gehweg zeigen an, wer wo eingeplant ist. Einige haben schon am Vortag aufgebaut, aber längst nicht alle.

Der Morgen graut. Gegen 6 Uhr sind in der Bahnhofstraße nur vereinzelt klappernde Metallstangen und brummende Motoren zu hören. Allmählich trudeln die Beschicker ein und bauen auf. Bergen und Ordnungspolizeibeamter Bernd Schwebel sind an ihren gelben Westen mit der Aufschrift "Ordnungsamt" weithin sichtbar - und alle paar Meter gefragt. "Morgen, Problem?", spricht Bergen einen Händler knapp an, der unsicher ist, ob er am richtigen Ort steht. Andere wollen wissen, wo sie parken können. Und etliche beschweren sich, dass der Nachbarstand zu viel Raum einnehme und sie selbst zu wenig Platz hätten. Hier wird um jeden Meter gefeilscht, man kann es ja mal probieren. Immer wieder schreitet der Marktmeister gemessenen Schrittes den Gehweg entlang, um zu zeigen, dass alles seine Richtigkeit hat. Sein Kollege Schwebel hat derweil ein anderes Problem zu lösen: ein Busfahrer auf Abwegen. Der sei mit der Umleitung offenbar überfordert gewesen und statt auf eine Straße auf einen Feldweg abgebogen. Nun steckt der Linienbus fest, muss rausgezogen werden.

Nach und nach schließen sich die Lücken zwischen den Ständen, doch ein paar bleiben diesmal unbesetzt. "Es kommen immer weniger", beklagt Bergen. Zwar mangele es nicht an Bewerbern, schon jetzt trudeln die ersten Stand-Anfragen für den nächsten Nikelsmarkt ein. Ein Problem sei aber, dass immer mehr Händler trotz Zusage fernbleiben. "Einer liegt im Krankenhaus, bei einem anderen ist angeblich das Auto liegengeblieben." Und mancher fehlt ohne Entschuldigung.

Andere wiederum kommen auf gut Glück vorbei, um ohne Anmeldung eine der Lücken zu besetzten. Kurz vor halb acht kommt für diese Kurzentschlossenen der Moment der Wahrheit: Die "Restplatzvergabe", ein alljährliches Ritual. Eine Handvoll Männer, weit weniger als im Vorjahr, umringen den Marktmeister und den Ordnungspolizeibeamten auf der Kreuzung in der Ortsmitte. Es wird hektisch. Bergen macht erstmal eine klare Ansage: "Wer mich anfasst oder dazwischen redet, kann gleich gehen." Das sitzt, es kehrt etwas Ruhe ein. Die beiden städtischen Bediensteten nehmen die Personalien auf und notieren, wer was feilbietet.

Dann geht es im Gänsemarsch durch die Marktstraßen, inzwischen ist es hell. Wer darf welche Lücke besetzen? "Man braucht nicht 20-mal Ledergürtel", sagt Bergen. "Und dreimal hintereinander Portemonnaies, nur um die Stände vollzukriegen - das macht keinen Sinn." Der Marktmeister achtet darauf, dass das Angebot durchmischt ist, soweit es geht. Doch von den Spontanbeschickern bieten viele ähnliche Ware an, vor allem Textilien. Trotzdem bekommen sie heute alle einen Platz.

Seit drei Jahren ist Bergen Marktmeister, und seither ist der Job nicht eben leichter geworden. Für ein kleines Städtchen fällt der traditionsreiche Markt relativ groß aus. "Irgendwann werden wir uns verkleinern müssen und enger zusammenrücken", sagt Bergen. Für die Verwaltung bedeutet der Markt enormen Aufwand - und bringt der Stadtkasse bei einer Standgebühr von fünf Euro pro Meter kein Plus ein. Aber auch für die Händler waren die Zeiten schon mal besser. "Ich vergleiche es mit einem Ritt", sagt einer, der seit vielen Jahren hier einen Stand betreibt. "Früher war es ein Galopp, dann ein Trab. Heute habe ich das Gefühl, ich sitze auf einem toten Pferd, aber es fällt noch nicht um." Die Beschicker, sagt er, würden immer älter, es fehle an Nachwuchs. Gleichzeitig geraten die fahrenden Händler gegenüber dem Online-Handel zunehmend ins Hintertreffen. Die Zeiten, als Menschen solche Märkte sehnlich erwarteten, um sich mit Haushaltswaren, Kleidung und mehr einzudecken, seien vorüber. Und trotzdem macht dieser Händler seinen Job nach wie vor gern. Nicht zuletzt, weil er sein eigener Chef ist.

Das gilt heute auch für Marktmeister Bergen. Nachdem die Stände geöffnet haben, macht er wieder eine Runde, treibt Gebühren ein, wo sie noch ausstehen. Gegen Mittag nähert sich sein Feierabend. "Es ist eine schwierige Geschichte", sagt Bergen. Und doch eine, an der er gern mitschreibt.

Mehr zum Nikelsmarkt auf Seite 34.

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