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Titsch hat sich mit 73 ein neues Ziel gesetzt. Er will Chöre verstärkt ins Fernsehen bringen.

Herr der Chöre

Wie der Pohlheimer Günter Titsch 425.000 Menschen zu Chor-Wettbewerben gebracht hat

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Wer behauptet, dass die Tradition des Chorgesangs hierzulande langsam ausstirbt, bringt Günter Titsch zum Kopfschütteln und Lachen. "Nur die Vereine sterben aus", sagt der Pohlheimer. In den vergangenen 40 Jahren hat er 425 000 Menschen weltweit zu Chorwettbewerben gelockt, er hat 34 Millionen Euro an Fördergeldern eingenommen. Sein nächstes Ziel: Chöre ins deutsche Fernsehen bringen.

Eine Tolle neigt sich geschwungen über der hohen kantigen Stirn. Falten umzingeln die Augen, die Nase ist markant, etwas krumm: Günter Titsch hat ein Charaktergesicht, das auch einem ehemaligen Boxer gehören könnte. Sein wichtigstes Instrument ist aber nicht etwa die Faust, sondern die Stimme. Wobei: Gesungen hat der Pohlheimer - ein Bariton - auf der Bühne schon länger nicht mehr. "Ich habe keine Zeit", sagt er leise schmunzelnd. Nein, Titsch ist der weltweit größte Organisator von Chorwettbewerben. 425 000 Sänger hat er in den vergangenen 30 Jahren bewegt, an Wettbewerben und Festivals in Ländern wie Italien, Vietnam und Schweden, in den USA und auf den Philippinen teilzunehmen. Mit dem Förderverein Interkultur hat er die Olympischen Spiele der Chormusik begründet. Und noch eine Zahl beeindruckt: 34 Millionen Euro an Fördergeldern für den Chorgesang hat er vor allem für die Organisation von Kinder- und Jugendchören akquiriert - zum großen Teil im Ausland.

Titsch hat sich mit 73 ein neues Ziel gesetzt. Er will Chöre verstärkt ins Fernsehen bringen.

"Singen im Chor schafft Frieden durch Begeisterung", sagt der 73-Jährige. Titsch sitzt an einem massiven Holztisch in seinem Büro in Fernwald. Er reise nicht mehr so viel, erzählt er. Der Pohlheimer hat die Hände zahlreicher Staatsvertreter wie Barack Obama geschüttelt, um Unterstützer für seine Wettbewerbe wie die "World Choir Games" zu gewinnen. Vor fünf Jahren hat er in Sotschi am Rande der Olympischen Spiele Wladimir Putin besucht und rang ihm das Versprechen ab, zur Chor-Olympiade 2016 in Sotschi zu kommen. "Das ist kein lustiger Mann", erzählt Titsch. "Sehr ernst. Sehr nervös. Immer wuseln 15 Aufpasser um ihn herum."

Treffen mit Wladimir Putin, Barack Obama und Franz Josef Strauß

Titschs Talent ist das Knüpfen von Kontakten. Einmal, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, traf er in Ungarn in einem Waldgebiet beim Jagen den früheren bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Damals war Titsch in Ungarn beruflich unterwegs, um Programmierer für einen IT-Konzern anzuwerben. "Herr Strauß war umgänglich, lustig", erzählt Titsch. "Und trinkfest."

Wer wissen will, wie der Pohlheimer tickt, muss eine Reise in die 70er Jahre unternehmen. Während einer Ungarn-Reise besucht er einmal in Budapest ein Chorkonzert in der berühmten Vigadó-Konzerthalle "Pester Redoute". Es verändert sein Leben für immer. Chor ist für den Pohlheimer seit dem 16. Lebensjahr ein Hobby, er singt bei der Eintracht in Grüningen. In Ungarn aber trifft er auf einen völlig anderen Chorgesang. "Die Sänger haben auf der Bühne gelächelt", erzählt Titsch. "Und sie haben sich bewegt. Da war Temperament." Das habe er aus Deutschland überhaupt nicht gekannt. "Choreografien fehlen hierzulande oft komplett. Und alles ist so ernst." Das sei kein Fehler, fügt er hinzu. "Das ist eine Mentalitätssache."

Mehr Menschen nach Ungarn gebracht als das staatliche Reisebüro

Nach dem Konzert in Budapest spielt er mit dem Gedanken, mit seinem Grüninger Chor nach Ungarn zu fahren und einen Austausch mit Chören vor Ort durchzuführen - im Jahr 1978 aufgrund des Eisernen Vorhangs wohlgemerkt schier unmöglich. Doch Titsch hat berufliche Kontakte zu einem Minister. "Er hat ebenfalls in einem Chor gesungen. Auch seine Frau." Der Minister habe ihn darin bestärkt, er solle doch mal mit seinem Chor nach Ungarn kommen. Der Pohlheimer antwortet damals, das könne nicht funktionieren. Doch der Minister widerspricht - und kurz darauf erhält Titsch eine Einladung des Kulturattachés der ungarischen Botschaft in Bonn. 

Tausende Sänger nehmen regelmäßig an den World Choir Games teil, die der Pohlheimer Günter Titsch organisiert.

Die Reise des Grüninger Gesangvereins nach Ungarn gelingt. Und kurz darauf auch der Gegenbesuch eines ungarischen Chors in Pohlheim. Der Austausch zwischen Ost und West gewinnt Beachtung über die Gießener Region hinaus. Ein Chor nach dem anderen meldet sich bei Titsch und will ebenfalls teilnehmen. "Aus drei Chören sind dann irgendwann plötzlich 200 geworden." Die Begeisterung sei übergeschwappt. "Ich habe mehr Menschen aus Deutschland nach Ungarn gebracht als das staatliche Reisebüro des Landes."

Coup in China

Menschen kennenlernen - dies sei das Grundmotiv für sein Engagement, erklärt Titsch. Bereits damals in Ungarn Ende der 70er Jahre werden die Chorsänger nicht in Hotels, sondern privat untergebracht. Auch er übernachtet bei einer ungarischen Familie. "Der Tag beginnt dort mit Pálinka, mit einem kleinen Schnaps vor dem Frühstück", habe er gelernt. "Dann geht jeder seinen Weg, ob Bergmann oder Landwirt." Viele Chorsänger hätten ihm damals gesagt: "Mein Gott, das sind ja auch Menschen." Man habe im Westen Vorstellungen gehabt, "dass die Menschen im Ostblock hinter dem Mond leben".

In Ungarn ist bei einem Chortreffen einmal auch ein Ensemble aus Italien aus dem Städtchen Riva del Garda dabei, unter den Sängern ist auch der Bürgermeister. Sie verabreden einen weiteren Austausch zwischen Pohlheim und Riva del Garda. "Es sind immer solche Zufälle gewesen", sagt Titsch. Schließlich gründet er den Verein Interkultur, um die Chortreffen zu professionalisieren. Er ruft 2000 in Linz eine Chor-Olympiade ins Leben. Nachdem das Internationale Olympische Komitee den Namen moniert, wird die Veranstaltung in "World Choir Games" umbenannt. Ein Coup gelingt ihm, als er chinesische Chöre für die Wettbewerbe gewinnt, dafür eine Vereinbarung mit Staatsvertretern schließt. "Man kannte unsere europäische Art des Chorgesangs vorher dort gar nicht so sehr", sagt Titsch. 2006 organisiert er in Xiamen die "World Choir Games". Vor drei Jahren in Sotschi nahmen mehr als 100 Chöre aus China an der Veranstaltung teil.

Chöre aus Süd- und Nordkorea auf der Bühne

Spricht Titsch über die Erfolgsgeschichte seiner Veranstaltungen, blitzt in seinen Sätzen ein großes Selbstbewusstsein auf. Etwas Eitelkeit ebenfalls. Er wolle in der Welt etwas bewegen, sagt er. Und ergänzt: "Was ein Politiker nicht kann, gelingt mir mit meinen Kollegen zusehends." Doch es ist vor allem ehrliche Begeisterung, die in Titschs Erzählungen zu spüren ist. Wenn er beispielsweise erzählt, wie es ihm 2004 in Bremen mit dem damaligen Bürgermeister Hennig Scherf gelungen ist, Chöre aus Süd- und Nordkorea zusammen singen zu lassen. Von der nordkoreanischen Botschaft werde er seitdem nicht mehr empfangen, sagt er. "Die haben leider viel zu viel Probleme mit ihrem politischen Führer."

Vor mehreren Jahren hat Titsch den früheren hessischen SPD-Vorsitzenden auf einer Reise nach China begleitet. "Mit so etwas wäre ich jetzt etwas zurückhaltender", sagt er. Aus der Politik halte er sich lieber heraus. "Man muss in jedem Land die politischen Regeln beachten", erklärt er weiter.

Drang, Menschen zusammenzubringen

Mit Reisen hält er sich inzwischen auch deshalb zurück, weil ihm die Zeitverschiebung zu schaffen macht. Titsch hat drei erwachsene Kinder. "Für Familie hat man keine Zeit", sagt er.

In Dorf-Güll hat er mit dem Singen begonnen, später trat er der Eintracht in Grüningen bei. "Es lag mir mehr als Fußballspielen." Geboren ist er in Heidenpiltsch im Sudetenland, die Familie wurde vertrieben und landete 1946 in Pohlheim. Über seine Kindheit als Heimatflüchtling sagt er: "Man wurde sehr gemieden." Kinder der Einheimischen in Dorf-Güll hätten nicht mit ihm engen Kontakt pflegen dürfen. "Ich hatte sehr früh auch aufgrund meiner Erfahrungen in der Kindheit den Drang, Menschen zusammenzubringen", erklärt er heute.

Neues Ziel: Chöre ins Fernsehen bringen

Ein Antrieb ist außerdem ein gewisser Geschäftssinn. In Fernwald beschäftigt er 28 Mitarbeiter, deutschlandweit 62, gerade baut er in Berlin ein größeres Büro auf. Geld für die Organisation der Veranstaltungen generieren Titsch und seine Beschäftigten durch die Teilnahmegebühren der Chöre bei Wettbewerben, durch Zuschüsse und Sponsoren sowie durch Touristikeinnahmen, wofür Titsch ein gesondertes Unternehmen führt. Bei den Chorwettbewerben organisiert dieses die Unterkunft und die Verpflegung der Sänger. "Bisher ist eine halbe Million Menschen mit uns um die Welt gereist, das sind fast 10 000 Chöre." Doch Interkultur unterstütze auch Chöre aus Entwicklungsländern, die sich eine Teilnahme nicht leisten können. "Wir schicken auch Experten zum Beispiel nach Südafrika und sorgen für eine pädagogische Weiterbildung von Chorleitern."

Titsch hat sich ein weiteres Ziel gesetzt. Er will Chöre verstärkt ins Fernsehen bringen. Es ist eine günstige Zeit für neue Ideen, während Chöre überaltern. Der Chorgesang gehe hierzulande überhaupt nicht zurück, betont Titsch. "Es sind die vor vielen Jahren gegründeten und gewachsenen Vereine und die organisierten Chorverbände, deren Existenzen bedroht sind oder sich stark minimieren." Junge Menschen gründen laut Titsch aber zunehmend eigene Projektchöre ohne feste Vereinsstruktur. Alte Chöre in Deutschland seien selbstgefällig und oftmals noch sehr konservativ, sagt Titsch. "Die meisten glauben, wenn sie auf der Bühne stehen, müssen sie ernst schauen, dunkle Anzüge tragen, wobei es ihnen schwer fällt, sich zu bewegen." Dank moderner Chöre blühe der Gesang aber wieder auf. Er habe erfahren: "Immer mehr wollen auch andere Kulturen kennenlernen, sich austauschen und gemeinsam singen."

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