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Wie aus Helfern Freunde wurden

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Seit fast 30 Jahren fährt die evangelische Kirchengemeinde Villingen und Nonnenroth mit Hilfstransporten nach Brest (Weißrussland). Pfarrer Hartmut Lemp erzählt von der diesjährigen Fahrt, von positiven Veränderungen und traurigen Gesprächen - und von besonderen Mitbringseln.

Aus der Redaktion

Der Himmel über der weißrussischen Stadt Brest war blau. Unter einem Zelt aus Blättern und Zweigen wurde ein kleiner Imbiss aufgetischt: Belegte Brote, Wurst, Käse, gegrillte Fleischspieße und russisches Konfekt - ein reich gedeckter Tisch. Gastfreundschaft wird bei der Folkloregruppe Brestschanka groß geschrieben. Wenn die Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Villingen und Nonnenroth bei ihren osteuropäischen Freunden zu Besuch sind, gleicht es jedes Mal einem Fest. Groß ist dann die Freude, so war es auch in diesem Jahr, erinnert sich Pfarrer Hartmut Lemp. Und doch drückt ein sensibles Thema die Stimmung.

Erst kürzlich seien 1140 Leichen bei Bauarbeiten am Stadtrand von Brest entdeckt worden. Juden, die Anfang des Zweiten Weltkrieges von Deutschen ermordet wurden. "Die Leichen wurden inzwischen ausgegraben und auf einem jüdischen Friedhof in Gemeinschaftssärgen beigesetzt", sagte Leo Feigin damals, langjähriger künstlerischer Leiter der Gruppe und selbst Jude. Während er erzählte, sei es ganz still gewesen. Die Worte hatten einen bitteren Beigeschmack. Feigin konnte den Fokus jedoch auf ein erfreuliches Thema lenken: Die jüdische Gemeinde in Brest forme sich neu, auch eine ehemalige Synagoge sei wieder für die Gläubigen geöffnet. Einen Teil dazu beigetragen haben die Hungener. "Wir werden auch weiterhin Spenden für die Synagoge sammeln", verspricht Pfarrer Hartmut Lemp. Seit 27 Jahren unterstützt die Kirchengemeinde die weißrussische Stadt - mindestens einmal im Jahr mit einem Hilfstransport.

Ein fester Bestandteil der Partnerschaft ist die Unterstützung der Brester Geburtsklinik. "Bei unserem ersten Besuch stellten wir unvorstellbare Mängel fest", erinnert sich Lemp. Inzwischen sei die Klinik modern und nähere sich den westlichen Standards immer mehr an. In diesem Jahr stiftete die Initiativgruppe Bilirubin-Messgeräte und augendiagnostische Apparaturen für Neugeborene. Wichtige Anschaffungen, die durch die Erlöse der "Licht-Wege"-Bilderausstellung möglich gemacht wurden. Als Erfolg erwiesen sich darüberhinaus Lieferungen von Verhütungsspiralen in der Vergangenheit. Die Abtreibungsrate in Brest sei in den letzten Jahren deutlich gesunken. Allerdings seien allgemein weniger Kinder geboren worden. Die Zahl sank im Vergleich zu 2018 um rund 700 auf 5136 Kinder.

Ohne Nachwuchs seien vor allem die Dörfer unweit der ukrainischen Grenze, erzählt Lemp. Dort, wo die Strahlenbelastung nach der Tschernobyl-Katastrophe besonders hoch war. Einige Kinder wurden damals bei Familien in Nonnenroth und Villingen untergebracht. In den vergangenen Jahren seien auch die letzten weißrussischen Dorffamilien in die Städte gezogen. "Die Häuser dort verfallen teilweise", erzählte Lemp. "Geblieben sind fast nur alte Menschen ohne Angehörige." Um sie kümmert sich eine Frau, die alle nur Tamara oder "unser Engel" nennen. Die ältere Dame leitete lange eine Sozialstation. Von ihrer Rente kann sie kaum leben, dennoch pflegt sie die Ältesten der Dörfer und versorgt sie mit Medikamenten, die ebenfalls aus den Spenden der Hungener Gruppe finanziert werden.

Wenn die Hungener nach Brest fahren, kommen sie selten mit leeren Händen zurück. "Einigen Künstlern in Brest helfen wir, indem wir sie mit Auftragsmalereien versorgen", erklärt Lemp. Der Kunstmarkt in Brest läge leider brach, dabei gäbe es viele talentierte Künstler. Bilder zum Thema "Surreale Pilger, die den Lutherweg 1521 entlanggehen" wurden in diesem Jahr bei Künstler Palachitch geordert. Ein Teil davon wird am 31. August auf dem Kirchentag in Lich ausgestellt. Ein 120 Kilogramm schwerer Luther aus Eiche steht ab sofort vor der Schäferwagenherberge in Nonnenroth, Anatoli Turkow hat ihn angefertigt. Überhaupt, sagt Pfarrer Lemp: "Mit vielen Künstlern sind inzwischen enge Freundschaften entstanden."

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