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Helfer, die Hoffnung bringen

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Licht in der Dunkelheit, Hoffnung in schwärzester Nacht: Das ist die Geschichte von Weihnachten. Sie kann sich zu allen Zeiten zutragen und an jedem Ort. Zum Beispiel im Hochsommer, zum Beispiel an der Ahr. Ungezählte Freiwillige haben nach der Flutkatas-trophe dazu beigetragen, dass Menschen, die binnen weniger Stunden alles verloren hatten, nicht gänzlich verzweifelt sind.

Hilfe kam auch aus Hungen.

Es ist schlimm! Wir brauchen Hilfe! - Als sich diese Nachricht am Donnerstag, dem 15. Juli, über WhatsApp verbreitete, wäre Ingo Schmalz am liebsten sofort losgefahren. Doch seine Frau hat ihn gestoppt. Ingo und Jasmin Schmalz betreiben in der Tiergartenstraße in Hungen einen Bauernhof, Mitte Juli standen sie kurz vor der Ernte. Erst als geregelt war, wer die Arbeit erledigen würde, machte sich der 44-Jährige einen Tag später auf den Weg, mit einem Pick-up voller Wasserflaschen und Verpflegung, begleitet wurde er von seinem Freund Jonas Sauerwein. Eineinhalb Tage lang haben die beiden Männer in Walporzheim, einem Stadtteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler, Lebensmittel verteilt, eine Flutlichtanlage aufgebaut, Baumstämme zersägt, mit der Mainzer Berufsfeuerwehr einsturzgefährdete Häuser kontrolliert und Schlamm aus Kellern geschippt. Jasmin Schmalz hat viele lange Stunden nichts von ihrem Mann gehört. Und als er endlich wieder daheim war, habe er sich gleich nach draußen verdrückt, erzählt sie. »Er musste das erst einmal für sich verarbeiten.«

Ingo Schmalz hat an der Ahr Dinge erlebt, die er sich zuvor nicht hätte vorstellen können. Er erzählt von bärenstarken Waldarbeitern mit kalkweißen Gesichtern, die zwischen den Baumstämmen, die sie räumen sollen, Leichen finden. Von Freiwilligen, die 24 Stunden oder länger ohne jegliche Verpflegung im Einsatz sind. Von schockstarren Menschen in völlig zerstörten Häusern, die beim Eintreffen der wildfremden Helfer in Tränen ausbrechen. Von Krankenwagen und Polizeifahrzeugen, die umkehren müssen, weil ihr Einsatzort unerreichbar ist. »Die wussten nicht, dass die Straße weg ist.« Ingo Schmalz hat immer gedacht, dass Deutschland ein gut organisiertes Land sei. Dieser Glaube ist an der Ahr erschüttert worden. »Erst am Montag sind die ersten ›Tornados‹ über das Gebiet geflogen, um Bilder vom Katastrophengebiet zu machen«, berichtet er.

Mit dem spontanen Hilfseinsatz am ersten Wochenende nach der Katastrophe hätte das Kapitel Fluthilfe für die Familie beendet sein können. Doch dann machte sich Jasmin Schmalz in einem Facebook-Post auf ihrer Hofladen-Seite Luft. Sie dankte den Helfern, sie zog ihren Hut vor dem Durchhaltewillen der Betroffenen. Und sie übte heftige Kritik an der Schwerfälligkeit von Politik und Behörden: »Tauschen Sie mal zügig Ihre Champagnergläser gegen Schippe und Besen!« Solche Sätze hat sie geschrieben. »Das war hochemotional«, sagt sie rückblickend. »Aber ich stehe dazu.« Ganz offensichtlich hat sie einen Nerv getroffen. In den folgenden Tagen häuften sich die Anfragen: Was wird gebraucht? - Wie kann ich helfen? - Ich bin Krankenschwester und habe Urlaub. Wo muss ich hin?

»So sind wir da reingerutscht«, erzählt Jasmin Schmalz. Seit diesem Sommer betreiben sie und ihr Mann nicht nur Ackerbau, Hühnerhaltung, Schweinemast und ein stadtbekannntes Hoflädchen, sondern auch eine kleines private Hilfsorganisation. Sie haben Medikamente ins Katastrophengebiet geschickt, Werkzeuge, Schutzbrillen, Arbeitskleidung und frische Socken, immer nach Bedarf. Sie haben »Flutwein« verkauft. Sie haben den Kontakt zwischen der Gesamtschule Hungen und dem Ahrgymnasium vermittelt. Und sie haben Geldspenden gesammelt und an die Betroffenen übergeben. »Die Leute sprechen uns an«, sagt Jasmin Schmalz. »Sie sagen: Ihr wisst, wo es am ehesten gebraucht wird.«

Tatsächlich pflegt die Familie Schmalz den direkten Draht ins Flutgebiet. Ein Ansprechpartner ist Wilhelm Hartmann. Der Inhaber einer Gärtnerei in Fulda, der schon bei der Oder-Flut dabei war, hat von Anfang an die Einsätze der freiwilligen Helfer über die WhatsApp-Gruppe des Vereins »Land schafft Verbindung« koordiniert und auch Ingo Schmalz bei seinem Einsatz am 16. Juli gelotst. Ebenfalls eng sind die Beziehungen zur Familie Schneider, in deren Garten in Walporzheim das Versorgungslager errichtet wurde. »Hilfe ist wichtig«, wissen die Hungener. »Aber sie muss organisiert werden.«

Inzwischen war auch Jasmin Schmalz mehrfach an der Ahr. Dabei hat sie anfangs lange gezögert. »Ich kann solche Erlebnisse nicht gut abschütteln«, sagt sie. Umso lebhafter kann sie erzählen. In Walporzheim, das am Eingang zum Ahrtal liegt, sehe es mittlerweile richtig aufgeräumt aus. Aber der Eindruck trügt. »Im Erdgeschoss der meisten Häuser brennt abends kein Licht. Warum? Weil alles noch im Rohbau ist.« Die Wände seien nackt. »Man macht sich keine Vorstellung, wie kalt es dort ist.« Deshalb haben die Hungener und ihre zahlreichen Unterstützer zuletzt drei Lkw-Ladungen voller Brennholz ins Ahrtal geschickt.

Jasmin Schmalz hat die Erfahrung gemacht, dass die Betroffenen die Unterstützung gerne annehmen. Dank der großen Hilfsbereitschaft hätten sie wieder Hoffnung schöpfen können. »Aber sie wollen auch etwas zurückgeben. Sie sehen sich nicht als Opfer.«

Nach wie vor kritisch beurteilen die Eheleute die Art, wie der Staat in dieser Notsituation agiert hat. »Die Katastrophe ist das eine«, sagt Ingo Schmalz. »Aber dass die Mühlen in Deutschland so langsam mahlen...« Ohne die Freiwilligen wären die ersten Tage nach der Katastrophe ganz bitter geworden. Den 44-Jährigen haben solche Erfahrungen nachdenklich gemacht. Er hat gesehen, wie schnell man von einem Moment zum anderen in eine Notlage geraten kann. »Da würde man auch auf Hilfe hoffen.«

Ob er und seine Frau auch im kommenden Jahr weitermachen wollen mit ihrem Engagement fürs Ahrtal? Der Verstand sagt Nein. Der Hof, der Laden, die Familie: Daheim gibt es so viel zu tun. Das Herz sagt etwas anderes. Die beiden Hungener wissen: »Wer einmal im Ahrtal war, fährt immer wieder hin.«

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Jasmin und Ingo Schmalz © Ursula Sommerlad

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