"Der Heinrich war ein klasse Tenor"

  • Jonas Wissner
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Ehrungen für 40, 50, 60 Jahre im Verein sind keine Seltenheit, eine 80-jährige Mitgliedschaft dagegen schon. Heinrich Fuchs, 97 Jahre alt, ist eine Ausnahme. Erkennt er den Gesangverein noch wieder, dem er 1937 bei- getreten ist?

Achtzig Jahre Gesangverein haben viele Spuren in Heinrich Fuchs’ Leben hinterlassen – und in seinem Wohnzimmer. Neben von dunklem Holz umrahmten Uhren hängen Urkunden und metallene Reliefbilder an den Wänden. Erinnerungen an gute Jahre.

Als Fuchs als 17-Jähriger in den Gesangverein Mainzlar eintrat, waren die Nationalsozialisten bereits seit vier Jahren an der Macht. Der Arbeiter-Gesangverein wurde aufgelöst, der Mainzlarer Männerchor konnte weitermachen. Doch es fehlte – die Gegenwart lässt grüßen – an Nachwuchs. "Dem Gesangverein ging’s damals personell schlecht, da sind wir mit 15 Jugendlichen eingetreten", blickt der 97-Jährige zurück. Es war eine willkommene Abwechslung: "Damals gab es kein Fernsehen, über den Verein kam man dann auch mal raus und in die Wirtschaft."

Welche Lieder wurden damals in den wöchentlichen Singstunden geübt? Es seien Volkslieder gewesen, aber so genau wisse er das nicht mehr. "Jedenfalls keine englischen", sagt der Hochbetagte und lacht. Und auch keine braunen Parteilieder.

Wenige Jahre später verstummte der Männerchor. "Im Krieg war der Gesang eingestellt." Fuchs ging an die Ostfront. Beim Stöbern in alten Fotoalben tauchen zwischen Chor-Erinnerungen auch Kriegsbilder auf. Fuchs blättert flugs weiter. "Schreiben Sie bitte nicht, dass die Kriegsjahre in Russland die schönsten meines Lebens waren", mahnt er. Diese "zynische Bemerkung" habe ein Schreiber schon einmal gründlich falsch verstanden.

Um 1947 traf sich der Chor wieder. Statt feucht-fröhlich ging es bei den Singstunden in der Nachkriegszeit eher bierernst zu, erinnert sich Willi Zecher, ein Sängerkollege von Fuchs: "Da war schon Disziplin drin. Mittendrin mit dem Nachbarn schwätzen – das gab’s nicht. Wenn es zu laut wurde, hat der Dirigent auf das Klavier geklopft, dann war Ruhe." Umso entspannter verlief der gemütliche Teil im Anschluss, der Kneipenbesuch in geselliger Runde.

Mitunter fielen Vereinstermine und historisch bedeutende Ereignisse zusammen, zum Beispiel Anfang der 1950er Jahre: Fuchs entging der Gefangenschaft in Russland, viele andere Wehrmachtssoldaten fristeten die Jahre nach dem Krieg in sowjetischen Lagern. Die Überlebenden kamen nach und nach bis 1955 zurück. Wie war die Atmosphäre, als der Mainzlarer Chor für Spätheimkehrer sang? "Da wurde halt gesungen, das war selbstverständlich", antwortet der 97-Jährige im Brustton der Bodenständigkeit. Auch Beerdigungen, Hochzeiten, Wertungssingen, Dorf- und Sängerfeste gehörten zum Vereinsjahr stets dazu.

Wenn es um Freizeitaktivitäten geht, sind Gesangvereine nicht gerade der letzte Schrei für junge Leute. Nachwuchssorgen plagen viele Sängergemeinschaften. "Gucken Sie sich mal die Bilder von Gesangvereinen in der Zeitung an", sagt Fuchs, "da stehen nur alte Männer". Hat der Sänger-Veteran einen Tipp, wie man Jugendliche für dieses Hobby begeistern kann? "Es ist schwierig, junge Leute zu finden, die haben alle was anderes." Die örtliche Gemeinschaft habe in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt gelitten: "Früher saßen die Nachbarn hier an der Straße, jeder hat sich einen Stuhl geholt und alle waren zusammen. Das ist vorbei." "Da stehen heute nur noch Autos", wirft Zecher ein.

Seit 2003 ist Fuchs Witwer, Kinder hat er nicht. Umso mehr freut er sich über regelmäßige Besuche seines Vereinskollegen Willi Zecher, der einen Steinwurf entfernt wohnt. "Ich komme jeden Samstag hierher, da wartet er schon auf mich", erzählt Zecher, "dann geht’s um die alten Zeiten". Fuchs beugt sich derweil aus seinem Rollstuhl herunter, kramt gemächlich in alten Fotoalben im Wohnzimmerschrank. "Willi, ich find’s nicht!", ruft er seinem Freund zu. Die beiden kennen sich seit vielen, vielen Jahren, sind ein eingespieltes Team. Ist einem ein Datum oder Name entfallen, bemüht der andere sein Gedächtnis. Dann zückt Fuchs seinen Landesehrenbrief von 1986, der noch die Unterschrift von Ministerpräsident Holger Börner trägt. Auch ihn hat Fuchs überlebt. "Viele Freunde hab ich nicht mehr, die sind alle gestorben", sagt er.

Fuchs spricht langsam und bedächtig. Das Singen im Chor musste er nach 69 Jahren aufgeben, "weil die Stimme kaputt ist". Zecher lobt seinen Sängerfreund in den höchsten Tönen: "Der Heinrich war ein klasse zweiter Tenor, das kann man sagen!"

Anfang der 1970er kamen auch Alt- und Sopranstimmen dazu: Frauen durften nun endlich mitsingen. Das scheint heute selbstverständlich, kam damals aber nicht bei allen Männern gut an und brachte Veränderungen mit sich. "Wenn die Männer alleine sangen, ging’s danach hoch her. Als dann die Frauen dabei waren, ging’s ein bisschen andersrum", berichtet Zecher.

Mittlerweile trägt der Gesangverein den Zusatz "Voice Factory". Ehrenvorstandsmitglied Fuchs besucht noch immer Vorstandssitzungen. Doch wenn er sich aktuelle Notenhefte ansieht, blickt er in eine eher fremde Welt. "Die singen heute so viel auf Englisch", sagt er – eine Sprache, die um 1930 nicht im Lehrplan stand. "Als der Chorleiter mal mit Liedern auf Englisch anfing, hab ich ihn gefragt: ›Muss ich ein ernstes oder ein trauriges Gesicht machen?‹"

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