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Von Kindesbeinen an mit dem Betrieb verbunden: Ursula Franz und ihr Bruder Bernd Brixy vor der einstigen Waschhalle.

Heimstatt für den »Tiger im Tank«

  • Gabriele Krämer
    VonGabriele Krämer
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Öl- und Benzingeruch, Werkstatt- und Motorenlärm inmitten dichter Wohnbebauung - das ist heute hierzulande so gut wie unmöglich. Bis 1999 hat sich am Ortseingang von Steinbach die Tankstelle der Familie Brixy behaupten können - einst eine Institution im Dorf.

Die alte Waschhalle hinten im Hof ist inzwischen der optimale Abstellplatz fürs Wohnmobil. Und in der einstigen Werkstatt unterhalb des Wohnhauses ist seit etlichen Jahren ein renommierter Weinhandel ansässig. Nur noch das alte Firmenschild mit schwarzen Lettern auf leuchtend gelbem Grund kündet von der früheren Bestimmung des Anwesens: Seit rund 22 Jahren ist die Tankstelle Brixy im heutigen Fernwalder Ortsteil Steinbach Vergangenheit, ein Stück Dorfgeschichte.

Schließlich gab es in dem einstigen Familienbetrieb nicht nur Treibstoff, Fahrzeug- und Fahrrad-Zubehör sowie solide Kfz-Handwerksarbeit, sondern auch - und das vorzugsweise sonntagvormittags - anregende »Benzingespräche«. Bei so mancher Flasche Bier wurde gefachsimpelt und das Neueste aus »Stoabach« und Umgebung ausgetauscht.

Jene Zeiten sind in der Erinnerung von Bernd Brixy (72 Jahre) und seiner Schwester Ursula Franz (85) noch immer sehr präsent - das Miteinander im elterlichen Betrieb und dessen Entwicklung haben den Kfz-Meister und die gelernte Schneiderin geprägt. Beide müssen nicht lange überlegen, als sie nach der Firmengeschichte gefragt werden.

Opa Ludwig Schwalb hatte 1920 im Hellenweg 6 einen kleinen Betrieb gegründet. Dort vertrieb er damals Fahrräder, Nähmaschinen und Zentrifugen. »Sogar Zuckersteine und Waschpulver gab’s da«, weiß Ursula Franz noch aus Erzählungen. 1928 lernte ihre Mutter, die junge Anna Schwalb, einen feschen Autoschlosser aus St. Goarshausen auf der Steinbacher Kirmes kennen. Jener Hermann Brixy war bei Opel in Gießen und nebenbei als Taxifahrer beschäftigt. Er half fortan gern im Betrieb Schwalb mit - der Gesprächsstoff mit dem Schwiegervater in spe ging selten aus. Am 11. November 1930 gaben sich die jungen Leute das Jawort. Bald darauf übernahm Hermann Brixy den Betrieb. 1935 kam Ursula zur Welt. Mit dem Zweiten Weltkrieg wurden die Pläne der kleinen Familie zunächst völlig durcheinandergewirbelt.

1946 war der Entschluss gereift, mit einem Hausbau an der Gießener Straße, der heutigen Lahnstraße, neu anzufangen. »Dabei gab es damals eigentlich nichts«, erinnert sich Ursula Franz noch gut an damals (siehe Kasten).

Unerschütterlich marschierte ihre Mutter seinerzeit immer wieder ins benachbarte Garbenteich, um dort Fahrradreifen und -schläuche gegen diverse Baustoffe einzutauschen. Das Wohn- und Geschäftshaus wuchs, wurde 1947 bezogen - und mit der Geburt von Bernd 1949 wuchs auch die kleine Familie. Im gleichen Jahr machte Vater Brixy Nägel mit Köpfen: Die Werkstatt unten im Haus war eingerichtet, und so war es nun an der Zeit, eine Tankstelle zu eröffnen.

Ein Teil der Einwohner betrachtete das mit einer gewissen Skepsis, denn immerhin gab es damals bereits weiter unten im Dorf, am Ortsausgang in Richtung Lich, eine Tankstelle. Ob sich das also lohnen würde? Allerdings führte die Steinbacher Ortsdurchfahrt zu jener Zeit unmittelbar zur Autobahn-Ab- und -Auffahrt »Gießen-Ost« und war infolge dessen stark frequentiert. Individual- und Schwerlastverkehr quälte sich nahezu Tag und Nacht durch die dicht bebaute Ortslage. »Wir hatten viel gute und treue Kundschaft«, sind sich die Geschwister Ursula und Bernd einig. Morgens um 6 Uhr bediente Mutter die ersten Kunden, der Vater sperrte abends selten vor 22 Uhr ab.

Anfangs bestand die Tankstelle aus einer Sturzpumpe mit einem Zehn-Liter-Glas, Zug um Zug wurde modernisiert - gerade so weit, wie das Geld reichte. Hier eine Auswuchtmaschine, dort ein Bosch-Motortester. Der Liter Benzin kostete anfangs um die 40 Pfennig, das »Extra« gab’s für zwei Pfennig mehr. Ein besonderes Zugpferd für die Tankstelle Brixy, die Kraftstoffe des Mineralölunternehmens Esso vertrieb, war seit Mitte der Fünfzigerjahre ein haariger Geselle: »›Pack’ den Tiger in den Tank‹«, frohlockte der Esso-Tiger. »Die Werbung war einmalig«, resümiert Bernd Brixy. Die comicartige Werbefigur prangte nicht nur an der Zapfstelle und war als riesiges Emblem schon von weitem zu sehen: Zur Karnevalszeit wiesen große weiße, auf die Fahrbahn gemalte Tiger-Tatzen närrischen Steinbachern den Weg von der Tankstelle zum gegenüberliegenden »Hessischen Hof«, wo während der »tollen Tage« ausgelassen gefeiert wurde. Sonntags war an gleicher Stelle Kinovorführung - es dauerte nicht lange, bis sich die junge Ursula, die hin und wieder an der Tankstelle mitarbeitete, und der Zimmermann Herbert Franz, der sich als Filmvorführer etwas dazuverdiente, kennen und lieben lernten. 1957 wurde geheiratet, 1958 kam Tochter Petra zur Welt.

Durch die Reparatur von Autos, Fahrrädern und Motorrädern war (Groß-) Vater Hermann gut mit Arbeit und Aufträgen eingedeckt. Ein motorisierter fahrbarer Untersatz war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren für viele Familien im Dorf zwar noch unerschwinglich, doch nach und nach waren immer mehr Messerschmitt-Kabinenroller, Goggomobile, NSU-Prinz und dergleichen auf den Steinbacher Straßen unterwegs.

Die stolzen Besitzer waren sorgsam darauf bedacht, sie gut in Schuss zu halten. Was also lag näher, als der Tankstelle eine Waschhalle anzugliedern? Gesagt, getan. »Samstags kamen die Leute, das war ein Anlaufpunkt für Steinbach«, erzählt Ursula Franz und denkt an den Hochbetrieb zurück, der bisweilen am Wochenende auf dem Hof herrschte.

Irgendwann stieg dann auch Klein-Petra ins Tankstellengeschäft ein: »Ich konnte noch nicht lesen und schreiben, musste einmal pro Woche ein rotes und ein blaues Mäppchen zur Bank bringen.« Das waren, wie sie später erfuhr, die Wocheneinnahmen. Als Aushilfe verdiente sie im Teenageralter gutes Taschengeld: »Wasser prüfen, Ölstand messen, Scheiben reinigen - das war früher einfach Service. Mancher Autofahrer gab dafür sogar ein paar Pfennige extra«, erzählt die Arzthelferin. Noch gut in Erinnerung sind die US-amerikanischen Soldaten: »Die haben zwar mit Coupons bezahlt, aber immer wieder ein gutes Trinkgeld gegeben.«

Als der Schwiegervater im August 1974 starb, führte Herbert Franz den Tankstellenbetrieb weiter. Schwager Bernd legte die Kfz-Meisterprüfung ab und übernahm den Vertrieb von Opel-Ersatzteilen. In der Gießener Straße 20 wurde es allmählich eng: 1978 erbaute Bernd Brixy am Ruhberg sein eigenes Autohaus samt Wohnung. Von dessen inzwischen verstorbener Ehefrau Sigrid wurde Ursula Franz in die Geheimnisse der Buchhaltung eingeweiht - das Familienunternehmen war auf ein weiteres Standbein gestellt. 2006 verstarb Herbert Franz.

Nachdem 1982 die Ortsumgehung freigegeben wurde, ließ das Geschäft in der Gießener Straße nach: Der Durchgangsverkehr blieb aus, mit ihm die Kundschaft. Die Tankstelle wurde zur »Avia«-Kartentankstelle umgerüstet. 1999 wurde der Betrieb eingestellt - nach genau 50 Jahren.

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