Eine Branche in der Krise: Auch rund um Weihnachten ist es an den Flughäfen in diesem Jahr leerer als sonst. SYMBOLFOTO: DPA
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Eine Branche in der Krise: Auch rund um Weihnachten ist es an den Flughäfen in diesem Jahr leerer als sonst. SYMBOLFOTO: DPA

Krisenjahr 2020: Wird im neuen Jahr alles besser?

Heimische Reisebüros rechnen nicht mit einer Normalisierung

  • vonLena Karber
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Ein historischer Umsatzeinbruch von 80 Prozent macht das Jahr 2020 für die Reisebranche zum absoluten Krisenjahr. Und eine Normalisierung der Situation scheint nicht in Sicht.

Für die Reisebranche war das Jahr 2020 ein historisches Jahr - und zwar ein historisch schlechtes. Nach Schätzungen des Deutschen Reiseverbandes (DRV) verzeichneten Reisebüros und Veranstalter für das auslaufende Kalenderjahr einen Umsatzeinbruch von 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

"Die Situation ist bedrückend", sagt Jasmin Schreier von "Mein Reiseglück" in Hüttenberg. "Durch die undurchsichtigen Reisewarnungen und Quarantänevorschriften sind wir seit Monaten quasi lahmgelegt."

Schreier will die Pandemie "nicht kleinreden". Das betont sie mehrfach. Die meisten Vorschriften verstehe sie durchaus. Auch die globale Reisewarnung, die das Auswärtige Amt am 17. März für alle rund 200 Länder der Welt erlassen hatte - eine bislang beispiellose Maßnahme - sei in der Situation richtig gewesen. "Aber zwischendurch hätte ein bisschen mehr differenziert werden müssen."

Zu wenig differenziert: Pauschale Reisewarnung galt bis Oktober

Zwar wurden im Juni das EU-Ausland und ein paar einzelne Länder von der Reisewarnung ausgenommen, doch für andere Gebiete trat die pauschale Reisewarnung erst zum 1. Oktober zugunsten einer Differenzierung nach Risikogebieten außer Kraft. In dieser Zeit stiegen die Infektionszahlen vielerorts jedoch bereits wieder kräftig an und viele Länder, die den Sommer über niedrige Infektionszahlen gehabt hatten, waren nun ohnehin Risikogebiete.

Zudem, das berichten die Mitarbeiter mehrerer heimischer Reisebüros, ist die Nachfrage nach Reisen mit dem Ende der Sommerferien ohnehin wieder stark eingebrochen. Verschärfte Quarantäneregeln taten ihr Übriges. Gebucht wird kaum noch. Stattdessen bestimmen wieder Stornierungen, das Einfordern von Kundengeldern und Umbuchungen den Arbeitsalltag in den Reisebüros. "Mit Freude verkaufen hat das im Moment wenig zu tun", sagt Schreier.

Reisebüros dürfen geöffnet bleiben - doch finanziell rechnet sich das nicht

Trotz Lockdown dürfen die Reisebüros in Hessen bislang geöffnet bleiben. Regelungen wie die für die Gastronomie, wo Betreiber 75 Prozent des Vorjahresumsatzes als Wirtschaftshilfe erhalten, greifen damit nicht. Für die Reisebüros, wo in diesen Wochen normalerweise Hauptbuchungszeit wäre, würde sich das sicherlich mehr rechnen. "Nornalerweise buchen wir in dieser Zeit etwa 200 000 Euro im Monat", sagt Bianca Ludwig von der Reiselounge in Staufenberg. "Jetzt sind es 10 000 Euro, wenn wir viel haben."

Ähnlich sieht es bei Schreier in Hüttenberg aus. "Wenn ich meinen Novemberumsatz von diesem und letztem Jahr vergleiche - den Spaß habe ich mir traurigerweise mal gemacht - dann habe ich fünf bis zehn Prozent von dem, was ich letztes Jahr hatte", sagt sie.

Überbrückungshilfen: Kleinere Reisebüros kommen über die Runden

Trotzdem, sagt Schreier, wolle sie sich, was die finanzielle Unterstützung angeht, nicht beschweren - gerade als Solo-Selbstständige im Homeoffice. "Es reicht nicht, aber das, was mir zusteht, habe ich tatsächlich bekommen", sagt sie. "In anderen Ländern läuft das schlechter."

Auch die Reiselounge in Staufenberg kommt mit dem Geld einigermaßen über die Runden. "Die Überbrückungshilfe I, die wir im Sommer bekommen haben, war gut und auch recht schnell da", sagt Ludwig. Nun habe man Anfang Dezember die Überbrückungshilfe II beantragt. "Wenn die so genehmigt wird, wie unser Steuerberater das anvisiert hat, ist das okay", sagt sie. "Es ist eine Kostendeckelung. Wenn die Kurzarbeit verlängert wird, kann ich unsere Mitarbeiterin weiter bezahlen."

Die Kombination aus Überbrückungshilfen und der Möglichkeit der Kurzarbeit ist für viele Unternehmen im Tourismusbereich gerade essenziell. Laut DRV haben rund 80 Prozent der Reisebüros und Veranstalter in diesem Jahr Kurzarbeit beantragt.

Und ebenso hoch ist nach Angaben des Verbandes der Anteil an Unternehmen, für die eine Verlängerung der Überbrückungshilfen notwendig ist, um über den Winter zu kommen. Ein wenig überraschend dabei: Gegenwärtig sind es eher die größeren Unternehmen, die Alarm schlagen. Grund ist die Deckung der Wirtschaftshilfen, die zunächst bei 50 000 Euro lag, mittlerweile jedoch auf 200 000 Euro monatlich hochgesetzt wurde. Kleinere Unternehmen sind von diesen Beschränkungen nicht betroffen.

Von den Veranstaltern im Stich gelassen - für die Kunden da gewesen

Trotzdem fühlt sich Schreier im Stich gelassen - und zwar von Teilen der Reiseveranstalter. "Viele sind schlichtweg schlecht oder gar nicht zu erreichen", erzählt sie. "Seit Monaten wälzen sie die Arbeit komplett auf die Reisebüros ab."

Schreier hofft, dass sich die Erfahrungen, die die Kunden in der Krise gemacht haben, positiv auf das Geschäft der Reisebüros auswirken werden. "Wir haben die gleichen Preise wie online, aber eine komplette Beratung", sagt sie. "Ich bin für meine Kunden quasi rund um die Uhr erreichbar und habe auch Online-Kunden in der Krise geholfen, als sie keinen erreicht haben." Damit meint sie vor allem die Zeit im Frühjahr, als 240 000 gestrandete Deutsche im Zuge der größten Rückholaktion in der Geschichte der Bundesrepublik aus dem Ausland zurückgeholt werden mussten und die darauffolgende Stornierungs-Welle, bei der die Kunden oftmals an abgeschalteten Callcentern und nicht erreichbaren Veranstaltern verzweifelten. "Ich würde mir wünschen, dass die Kunden am Ende des Tages wissen, dass wir Reisebüros und Reiseveranstalter ihnen in dieser Situation geholfen haben", sagt sie. "Denn auch wenn eine solche Krise hoffentlich nie wieder eintritt - irgendwelche Probleme mit Reiseveranstaltern wird es immer mal geben."

Keine Normalisierung in Sicht - doch langfristig könnte es einen Nachholeffekt geben

Mit einer Normalisierung der Situation im Jahr 2021 rechnet in der Reisebranche kaum jemand. Langfristig könnte jedoch ein Nachholeffekt eintreten, prognostiziert der DRV. Ludwig kann sich das gut vorstellen. "Die Leute wollen alle weg, aber sie zögern noch", sagt sie. Angesichts der kostenfreien Umbuchungsoption sei das jedoch nicht unbedingt sinnvoll, meint sie. "Ich glaube, wenn die Impfungen losgehen, werden die Preise steigen."

Schreier setzt auf eine Normalisierung im nächsten Winter. "Dieses Jahr wird noch länger im Gedächtnis bleiben, aber irgendwann werden die Ängste weggehen", sagt sie. Dann sei durchaus mit einer Veränderung des Kundenverhaltens zu rechnen. "Ich glaube, dass Leute, die es sich leisten können, Once-in-a-Lifetime-Momente, von denen sie immer geträumt haben, schneller durchführen."

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