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Heimatkünstler mit Herz

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Von: Patrick Dehnhardt

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pad_manderla4_100122_4c_1 © Patrick Dehnhardt

Ein Künstler, der mit dem Fahrrad aufs Land fährt, um dort seine Staffelei aufzustellen und zu malen. Der sich bei Bauern bei einer Tasse Kaffee festquatscht und das auch noch in Mundart. Wilhelm Viehmann klingt wie ein Künstler, den man gerne kennengelernt hätte. Vor 50 Jahren verstarb er. Nun soll eine Retrospektive an ihn erinnern. Hans-Peter Manderla aus Langgöns kümmert sich darum.

Die Bilder von Wilhelm Viehmann sind wie ein Fenster in eine längst vergangene Zeit. Sie zeigen etwa das Licher Schloss anno 1970, Straßenzüge in Langgöns oder die Burgen am Gleiberg. Die dort dargestellten Getreidefelder sind längst abgeerntet, die Blumen schon lange verblüht und manch prachtvoller Baum ist mittlerweile gefällt. Auch der Künstler selbst lebt nicht mehr: Am 19. November 1971 verstarb Viehmann. Dieses Jahr soll er mit einer Retrospektive in Lang-Göns gewürdigt werden.

Vorbereitet hat diese Ausstellung Hans-Peter Manderla. Der Wahl-Langgönser ist nicht nur Sammler von Werken des Heimatkünstlers, sondern kannte ihn noch persönlich: Nur wenige Häuser entfernt von Wilhelm Viehmanns Atelier ist Manderla aufgewachsen. »Regelmäßig zeigte er mir, wenn ich vorbeilief, was er Neues gemalt hat.«

Viehmanns Markenzeichen waren die Zigarette, der Zigarillo oder die Zigarre im Mundwinkel. Gerne brach er mit dem verrosteten Fahrrad ins Gießener Umland auf, um seine Staffelei aufzustellen und den Malkasten auszupacken. Dabei fokussierte er sich auf das Schöne. Störende Elemente wurden im Rahmen der künstlerischen Freiheit auch mal weggelassen. »Ein Bild ist kein Protokoll«, schrieb Viehmann einmal. »Es ist schwierig, genau den Punkt zu finden, wo auf einem Bild die Nachahmung der Natur aufhören muss.«

Neben der Zigarette und der Aktentasche war eines seiner Markenzeichen der Spruch: »Ich habe wochenlang auf schönes Wetter gewartet. Jetzt muss ich raus und Motive sammeln!« Dabei kam es vor, dass er bei Bauern und Freunden auf dem Land landete und bei einem Tässchen Kaffee und frischem Kuchen über Gott und die Welt plauderte.

Viele seiner Werke entstanden in der freien Natur. »In meiner Werkstatt (Atelier klingt mir zu hochtrabend) male ich nur Blumen, eventuell auch Porträts«, schrieb Viehmann in einem seiner Briefe. Er hielt an anderer Stelle fest: »Malen ist keine Träumerei. Es ist in erster Linie ein handwerklicher Beruf, den man als guter Arbeiter ausüben muss.«

Viehmanns Satz »Die Male-rei ist dazu geschaffen, die Wände zu schmücken«, wirkt sehr pragmatisch - wäre jedoch ohne den Zusatz »Sie muss also möglichst reich sein« aus dem Kontext gegriffen. Ihm ging es darum, schöne Werke anzufertigen. »Ich liebe die Bilder, die mir Lust machen, darin spazierenzugehen, wenn es eine Landschaft ist«, schrieb er, »einen Busen oder einen Rücken zu streicheln, wenn es eine weibliche Figur ist.«

Eine Besonderheit von Viehmann ist, dass er an manchen Orten mehrfach Bilder malte. »Das war teils auf Bestellung, wenn ihm jemand sagte ›Mal mir die Burg Gleiberg‹«, sagt Viehmann-Experte Manderla. So gibt es eine Reihe von Bildern, die die Burgenlandschaft mit Vetzberg, Gleiberg und dem Dünsberg zeigen. Obwohl diese Werke von einem ähnlichen Standort angefertigt wurden, waren es nie Kopien. Die Perspektive ist minimal verschoben, der Bildinhalt stets aktuell wiedergegeben. Mal trocknen Hausten von Stroh auf dem Feld, mal blüht die Landschaft in den buntesten Farben.

Zudem hat sich Viehmanns Stil über die Jahre hinweg verändert: Anfangs noch sehr naturalistisch geprägt, sind die Werke in seinen späten Jahren deutlich abstrakter geworden. »Das zeigt sich beispielsweise im Vergleich von zwei Bildern, die den Schiffenberg aus gleicher Perspektive zeigen«, sagt Manderla.

Zu dieser Zeit hatte Viehmann auch seine größte Bekanntheit erlangt. 1969 präsentierte er in einer Ausstellung in der Gießener Kongresshalle 60 Ölgemälde. Auf seinem Zenit ereilte ihn eine schwere Krebserkrankung. Wenige Monate vor seinem Tod glaubte er, genesen zu sein, und schenkte dem Klinikum aus Dankbarkeit ein großformatiges Bild der Burgenlandschaften am Gleiberg. Vor 50 Jahren verstarb er dann.

Seine Werke sind noch heute in zahlreichen Wohnstuben im Landkreis zu finden. Manderla bekommt sie häufig zu Gesicht, wenn Erben nicht so recht wissen, was bei der Oma an der Wand hing, den Namen im Internet eingeben und auf den Sammler stoßen.

2016 gab es zuletzt eine Ausstellung im Lindener Rathaus. Um Viehmann nun zu seinem 50. Todestag wieder bekannter zu machen, hat Manderla eine Retrospektive zusammengestellt. Diese soll in der Volksbank-Filiale in Langgöns zu sehen sein. Der Wehrmutstropfen: Aufgrund der Pandemielage ist noch unklar, wann die Ausstellung öffnen kann. Bis dahin kann man jedoch in der Online-Galerie auf wilhelm-viehmann.de blättern und die Bilder des Heimatkünstlers genießen.

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pad_manderla2_100122_4c © Patrick Dehnhardt
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pad_manderla3_100122_4c_1 © Patrick Dehnhardt

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