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Heiligabend unterm Sternenzelt

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Von: Patrick Dehnhardt

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Die Heiligen Drei Königinnen unterwegs: Spielszene aus dem Krippenspielfilm der Kirchengemeinde Hungen. Er wird an Heiligabend vor Ort sowie online gezeigt. © pv

Das zweite Jahr in Folge bestimmt Corona die Weihnachtszeit. Wie gehen die Kirchen im Landkreis damit um? Eine Umfrage zeigt, sie setzen auf Angebote, die sich bereits 2020 bewährt haben. Online-Gottesdienste etwa. Gottesdienste in Präsenz finden vielerorts unter 2G-Regeln statt.

Marcus Kleinert sitzt in seinem Büro am Computer. Es gilt, Heiligabend vorzubereiten. Der Hungener Pfarrer schneidet das Krippenspielvideo. Bereits vor einigen Tagen wurde gedreht, die Geschichte dabei in die Neuzeit verlegt: Statt mit dem Esel kommen Maria und Josef mit dem Traktor nach Hungen. Beim Familiengottesdienst am kommenden Freitag soll der fertige Film dann gezeigt werden.

Die Weihnachtszeit sei stets für einen Pfarrer mit viel Arbeit verbunden, sagt Kleinert. Corona habe jedoch noch eine Schippe oben drauf gelegt. 2020 etwa, als nur Online-Angebote möglich waren, habe er in einer Woche 100 Stunden gearbeitet, um alles vorzubereiten. Dieses Jahr sei es da ein stückweit entspannter. »Ich gehe da lösungsorientiert heran. Man sollte nicht die Einschränkungen sehen, sondern was man in dieser Situation Gutes tun kann.«

Kleinerts Handy klingelt: Das Ordnungsamt der Stadt Hungen ist dran. Es geht darum, die Absperrung des Marktplatzes abzusprechen. An Heiligabend werden in Hungen drei Gottesdienste abgehalten. Der Familiengottesdienst verteilt sich auf drei Standorte. Auf dem Kirchhof wird es Gebet und Segen geben, im Schlosshof die Weihnachtsgeschichte vorgetragen und auf dem Marktplatz der Krippenspielfilm gezeigt, sagt Kleinert. Der Gottesdienst startet an allen drei Stationen um 15.30 Uhr, die Besuchergruppen wechseln dann mit Glockengeläut nach circa elf Minuten zur nächsten Station.

Und auch ansonsten zwingt die Pandemie Pfarrer Kleinert zu Neuem: Der Abendgottesdienst findet mit 60 Besuchern in der Kirche statt und wird im Internet und auf dem Marktplatz übertragen. »Ich habe noch nie einen Gottesdienst mit LED-Wand geführt«, sagt Kleinert. »So etwas gibt es sonst nur auf dem Kirchentag.« #

Alle Präsenzbesucher müssen sich anmelden, es gilt 2G, unter 18-Jährige bringen das Coronatestheft mit.

Und auch der Spätgottesdienst ist digital geprägt. Gläubige können sich via Internet mit Nachrichten beteiligen.

Nicht nur in der Schäferstadt, auch andernorts setzt man auf digitale Angebote. Die Kirchengemeinde Grüningen etwa verteilt CDs mit einem Video des Krippenspiels und überträgt es unter evangelisch-grueningen.ekhn.de. Den Präsenz-Familiengottesdienst unter 2G-Regeln dürfen nur die Familien der Krippenspielkinder besuchen.

»Die Gottesdienste können nicht wie gewohnt in vollen Kirchen gefeiert werden«, erklärt Pressesprecherin Uta Barnikol-Lübeck vom evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill. Superintendent Dr. Hartmut Sitzler gab bereits vor Wochen an die Gemeinden die Empfehlung heraus, mindestens den 3G-Standard einzuhalten oder Weihnachtsgottesdienste im Freien abzuhalten. Viele setzen sogar auf 2G und haben kreative Veranstaltungen entwickelt, In Krofdorf-Gleiberg finden beispielsweise die Christvespern um 15.30 Uhr auf der Wiese vor der Margarethenkirche und um 17 Uhr im Burghof statt, In Wißmar gibt es ab 15.30 Uhr auf der Kirchwiese drei halbstündige Andachten in Folge. Und in Hüttenberg hat man einen Open-Air-Gottesdienst kurzerhand auf den Parkplatz des Sportzentrums gelegt.

Es sind Aktionen wie diese oder wie die in Odenhausen, die den Menschen das Gefühl von Weihnachten geben sollen, auch wenn die Umstände eben alles andere als normal sind. »Engel sein to go« heißt es an Heiligabend in Odenhausen. Um die Kirche und im Gotteshaus hängen von 15.30 bis 17 Uhr verschiedenen Engelsflügel. Besucher sind eingeladen, sich davor fotografieren zu lassen und die Engelsbilder mit dazugehörigen Texten, die ebenfalls als Hoffnungsbotschaften zum Fotografieren aushängen, an andere Menschen zu verschicken.

Auch die evangelischen Kirche Hessen-Nassau hat Vorbereitungen getroffen. »Im zweiten Corona-Jahr gehen die Kirchengemeinden in der Region kreativ mit den Einschränkungen um und haben unterschiedliche analoge und digitale Angebote entwickelt«, sagt Pressesprecherin Angela Stender. »An diesen können konform zu den aktuellen Vorgaben Menschen aller Generationen teilnehmen, ohne sich gegenseitig zu gefährden.«

Stender rät dazu, sich auf den Internetseiten und über die Schaukästen der Gemeinden über Gottesdienstzeiten und Anmeldeverfahren zu informieren. »Die Zahl der Plätze ist begrenzt, und es soll niemand an der Kirchentür abgewiesen werden.« Auch hier sind es überaus kreative Angebote, die man den Gläubigen zum Fest macht.

Als »Sternenzug« rollt am 24. Dezember die Kirche durch Bieber, Rodheim und Vetzberg. Feuerwehr, Vereine und Familien haben Anhänger mit Holzfiguren aus der Weihnachtsgeschichte bestückt und fahren durch die Orte. Start ist um 16 Uhr am Bürgerhaus Bieber. In Königsberg können Besucher die Weihnachtsgeschichte auf einem Stationenweg sehen und erleben, wofür ein QR-Code-fähiges Handy benötigt wird.

Auf dem Parkplatz der Kirche in Watzenborn-Steinberg ist ein Open-Air-Familiengottesdienst geplant. In Großen-Buseck soll der Gottesdienst mit Krippenspiel auf dem festlich beleuchteten Anger stattfinden.

Die Peterskirche in Großen-Linden hat ihr Krippenspiel bereits als Film aufgezeichnet, und wird es als Livestream an Heiligabend via Internet übertragen. So können Gläubige, die keinen Platz mehr in der Kirche bekommen haben oder auf den Gottesdienstbesuch verzichten wollen, dennoch die christliche Gemeinschaft pflegen.

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