"Direkt an der Autobahnabfahrt, eigene Metzgerei, Fremdenzimmer mit fließend Wasser, Zentralheizung": Das Steinbacher Gasthaus "Zum Einhorn" als Postkartenmotiv in den Fünfzigerjahren. Oben rechts: Seniorchefin Anna Hahn ("Tante Anna", 1913-2007). Fotos: privat, Verlag Schöning & Co. (Lübeck)
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"Direkt an der Autobahnabfahrt, eigene Metzgerei, Fremdenzimmer mit fließend Wasser, Zentralheizung": Das Steinbacher Gasthaus "Zum Einhorn" als Postkartenmotiv in den Fünfzigerjahren. Oben rechts: Seniorchefin Anna Hahn ("Tante Anna", 1913-2007). Fotos: privat, Verlag Schöning & Co. (Lübeck)

Hausmannskost bei "Tante Anna"

  • Gabriele Krämer
    vonGabriele Krämer
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Ortsmittelpunkt, Etappenziel, Hausmannskost, rauschende Feiern und ein Hauch von "großer, weiter Welt" - geöffnet an 365 Tagen im Jahr: Bis heute denken Generationen ab 50+ wehmütig an das "Einhorn" zurück. Das Gasthaus in Steinbach war mehr als eine Wirtschaft mit Metzgerei. Hier kehrte halb Deutschland ein.

Einen Tisch reservieren? Das war ebenso unüblich wie unnötig - das "Einhorn" bot allein im Erdgeschoss Platz für 120 hungrige Mäuler und durstige Kehlen. Und wurde der Andrang auf "Bellschouh", Rippchen mit Kraut oder den klassischen Sonntagsbraten in der großen Speisegaststätte zu gewaltig, dann gab’s neben dem "Jägerzimmer" und dem "Stibbche" schließlich noch ein Stockwerk höher den geräumigen Saal; da hatten leicht 130 Leute Platz. Fernfahrer, Busreisende, Urlauber stellten sich in Massen erst ab den Fünfziger-/Sechzigerjahren ein. Doch schon in den Jahren zuvor erforderte der ganz normale Wirtshausbetrieb ein Höchstmaß an Logistik: Allein im großen Saal, der gern von Vereinen genutzt wurde, musste nahezu jeden Tag das Inventar umgestellt werden. Im Winter waren die zwei Öfen mit Sägemehl zu füllen, eine meterhohe Bretterwand musste als Abtrennung eingefügt werden.

Auf der Bühne stapelten sich die Sportgeräte; hier fand die Turnstunde mit Barren und Reck statt. Hier spielte man Tischtennis, traf sich zum Tanz und zur Singstunde, aber auch zum Beerdigungskaffee. Nach dem Krieg wurden an den Wochenenden im Saal manchmal auch Kinofilme vorgeführt, Herzschmerz in Schwarzweiß zum Eintrittspreis von 20 Pfennigen.

In "Steinbach an der Autobahn", wie sich das Dorf ab Oktober 1937 nicht ohne Stolz nannte, profitierten die Wirtsleute noch vor dem Krieg von der guten Verkehrsanbindung. Wer über die A 5 von Kassel oder Frankfurt kam und nach Gießen wollte, der musste zwangsläufig mitten durch Steinbach. Angefangen hatte die Geschichte aber schon 1814, als das "Einhorn" seinen Betrieb als "Ausspanne" aufnahm. Vorher war es nur eine Schnapsbrennerei, doch nun kam auch der Ausschank von Bier, Wein und Schnaps hinzu. Die Bauern aus der Umgebung und die Salzhändler aus Bad Nauheim, die jede Woche ihre Waren in Gießen verkauften, machten hier Station.

Zeitsprung. 1938 übernahmen Anna Hahn geb. Krämer ("Damboursch Anna") und Metzgermeister Otto Hahn I. von seinen Eltern Eleonore und Ludwig Hahn II. das "Einhorn. Drei Töchter wurden geboren. Margot, Anna-Marie (Anni) und Edith - zum Leidwesen von "Oahernersch Otto" kein Sohn. In Gaststätte, Metzgerei und Landwirtschaft gab es schließlich alle Hände voll zu tun. Zu versorgen waren überdies zwei Kühe, Schweine und zwei Ziegen, wie sich Edith Engel, die jüngste der drei Töchter erinnert. Nur zu gut hat die heute 77-Jährige auch noch die Kegelbahn im Freien hinter dem einstigen Gasthaus vor Augen: Die war zwar längst nicht mehr in Betrieb, aber dort feierten die Steinbacher bis Anfang 1950 ihre Kirmes - danach wurde das Volksfest ein paar Nummern größer im Wiesgarten abgehalten.

Das bedeutete acht Tage Arbeit - allein drei Tage wurde aufgebaut, vom Herd angefangen bis zu den Spülwannen. "Alle Geschwister von Anna und Otto mussten mithelfen", sagt Edith Engel. Ihre Mutter, bis zuletzt von aller Welt liebevoll "Tante Anna" genannt, war Kirmesmutter und eröffnete stets mit ihrem Otto den Kirmestanz. Damals hielten Gastwirte ("Zum Einhorn", "Zum Ritter") und ihre Burschenschaften die Kirmes.

Opa Ludwig hatte auch seine Aufgaben. Er fabrizierte etwa die Späne fürs Herdfeuer und versorgte das Vieh. "Später hat er die ›leichten Mädchen‹ unterhalten, die mit den Fernfahrern quer durch Deutschland gefahren sind", erinnert sich die Enkelin augenzwinkernd, die selbst mehr als ihr halbes Leben lang in dem Gasthaus gearbeitet hat. Oma Lore war für die drei Mädels zuständig, flocht deren Haare zu Zöpfen, machte sie fertig für die Schule. In der Wirtshausküche schälte sie endlos Kartoffeln, putzte Gemüse und Salat. Mit dem immer stärker werdenden Straßenverkehr mauserte sich das "Einhorn" zu einem überregionalen Ziel. 1955 rückten die Baufahrzeuge an, mehrere Häuser mussten für das neue "Einhorn" weichen, ein großer Parkplatz für bis zu 100 Pkw entstand.

In dem Gasthaus gab es nun auch ein Dutzend Fremdenzimmer (Werbung auf einer Postkarte: "...mit fließendem Wasser"), die zunächst hauptsächlich von Fernfahrern und Bauarbeitern nachgefragt waren. Letztere fanden in der Wirtschaftswunderzeit in Steinbach und Umgebung gute Arbeit.

Als immer mehr Urlauber auch aus Dänemark und Schweden auf der Durchreise ein Quartier in Steinbach nachfragten, wurde 1956 ein Motel erbaut - fortan gab es zwölf Zimmer mit insgesamt 26 Betten mehr und zehn Garagen. Kaufleute, Fahrer, Vertreter, Politiker und Prominente stiegen gern im "Einhorn" ab. So auch Hans-Joachim Kulenkampff ("Kuli") auf dem Weg zu einer Sendung "Einer wird gewinnen". Einer der Wirtshausgäste hatte den Fernsehstar erkannt und einen anderen Zecher aufmerksam gemacht. Der hatte allerdings nur mit den Achseln gezuckt und lapidar befunden: "Wenn das der Kuli ist, dann bin ich der Kaiser von China". Edith Engel kann sich noch gut daran erinnern, wie "Kuli" in der fraglichen Sendung dem erstaunten Fernsehvolk erzählte, bei Gießen auf den Kaiser von China gestoßen zu sein...

1958 mussten die Kegelbahn und Großmutters geliebter Garten mit vielen Obstbäumen an der Liebigstraße weichen: Quer durch den Hof wurde eine Straße gezogen, so dass Fahrzeuge nun das Grundstück "durch die Hintertür" verlassen konnten.

Das zahlte sich spätestens dann aus, als das "Einhorn" zum Etappenziel etlicher Busreisegruppen wurde. Edith Engel: "Im Sommer waren mittags bis zu sieben Busse da." Viel Arbeit - viel Bedarf an Personal: In Spitzenzeiten waren allein im Lokal drei feste Bedienungen und bis zu sechs Aushilfen, in der Metzgerei zwei Festangestellte und zwei Aushilfen tätig, in der Schlachterei arbeiteten drei Metzger. Küchenchefin Else Arnold hatte neben Oma Lore und der "Boppe Gäthe" stets drei bis vier Frauen an ihrer Seite, um die Essensbestellungen zügig abzuwickeln. An der Theke wurde zu zweit gearbeitet, denn dort wurden auch Zeitungen und Eis verkauft. Geöffnet war an 365 Tagen im Jahr, von 6 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts. 1965 übernahm Tochter Anni das Lokal von den Eltern, Ehemann Burghard Ullrich war als Metzgermeister in der Schlachterei tätig. Das Unternehmen florierte - ein Hotel wurde gebaut. Derweil sorgte eine weitere Neuerung nicht nur in Steinbach für Gesprächsstoff: Am hinteren Ende der Garage war ein Erotik-Shop eingezogen - "anfangs ganz schön frivol für das Dorf", berichtet Edith Engel. Ihre Eltern waren damals in ihrem Wochenendhäuschen in Lindenstruth mit ihrem dortigen Nachbarn - dem "Orion"-Chef Susemichel (Heuchelheim) - ins Gespräch gekommen und bezüglich einer neuen Filiale handelseinig geworden. Hin und wieder hat Edith Engel in Steinbach beobachtet, wie Autofahrer eine Lücke zwischen zwei geparkten Lkw nutzten, um ungesehen von dort aus in den Shop zu huschen. Später habe sich die Kundschaft offenkundig arrangiert: "Die Steinbacher sind nach Heuchelheim, und die Heuchelheimer haben in Steinbach geshopt".

Das Rad der Zeit drehte sich unaufhörlich - Folge des wachsenden Fahrzeugverkehrs war der Bau der Umgehungsstraße, die im November 1982 eröffnet wurde.

"Gießen-Ost" blieb nicht die einzige Autobahnabfahrt in Richtung Gießen: Vom Reiskirchener Kreuz/A 480 (Gießener Ring) und über das Gambacher Kreuz/A45 konnten Autofahrer schon bald ebenfalls zum Ziel kommen. Busse und Urlauber wurden weniger. Ende 1990 wurde das "Einhorn" geschlossen und später verkauft.

Im Laden befindet sich heute eine Filiale der Metzgerei Schneider (Lich), im einstigen Lokal ist ein Versicherungsbüro angesiedelt, in den Nebenräumen der Geschenkeladen "Jenny’s" mitsamt Postfiliale. Am Ort der früheren Garage hat seit 2001 Elektro Dörr seinen Sitz, nebenan ist Monika Albohn mit ihrem Friseursalon daheim. Hotelzimmer wurden zu Appartements. Im Gießener Land sind das "Einhorn" und "Tante Anna" unvergessen.

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