Hausarrest mit Meeresblick

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Der Strand liegt zum Greifen nah und ist doch unerreichbar … Dass die Einschränkungen wegen Corona-Epidemie weitaus strikter sein können als bei uns in Deutschland, erleben die Anneröder Autorin Jutta Seifert und ihr Mann Volker gerade in ihrem Ferienhaus in der Normandie.

Dieses Ferienhaus mit dem fantastischen Meeresblick durften viele kennenlernen. "Belle vue sur mer" hieß das Buch, das Jutta Seifert vor einigen Jahren über ihr Urlaubsdomizil in der Normandie geschrieben und aus dem sie auf vielen Veranstaltungen vorgelesen hat. Die Halbinsel Cotentin ist der Journalistin aus Annerod und ihrem Ehemann Volker längst zur zweiten Heimat geworden, jedes Jahr verbringen sie dort mehrere Monate. Doch diesmal ist alles anders. Den Blick aufs Meer können sie täglich genießen, aber an den Strand dürfen sie nicht. Der Lockdown, der hier confinement heißt, erlegt allen Menschen in Frankreich strenge Regeln auf.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Seiferts sind weit entfernt davon zu jammern. Im Gegenteil: "Wir als Rentner sind uns bewusst, wie privilegiert unsere Lage ist und nehmen die Einschränkungen mit Gelassenheit." Und, zumindest was Jutta Seifert betrifft, auch mit einer gehörigen Portion journalistischer Neugier. "Nachrichten aus dem confinement" hat sie einen Bericht an die einstigen Kollegen in der Redaktion der Gießener Allgemeinen überschrieben. Und die Lektüre der lokalen Presse gehört gerade in diesen Zeiten natürlich dazu.

Als die Eheleute am 15. März ihren VW-Bus bestiegen und mit der 14 Jahre alten Schäferhündin Lara Richtung Westen fuhren, waren in Deutschland gerade Schulen und Kindergärten geschlossen worden. Dass aber Präsident Macron seinen Landsleuten nur einen Tag später Hausarrest verordnen würde, ahnten sie nicht.

Die 960 km lange Reise verlief problemlos, aber nach der Ankunft sahen sich die beiden Fernwälder jäh mit einer strikten Ausgangssperre konfrontiert. "Wenn man das Haus verlässt, muss man jedes Mal einen Zettel ausfüllen, auf dem Name, Adresse, Geburtstag und -ort sowie Grund und Zeitpunkt der Ausfahrt vermerkt sind. In den Supermarkt und in die Apotheke darf man. Sonst sind alle Läden zu", schreibt Jutta Seifert. Auch sie und ihr Mann haben den geforderten Laufzettel immer brav bei sich. Kontrolliert wurden sie bislang allerdings noch nie. Die Gendarmen achteten vor allem auf Autos aus dem Großraum Paris. Die Großstädter sollen daran gehindert werden, aus ihrer Isolation auszubrechen und raus aufs Land und ans Meer zu fahren.

Um ihre eigene Situation machen sich die Eheleute wenig Sorgen. Mit der Oma im Pflegeheim in Gießen halten sie telefonisch Kontakt, ihre ehrenamtliche Arbeit als Vorsitzende des Vereins "Angehörigengruppe Mittelhessen" erledigt Jutta Seifert per E-Mail oder Telefon. "Die meisten Termine sind eh abgesagt, also kein Grund zu Panik", schreibt sie. Und weil am Haus und auf dem 1,5 Hektar großen Grundstück gerade im Frühjahr immer viel zu tun ist, wird’s auch nicht langweilig, obwohl der Aufenthalt mittlerweile schon einen Monat länger dauert als ursprünglich geplant.

Was sie vermissen, sind die Wochenmärkte, die es sonst überall gibt und die seit März untersagt sind. Immerhin ist für die kommende Woche Entspannung angesagt: Die Märkte dürfen wieder stattfinden, aber Bars und Restaurants bleiben noch zu.

Die Menschen im Departement Manche hat der confinement hart getroffen. Der Tourismus, hier wie überall im Land ein wichtiges wirtschaftliches Standbein, liegt brach. Eigentlich beginne die Saison zu Ostern, aber momentan sehe man keine Gäste, berichtet Jutta Seifert. "Die Gemüsebauern, die Käseverkäuferinnen, die Imker, Fischer und Austernanbieter auf dem Markt werden ihre Produkte kaum los." Und der zweitgrößte Arbeitgeber der Region, das Atomkraftwerk Flamanville, habe beide Reaktoren bis Oktober heruntergefahren und einen Großteil der Belegschaft in Kurzarbeit geschickt. "Die Zeitungen sind voll von Stimmungsbildern aus der Bevölkerng, man schwankt zwischen Sorge, Resignation und der Suche nach Ideen."

Ob sie gefahren wären, wenn sie gewusst hätten, was auf sie zukommt? Jutta Seifert findet die Frage hypothetisch. "Wir wussten es ja nicht. Wie ganz Frankreich wurden wir überrascht!"

Gerade aber ändert sich die Lage, die Regierung hat Lockerungen in Aussicht gestellt. Hatte bislang nur der Supermarkt geöffnet, dürften vom kommenden Montag an auch andere Geschäfte wieder loslegen. Ebenso die Wochenmärkte. Und die Laufzettel werden abgeschafft.

Strände vorerst weiter tabu

Die Strände im ganzen Land aber sollen noch bis zum 1. Juni tabu bleiben. In der Normandie und im Departement Manche, wo es, anders als im Osten des Landes, nur wenig Corona-Infektionen gibt, regt sich dagegen Widerstand. Auch Jutta Seifert erscheint diese zentrale Regelung ein wenig widersinnig. "Der Strand hier ist selbst im Hochsommer so leer, dass sich bestimmt niemand irgendwo anstecken könnte."

Offiziell ist ab dem 11. Mai der Einstieg in das "déconfinement" angesagt, diesen Termin wollen Seiferts noch abwarten und hoffen danach auf eine hindernisfreie Heimreise. Denn auch daheim in Annerod wartet viel Arbeit, wie Jutta Seifert weiß. "Irgendwann muss ich meinen Garten daheim ja auch mal machen."

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