Das Patientenaufkommen bei den Hausärzten normalisiert sich. Ins Krankenhaus oder zum Facharzt wollen viele Leute aber immer noch nicht. ARCHIVFOTO: FOTOLIA/MILATAS
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Das Patientenaufkommen bei den Hausärzten normalisiert sich. Ins Krankenhaus oder zum Facharzt wollen viele Leute aber immer noch nicht. ARCHIVFOTO: FOTOLIA/MILATAS

Corona

Hausärzte mit deutlichen Einbußen im zweiten Quartal

  • vonLena Karber
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Wochenlang waren die Hausarztpraxen wie leer gefegt. Nun kommen die Patienten wieder, doch Normalität ist noch nicht eingekehrt. Fünf Allgemeinmediziner aus dem Kreis Gießen berichten.

Leere Wartezimmer, selbst am Montagmorgen - dieses ungewohnte Bild bot sich vielerorts in den vergangenen Wochen. Aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus versuchten viele Menschen, so weit es irgendwie ging, auf den Besuch beim Arzt zu verzichten. Selbst Krankschreibungen waren bis Ende Mai per Telefon möglich.

Mittlerweile scheint in die Arztpraxen im Kreis jedoch ein Stück Normalität zurückzukehren. Zwar gelten immer noch verschärfte Sicherheitsvorkehrungen, Termine müssen oftmals telefonisch vereinbart werden und sind weniger eng getaktet. Doch: "Seit vier, fünf Wochen sehen wir, dass die Leute sich wieder aus dem Haus trauen", berichtet Johannes Bui, Facharzt für Allgemeinmedizin in Holzheim.

Ausgleichen kann der Wiederanstieg der Patientenzahlen die Bilanz des zweiten Quartals jedoch nicht. Die Abrechnung ist zwar noch nicht überall abgeschlossen, mit Einbußen zwischen zehn und 25 Prozent rechnet man aber in den befragten Praxen in Holzheim, Großen-Buseck, Grünberg und Reiskirchen. Peter Quoika, der in seiner Reiskirchener Praxis seit Jahren Statistik führt und dessen Zahlen nach eigenen Angaben "saisonal bereinigt" sind, spricht von Einbußen in Höhe von 15 Prozent.

Eine Ausnahme ist offenbar die Laubacher Praxis von Günter Stephan, der nicht erwartet, dass das Virus Auswirkungen auf die Quartalsabrechnung hat.

Im Umgang mit dem Virus haben sich die Praxen in den vergangenen Monaten zum Teil für unterschiedliche Wege entschieden. So wurden Hausbesuche zur Senkung des Infektionsrisikos meist heruntergefahren oder ganz eingestellt, Ulrich Hentschel aus Großen-Buseck entschied sich hingegen dafür, Patienten auch zu Hause zu besuchen, wenn keine absolute medizinische Notwendigkeit bestand. Für einsame ältere Menschen sei man manchmal "Psychologe, Pfarrer und Arzt in einem", meint er. "Es tut den Leuten gut, und eine gute Psychologie ist auch eine gute Medizin."

Unterschiedliche Standpunkte vertreten die Praxen auch in Bezug auf Videosprechstunden. Während Hentschel, Bui, Stephan und Quoika sich gegen diese entschieden haben, bietet Petra Meermann in Grünberg auch eine Beratung am Bildschirm an. Damit gehört sie laut einer bundesweiten Studie der Stiftung Gesundheit zur Mehrheit von 62,5 Prozent der Ärzte, die aktuell Videosprechstunden anbieten oder kurzfristig welche einrichten wollen - ein Ergebnis von Corona. Obwohl Videosprechstunden bereits seit 2017 über die Krankenkassen abgerechnet werden können, haben 94,1 Prozent der aktuellen Anbieter das Angebot erst 2020 eingerichtet.

Dass vier der fünf zufällig befragten Praxen im Kreis Videosprechstunden weiterhin ablehnen, darf selbstredend nicht als repräsentative Quote verstanden werden. Doch vermutlich spielen die ländlichen Bedingungen hierzulande schon eine Rolle. Denn neben dem Argument, dass der direkte Kontakt für die Diagnose-Stellung unerlässlich sei, führen die meisten der Befragten das hohe Durchschnittsalter ihrer Patienten als Grund dafür an, dass sie keine Videosprechstunden einführen.

Für Meermanns hingegen ist gerade die ländlichen Lage sowie die Nähe ihrer Praxis zum Vogelsberg, wo die Praxisdichte geringer sei, ein Argument für das Onlineangebot. "Ich sehe das nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung", sagt sie. Ein mögliches Einsatzgebiet sei etwa die Beantwortung von Fragen zur Medikamenteneinnahme oder die Besprechung von Blutzuckerwerten. Auch über die Corona-Pandemie hinaus möchte Meermann daher an den Videosprechstunden festhalten.

Auch wenn die Hausärzte wieder besser besucht werden - Hentschel schätzt, dass er bei einer Auslastung von etwa 80 bis 90 Prozent liegt - hat der Leerlauf in den Praxen Spuren hinterlassen. So berichtet Bui, dass nun Patienten zu ihm kommen, die ihre Beschwerden seit Wochen haben. "Da ist man schon an Punkten angelangt, wo man eigentlich gar nicht sein will", sagt er und weist auf ein weiteres Problem hin: Viele Patienten lehnen aktuell einen Krankenhausaufenthalt ab - aus Angst vor dem Virus und wegen der geltenden Besuchseinschränkungen.

Quoika und Meermann berichten, dass viele Patienten zudem auch Facharzttermine weiterhin meiden. Dabei sei das angesichts der niedrigen Infektionszahlen und der zahlreichen Hygienemaßnahmen nicht nötig, zumal Fachärzte ja seltener mit infektiösen Patienten zu tun haben als Allgemeinmediziner. Und aktuell gebe es tatsächlich öfter mal eine Lücke in den vollen Terminkalendern der Facharztpraxen. "Das mit dem Warten ist so eine Sache", sagt Meermann. "Ich bin kein Virologe, aber ich fürchte, dass die Situation zum Herbst hin, wenn die normalen Erkältungskrankheiten wieder dazukommen, eher komplizierter wird."

Bestätigte Corona-Fälle

Die befragten Allgemeinmediziner hatten mit dem Virus selbst in ihren Praxen nicht viel zu tun. Veränderte Bedingungen und Verdachtsfälle gab es überall, doch Ulrich Hentschel (Großen-Buseck), Petra Meermann (Grünberg) und Peter Quoika (Reiskirchen) hatten bislang keine positiv getesteten Patienten. Bei Johannes Bui (Holzheim) und Günter Stephan (Laubach) verliefen alle Fälle glimpflich und konnten ambulant behandelt werden

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